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Foto © Katja Illner

Der perfekte Choreograf

DANCE CLINIC
(Choy Ka Fai)

Besuch am
29. Juni 2017
(Urauf­führung)

 

Tanzhaus NRW, Düssseldorf

Jetzt sind sie also da, die neuen Residenz­künstler, die im Tanzhaus NRW factory artists genannt werden. O‑Ton hat sie bereits vorge­stellt. Als erster stellt sich Choy Ka Fai dem Düssel­dorfer Publikum mit der Urauf­führung Dance Clinic vor, die er bereits im Vorfeld seiner Residenz erarbeitet hat und die deshalb auf Englisch stattfindet.

Alle drei Residenz­künstler sind englisch­sprachig. Sie sind für die kommenden zwei Jahre einge­laden, das Tanzhaus als Recherche‑, Produk­tions- und Auffüh­rungsort zu nutzen. Außerdem sollen sie „neue Impulse in das Tanzhaus hinein­tragen“, erhofft sich die Produk­ti­ons­stätte für zeitge­nös­si­schen Tanz. In gewisser Weise haben sie das bereits geschafft, indem sie das Tanzhaus auffordern, sich mit einem gesamt­ge­sell­schaft­lichen Problem zu beschäf­tigen und dafür eine Lösung zu finden. Und die kann nicht heißen, wer uns und unsere Arbeit in Düsseldorf verstehen will, muss Englisch können. Englisch als kleinster gemein­samer Nenner kann in einer Gesell­schaft, die zwar zunehmend inter­na­tio­naler wird, aber eben immer noch zu einem Großteil aus deutschen Bürgern besteht, die zu wiederum großen Teilen allen­falls über mittel­mäßige Schul-Englisch­kennt­nisse verfügen und auch gar nicht die Notwen­digkeit sehen, sich mit mehr ausein­an­der­zu­setzen, auf Dauer kaum funktio­nieren. In der Vergan­genheit haben wir gesehen, dass wegen der „Gastar­beiter“ die aller­we­nigsten Kölner Türkisch oder Italie­nisch gelernt haben.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Choy Ka Fai zeigt an diesem Abend schon mal eindrücklich, dass es mit der vielbe­schwo­renen inter­na­tio­nalen Sprache des Tanzes nicht getan ist. Denn der „Tanzabend“ ist ein Werbe­vortrag für seine Tanzklinik. Die basiert auf einem uralten Mensch­heits­irr­glauben. Wenn wir nur genau genug beobachten, Daten sammeln, auswerten und inter­pre­tieren, können wir perfekte Maschinen schaffen, die uns die Arbeit abnehmen und erheblich besser erledigen, als Menschen das jemals könnten. Choy überträgt das im digitalen Zeitalter auf die Suche nach dem perfekten Choreo­grafen, indem er gewaltige Daten­samm­lungen anlegen lässt, die von Computern ausge­wertet werden. All das trägt der Tanzdoktor, wie er sich selber nennt, anhand einer überdi­men­sio­nalen Präsen­tation vor, die in eine gerade begin­nende Zukunft verweist, indem sie viel Dreidi­men­sio­na­lität verwendet. Das ganz große Thema bei den Software-Firmen, das Microsoft gerade mit der neuesten Ausgabe seines Betriebs­systems angeht. Noch sieht das alles ein wenig rudimentär aus, aber die Richtung ist klar. Und eindrucksvoll ist allemal, was die Designer Yusuke Kimura, Brandon Tay und Ryoya Fudetani unter Beratung von Mi You präsentieren.

Nur eben nicht für Menschen, die gekommen sind, um Tanz zu sehen. Da ist es gut, dass der Tanzdoktor zwei „Fallstudien“ mitge­bracht hat. Ganz in schwarz und von Kopf bis Fuß verkabelt, tritt die Kölnerin Tänzerin und Choreo­grafin Susanne Grau vor die Riesen­leinwand. Wunderbar, wie sie – ebenfalls mit dem Hilfs­kon­strukt Englisch, warum eigentlich – deutlich macht, warum aller Glaube in die Technik ein Irrglaube bleiben muss. So richtig versteht sie nämlich nicht, was der Tanzdoktor von ihr will. Und damit sind alle Messungen für die Katz‘, führen entspre­chend zu absurden Ergeb­nissen. So einfach ist das mit dem perfekten Choreo­grafen, Zahnarzt, Ingenieur. Es wird sie alle nicht geben.

Susanne Grau und Choy Ka Fai – Foto © Katja Illner

Choy führt unter­dessen seine Tanzklinik munter und unver­drossen weiter. Nachdem die erste Fallstudie gnadenlos versagt, er sie aber rheto­risch in einen Erfolg umwandelt, kann er auch die zweite Fallstudie präsen­tieren. Und eröffnet damit das nächste Diskus­si­onsfeld. Unauf­richtige Kommu­ni­kation mag zwar zu kurzfris­tigen Erfolgen führen. Zu einer System­än­derung, die eine echte Verbes­serung bewirken könnte, führt sie niemals. Statt­dessen – und hier gibt es ja etliche Beispiele aus der Gegen­warts­po­litik – ist es zwingend notwendig, Außen­ste­hende auf das System einzu­schwören, damit alles weiter­läuft wie gewünscht. Und so wird „Fallstudie X“, der Tänzer Darlane Litaay aus Westpapua, gleich dazu verdonnert, die volks­tüm­liche Tracht, in der er auftritt, abzulegen, um sich in das europäische System – und damit das „Messbare“ – einzu­fügen. Dass Litaay nach einigen Demons­tra­tionen den „Trance-Meter“ sprengt und mittels heimi­scher Masken in die heimische Versenkung zurück­findet, macht Mut. Auch wenn den Tanzdoktor die Rückkehr in die Tradition offen­sichtlich vergrault.

Denn statt sich selbst der Kritik des Publikums zu stellen, lässt Choy Ka Fai die Betei­ligten an dem Werk als Atavare auf der Leinwand auftreten. Und das Publikum sagt deutlich: Das wollen wir nicht. Blassester Applaus, um es freundlich auszu­drücken, beschließt einen Abend, der mit einem zu hohen Anteil an Compu­ter­technik und einem zu geringen Anteil an tänze­ri­scher Leistung zwar gesell­schaftlich relevante Fragen aufwirft, ohne sie dann aller­dings wirklich auf den Punkt zu bringen. Aber der kritische Ansatz stimmt. Und wenn es dem sympa­thi­schen Choreo­grafen und Designer gelingt, innerhalb der kommenden zwei Jahre seine Leistungen stärker zu pointieren – eine Fähigkeit, die ja in Düsseldorf durchaus erlernbar ist – werden wir sicher noch aufre­gende und intel­li­gente Arbeiten von ihm erwarten dürfen. In diesem Sinne trotz mancher Schwächen: Herzlich willkommen in Düsseldorf, Choy Ka Fai.

Michael S. Zerban

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