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In epischer Breite

HEXENJAGD
(Arthur Miller)

Besuch am
10. Juni 2017
(Premiere)

 

Schau­spielhaus Düsseldorf, Central, Kleine Bühne

Eine regel­rechte Hexenjagd betrieb der US-ameri­ka­nische Senator Joseph McCarthy zwischen 1947 und 1956 gegen „Kommu­nisten“ oder solche, die er dafür hielt. Nahezu ein Jahrzehnt lang gelang es ihm, in Amerika ein geistiges Klima der Denun­ziation und Angst zu verbreiten. Die Aktivi­täten des Komitees für uname­ri­ka­nische Umtriebe richteten sich vorwiegend gegen Staats­be­dienstete, Wissen­schaftler und Künstler.

1953 veröf­fent­lichte Arthur Miller sein Stück Hexenjagd nach einer wahren Begebenheit als Kommentar der politi­schen Entwick­lungen seines Landes. Drei Jahre später wurde er selbst vor das Komitee vorge­laden, weigerte sich, irgend­welche Namen von Wegge­fährten zu nennen und wurde verur­teilt. 1958 wurde er in der Berufungs­ver­handlung freige­sprochen. So glimpflich verläuft es für den Bauern John Proctor aus Salem nicht.

POINTS OF HONOR

Musik     
Schau­spiel     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Ende des 17. Jahrhun­derts haben die Puritaner, Nachfahren der Pilgrim Fathers, in Salem, einer Gemeinde in Massa­chu­setts, eine Theokratie errichtet. In dem Macht­ge­flecht von Politik und Kirche geht man – um es verein­facht auszu­drücken – zum Lachen nicht erst in den Keller. Man lässt das mit dem Lachen gleich ganz. Und da fehlt auch jedes Verständnis dafür, dass ein paar puber­tie­rende Mädchen nachts heimlich zum Tanzen in den Wald verschwinden. Merkmal totali­tärer Systeme ist aber immer auch die Überwa­chung. Und so verwundert es nicht, dass die Kinder, die eigentlich nur ein bisschen Spaß haben wollen, vom Gemein­de­pfarrer Samuel Parris entdeckt werden. Am nächsten Tag täuschen die Mädchen, unter ihnen die Tochter des Pfarrers, Betty, und Abigail Williams, seine Nichte, Krank­heiten vor, um einer drasti­schen Strafe wie dem damals üblichen Auspeit­schen zu entgehen. Die Folgen sind katastrophal und kosten nicht nur Proctor das Leben.

Eigentlich ist das Thema von Massen­psy­chosen brand­ak­tuell. Das kann Evgeny Titov aber nicht verleiten, der Handlung einen aktuel­leren Rahmen zu verleihen. Für ihn ist die Botschaft der Indivi­du­al­ent­scheidung wichtiger. „Jeder kann aussteigen, Luft holen und sagen: Nein, ich treffe meine eigene Entscheidung, auch wenn das bedeutet, mich der vorherr­schenden Meinung nicht anzupassen“, sagt er. Klingt klug, ist aber – wie wir im Zeitalter der so genannten sozialen Medien lernen oder neu lernen müssen – zu kurz gegriffen. Setzt die indivi­duelle Entscheidung doch immer die Bereit­schaft voraus, sich ausrei­chendes Wissen zu beschaffen, um zu einer Entscheidung kommen zu können. Wer diesem ersten Schritt nicht die ausrei­chende Priorität einräumt, wird am Ende eines Stücks mögli­cher­weise zu „helden­haften“ Lösungen kommen, aber nie zu Entschei­dungen, die über das Ende des Tages hinaus­reichen. Eben daran krankt dann auch die Insze­nierung Titovs. Sie bleibt eine Nacher­zählung, auch wenn es eine eindrucks­volle Nacher­zählung ist.

Christian Schmidt schafft dazu eine Bühne, die auf den ersten Blick an das verlassene Becken eines Hallen­bades erinnert, bei näherer Betrachtung aber wohl doch eher einen Schlachthof darstellt, der dann auch besser zum Geschehen des „Abschlachtens“ der von Luzifer Infizierten passt. In diesem Rahmen, der sich in drei Ebenen unter­teilt, gelingt es Titov glaub­würdig, die verschie­denen Handlungsorte darzu­stellen. Nicole von Graevenitz kleidet das Personal in Kostüme, die in die Zeit passen könnten, konzen­triert sich dabei auf schwarze und weiße Kostüm­be­stand­teile und arbeitet mit ganz viel Liebe zum Detail die einzelnen Rollen in den verschie­denen Situa­tionen heraus. Dass sie dabei weitgehend auf Klischees verzichtet, unter­streicht den Wert ihrer Arbeit. Eindrucks­volle Bilder sind denn auch das eigent­liche Verdienst des Abends. Konstantin Sonneson taucht sie in verschie­densten Abstu­fungen und örtlichen Betonungen in weißes Licht. Weitaus halbher­ziger gelingt die Arbeit von David Lipp. Er sorgt für die klang­liche Unter­malung. Wird es Filmmusik? Bleibt es bei der räumlichen Verortung? Die Fragmente reichen nicht, um zu einer Beurteilung zu kommen, aber immerhin sind sie vielversprechend.

Judith Bohle als Elizabeth Proctor – Foto © Sebastian Hoppe

Auch wenn es eine reine Nacher­zählung sein soll, der der Regisseur keine wesent­lichen neuen Aspekte hinzu­fügen will, ist doch die Anpassung an moderne Rezep­ti­ons­ge­wohn­heiten erlaubt. Titov ficht das nicht an. Welch ein Glück, dass er über ein großar­tiges Ensemble verfügt. Der Begriff der Neben­rolle wird hier wieder einmal ad absurdum geführt, solange man ihn nicht über die reine Textfülle definiert. Bis in die „kleinste“ Rolle wird hier gespielt, was der Regisseur erlaubt. Ob Thomas Wittemann, der als Samuel Parris zunächst seinen großen Auftritt feiert, um hinterher den Kollegen die Schuhe mit Wasser zu putzen, oder Florian Lange, dem es als Richter Thomas Danforth sogar gelingt, die Pausen zu überbrücken, wenn Häftlinge in gefühlter Echtzeit herbei­ge­führt werden – es gibt keine Ausfälle an diesem Abend. Aus der Menge guter Schau­spieler sticht eindeutig Judith Bohle hervor, die als Elisabeth Proctor die Herzen des Publikums erreicht. Auch Sebastian Tessenow zeigt an jeder Ecke, dass eigentlich mehr drin gewesen wäre.

Das Publikum scheint an diesem Abend zu großen Teilen aus Angehö­rigen und Freunden der Akteure zu bestehen, die selbst­ver­ständlich und zu Recht begeistert johlen und nachhaltig applau­dieren. Die exaltierten Bilder, die Evgeny Titov nachgesagt werden, bleiben aller­dings bis zum Schluss aus. Und dann gelingt’s im Abgang doch noch. Aber der ganz große Wurf ist es nicht. Allen­falls ein schöner Abschluss der Saison.

Michael S. Zerban

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