O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
ELLBOGEN
(Fatma Aydemir)
Besuch am
5. Oktober 2017
(Premiere am 15. September 2017)
Fatma Aydemir erregte mit ihrem in diesem Jahr erschienenen Debütroman viel Aufsehen. Ellbogen erzählt die Geschichte von Hazal Akgündüz. Schulisch gescheitert, sitzt sie ihre Zeit in einer Bildungsmaßnahme ab, wo sie das Schreiben von Bewerbungen lernen soll, und arbeitet schwarz bei ihrem Onkel in der Bäckerei. Ihr Zuhause im Berliner Wedding ist von türkischen Konventionen geprägt, ihr Umfeld von Kleinkriminalität. Mit Memeth, der im Sehnsuchtsort Istanbul lebt, verbindet sie eine Skype-Beziehung. Ihren 18. Geburtstag will sie mit Freundinnen in einer Diskothek feiern. Dort werden sie am Eingang abgewiesen. Betrunken und enttäuscht machen sie sich auf den Heimweg. Im U‑Bahnhof treffen sie auf einen deutschen Studenten, der sie aus ihrer Sicht provoziert. Ihre ganze Wut auf das Leben bricht aus den Mädchen heraus, und sie treten den jungen Mann halbtot, ehe Hazal ihn auf die Gleise stößt, wo er stirbt. Die junge Frau flieht nach Istanbul zu Mehmet, der sich als Junkie entpuppt. Die Zukunft ist ungewisser denn je, aber der Lebensmut wächst.
| Musik | ![]() |
| Schauspiel | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Es gibt in dieser fiktiven Geschichte keine Gewinner. Und zu den Verlierern zählen auch die Leser, die sich durch eine „milieugetreue“ Sprache quälen müssen, die sich zwischen Opfer, Alter, Muschi und Fotze in Belanglosigkeiten erschöpft. Regisseur Jan Gehler hat sich davon nicht abschrecken lassen und das Werk in der Theaterfassung von Robert Koall auf die Kleine Bühne des Central, der Ausweichspielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses am Hauptbahnhof, gebracht. Sabrina Rox hat dazu eine spartanische Bühne entworfen. Eine Doppelreihe von überdimensionalen Lautsprecherboxen, die möglicherweise für trostlose Wohnblocks stehen, muss ausreichen, um sich darauf und davor zu tummeln. Später wird diese Reihe in den Hintergrund unter ein Netz von Leuchtkörpern zurückgefahren. Konstantin Sonneson unterstützt die Dramatik mit zurückhaltenden, aber effektvollen Lichteinsätzen. In dieser Umgebung tummeln sich die vier Schauspielerinnen in „milieutypischen“ Kostümen. Oder solchen, die Claudia Irro dafür hält. Trainingshosen, T‑Shirts und Glitzerjacken, zwischenzeitlich ein paar High heels, schmücken die Damen nicht, unterstreichen aber die ganz eigene Kleiderkultur jener Kreise, die hier dargestellt werden. Komponist Vredeber Albrecht untermalt die Geschehnisse mit einer pulsierenden, nur selten in den Vordergrund tretenden Geräuschkulisse.

Gehler schickt die Jungschauspielerinnen in einen zweistündigen Sprechmarathon, statt Handlung zu zeigen. Wechseln im ersten Teil lautstarke Dialoge noch mit chorischen Ausführungen, setzt mit der Flucht Hazals nach Istanbul ein nahezu halbstündiger Monolog ein. Das bringt selbst langjährig erfahrene Schauspieler an ihre Grenzen der Leistungsfähigkeit und so sind bei einer ungeheuren Textflut Hänger vorprogrammiert. Trotzdem leisten die Darstellerinnen, die übrigens allesamt ihr Abitur und ein abgeschlossenes Studium vorweisen können, schier Unmögliches.
Cennet Rüya Voß hat als Hazal den Löwenanteil am Stück. Mit unglaublicher Energie kämpft sie sich durch die zwei Stunden, und das allein hat Lob verdient. Lou Strenger als Elma und Florenze Schüssler als Gül bleiben in Berlin an ihrer Seite und unterstreichen gekonnt das Milieuhafte. Als Tante Semra, die später noch in Istanbul auftaucht und den Mammut-Monolog von Hazal kurz unterbricht, nimmt Tabea Bettin eine zusätzliche Sonderrolle ein, die sie ebenso bravourös löst wie die Rolle der Ebru.
Am Ende steht fest, dass Koall es sich mit dieser Fassung ein wenig zu einfach gemacht hat, auch wenn Gehler sich alle Mühe gibt, den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Die Freude darüber, dass vor allem Voß von einer nahezu unmenschlichen Aufgabe erlöst ist, überwiegt beim Publikum, das begeisterten Applaus ob der schauspielerischen Aufgabe spendiert.
Michael S. Zerban