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DAS KALTE HERZ
(Christof Seeger-Zurmühlen)
Besuch am
1. Oktober 2017
(Uraufführung)
Die Zuschauertribüne in der Kleinen Bühne des Central ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch wenn sicher viele Freunde und Angehörige unter den Besuchern sind – die Qualität der Stücke auf der Bürgerbühne des Düsseldorfer Schauspielhauses hat sich herumgesprochen. Dass Christof Seeger-Zurmühlen dieses Mal das Märchen Das kalte Herz von Wilhelm Hauff zur Grundlage seines Stückes wählt, erhöht den Reiz. Dem Untertitel zufolge erwartet das Publikum aus allen Altersschichten ein „Spiel um Ansehen, Gier und Ego“.
Seeger-Zurmühlen bleibt seinem Konzept treu. Zu einem bestimmten Thema werden Düsseldorfer Bürger gecastet, die dann ihre persönliche Geschichte erzählen, damit sie im Stück verarbeitet wird. Folgeauftritte nach dem Stück sind nicht vorgesehen, wer also die Bürgerbühne als Sprungbrett für eigene schauspielerische Ambitionen nutzen möchte, ist fehl am Platz. Das wissen die Teilnehmer auch. Ob sie sich über die Konsequenzen ihres Auftritts ansonsten ganz im Klaren sind, wird man spätestens nach dieser Aufführung fragen dürfen.
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Für das Bühnenbild hatte Kirsten Dephoff eine grandiose Idee. Als das Licht angeht, wird ein schwarzes Tuch vom Spielgrund gezogen. Zum Vorschein kommt eine Boden-Deko, die aus einer Million Cent-Stücken besteht – mit einem Gesamtgewicht von 2,3 Tonnen, wie der Zuschauer später erfährt. Eine Menge Geld, die die beiden Moderatoren der Spielshow rund um das kalte Herz zu verwalten haben. Sie sind zunächst so gekleidet, wie man sich das von Moderatoren einer Fernseh-Show erwartet, später werden sie in futuristischen Turnanzügen auftreten. Die Kandidaten tragen Alltagskleidung, wenn sie nicht zusätzliche Accessoires wie Schwarzwaldhüte oder bunte Jacken, Hasenmasken oder Trachtenstücke überstülpen. Dephoff hat auch hier detailfreudig und durchdacht gearbeitet. Ebenso wie in den meisten Fällen auch Konstantin Sonneson mit dem Licht, wenn er es nicht gerade für eine gute Idee hält, das Publikum zu blenden.
Nichts in diesem Stück ist so, wie es zunächst den Anschein hat. Bei aller gewohnter Lautstärke einer Spielshow schleicht sich das Grauen ziemlich leise auf den Set. Zwei Kinder-Moderatoren, die eine Spielshow leiten – geschenkt. Acht Erwachsene, die sich auf dämliche Spiele einlassen – die einzige Frage, die sich hier aufdrängt ist, wann man das endlich überstanden hat. Gut, sie haben vorher noch schnell das Märchen erzählt, damit man überhaupt eine Chance hat, die albernen Spiele zu verstehen. Unmerklich wandelt sich das Bild, die Kinder, die sich als Vertreter der Zukunft verstehen, beginnen, die Erwachsenen zu befragen. Die erzählen ihre Geschichten, bei denen das Lachen im Keim erstickt. Die Spiele geraten in den Hintergrund, werden immer unverständlicher, der Sieger hat sich seinen Gewinn unrechtmäßig erschlichen. Pseudo-Revolution. Am Ende schaufeln alle das Geld in die fahrbaren Kisten, die vorher am Rand standen. Jeder für sich, die Solidarität hat endgültig versagt.
Es bleibt nicht das einzige ungute Gefühl an diesem Abend – aber Theater ist ja auch kein Wohlfühl-Platz, zumindest im besseren Fall nicht. Der zwölfjährige Moderator des Abends heißt Pablo Vuletić und ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Bojan Vuletić ist der Musikalische Leiter des Abends und hat die Musik komponiert. Wird aus der Bürger- eine Familienbühne? Auch sonst rückt man hier enger zusammen, als es dem Theater vielleicht nützt. Dabei ist Pablo seinem Alter sicher weit voraus und was er an künstlerischen Fähigkeiten zeigen darf, beeindruckt. Allein die Textbeherrschung ist wie bei seiner Co-Moderatorin Philine Berges grandios. Daneben zeigt er, wie er ohne Allüren tanzt, das Klavier beherrscht und an einer Stelle auch noch Kind sein darf. Letztlich haut einen die Ernsthaftigkeit um, mit der die beiden Schüler die Erwachsenen befragen; beängstigend, mit welcher Konsequenz sie auf die Einhaltung der Regeln dringen. Auch bei den Erwachsenen taucht ein alter Bekannter auf. Jörg Uwe Gerhartz ist der, den Besucher des Asphalt-Festivals einst als „Penner“ in einem stillgelegten Bahntunnel kennenlernten. Inzwischen ist er auf einem guten Weg, konnte im Dezember vergangenen Jahres seine eigene Wohnung beziehen und arbeitet. So erfreulich die Entwicklung ist, so aufgesetzt wirkt sein Einsatz hier.

Sandy Gleißner hat als junge Frau eine schwierige finanzielle Zeit hinter sich, weil sie ohne Unterstützung ihrer Eltern Schule und Studium überbrücken musste. Heute ist sie Online-Redakteurin und eine wahrhaft überzeugende Darstellerin, vor allem im letzten Teil des Stücks. Mindestens ebenso authentisch wirkt Frank Gärtner, der eigentlich immer alles richtiggemacht hat, ohne am Ende den erhofften Erfolg einzufahren. Bei dieser Show ist er offiziell der Gewinner, der am Ende doch wieder verliert. Sehr gekonnt. Rika Scholz und Jennifer Friedrich sind zu Recht eher als Nebenrollen besetzt. Bei Benjamin Kieselbach beginnen die Schwierigkeiten. Ein Bankkaufmann, der aus seiner – vollkommen unreflektierten – Rolle nicht herauskann. Annett Frauendorf ist außerordentlich attraktiv, Single – und kann nach eigenen Angaben einfach nicht mit Geld umgehen. Ungeniert erzählt sie von ihrem finanziellen Fiasko, ruft unerhört um Hilfe. Und der Regisseur lässt sie gewähren. Wissen es beide nicht besser, welche Konsequenzen das haben kann? Oder sollen hier Tabus gebrochen werden? Tabus sollen – gerade im Theater – gebrochen werden, aber sie dürfen nicht dazu führen, dass Einzelpersonen sich zum Angriff freigeben. Es bleibt die bange Frage, ob Frauendorf aus dieser Sache unbeschadet herauskommt. Dass Angelika Heints, die promovierte Philologin, die selbst ein finanzielles Desaster hingelegt hat, öffentlich für die Privatinsolvenz wirbt, spricht weder für besondere Kenntnisse der Laiendarstellerin noch für eine ordentliche Recherche der Theatermacher. Wer das Privatinsolvenzrecht kennt, wird nicht öffentlich dafür werben. Ohne hier in weitere juristische Tiefen hinabzusteigen: Die Privatinsolvenz ist auf eine sehr spezielle Zielgruppe zugeschnitten, der nur wenige Menschen angehören.
Erstmals hat Seeger-Zurmühlen mit seinem Team hier Grenzen der Sorgfalt und Fürsorge überschritten. Das hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Aber nicht bei allen. Frenetisch werden Darsteller und Leitungsteam beklatscht. Und Intendant Wilfried Schulz ist mit den Leistungen des Abends – vor allem der Laiendarsteller – sichtlich zufrieden.
Michael S. Zerban