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Foto © Marcandrea

Freude, schöner Götterfunken

THE NINTH
(Via Negativa)

Besuch am
28. September 2017
(Premiere)

 

Forum Freies Theater, Kaser­nen­straße, Düsseldorf

Als 1985 das Haupt­thema des letzten Satzes der Neunten Sinfonie Ludwig van Beethovens von der Europäi­schen Gemein­schaft als offizielle Europa­hymne angenommen wurde, hieß es zur Begründung, sie versinn­bild­liche die Werte, die alle teilen, sowie die Einheit in der Vielfalt. Und man sollte meinen, man könne den Text in diesen Tagen nicht oft genug hören. Das Forum Freies Theater ermög­licht seinem Publikum diesen Zugang, wenn auch auf ganz ungewohnte Weise.

Einge­laden ist die slowe­nische Perfor­mance­gruppe Via Negativa, eine „inter­na­tionale Plattform für die Forschung an der Entwicklung und Produktion von zeitge­nös­si­scher Perfor­mance­kunst“ aus Ljubljana. 2002 unter der künst­le­ri­schen Leitung von Bojan Jabla­novec gegründet, hat die Gruppe bislang 50 Projekte verwirk­licht. Seit dem vergan­genen Jahr tourt Via Negativa mit dem Stück The Ninth, das den Unter­titel Die anthro­po­lo­gische Maschine, in Kraft gesetzt von Beethoven, trägt, durch Polen. Jetzt gibt es den ersten Auftritt in Deutschland.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Vor dem schwarz abgehängten Bühnen­hin­ter­grund fünf Stühle, unmit­telbar vor der Zuschau­er­tribüne fünf Tischlein, auf denen sich Pistolen und Ohren­stöpsel befinden. An das Publikum sind zuvor ebenfalls Ohren­stöpsel verteilt worden. Fünf Personen in Alltags­be­kleidung betreten den Raum. Jeder hat eine offenbar schwere, prall gefüllte Tasche dabei. Die drei Männer und zwei Frauen setzen sich auf die Stühle. Ohren­be­täu­bende Musik setzt ein. Was da aus den Lautspre­chern dröhnt, ist eine Aufnahme der Berliner Philhar­mo­niker unter der Leitung von Herbert von Karajan, die 1983 die Neunte einge­spielt haben. Eigentlich eine wunderbare Aufnahme – in dieser Lautstärke eine Zumutung.

Inmitten dieser Kracherei entkleiden sich die Darsteller. Fünf Personen werden nackt als Pferde vorge­führt, was sich auch ohne Englisch-Kennt­nisse im Rollen­spiel erschließt. Anita Wach ist Hope, die Hoffnung. Spirit, also Geist, wird von Loup Abramovici verkörpert. Der füllige Grega Zort ist Lucky. Die Gazelle Magdalena Tuka wird dem Publikum als Second Chance vorge­führt. Und Jaka Lah gefällt sich in der Rolle der Freiheit.

Die Namens­vergabe führt in die Irre. Denn sie hat lediglich zur Konse­quenz, dass alle Darsteller nackt sind und letztlich wild um sich schießen. So viel zum Thema Ethos. Das nächste Kapitel ist mit Logos überschrieben. Wände und nackte Körper werden von Ana Čigon mit Textzeilen in grün angestrahlt. Der Text ist eine Anein­an­der­reihung von ‑ismen. Das reicht von absolutism bis anarchism. Dazu treffen sich jeweils zwei Akteure im Bühnen­hin­ter­grund. Der eine trägt den anderen in verschie­densten Figuren nach vorn, um ihn oder sie vor der Tribüne abzuwerfen. Anschließend tritt der Träger an das Stand­mi­krofon und ruft einen neuen ‑ismus aus. Nahezu eine halbe Stunde geht dieses muntere Treiben vor sich. Längst hat sich der „FKK-Strand-Effekt“ einge­stellt, die Nacktheit jede Beson­derheit verloren. Das Anima­lische der Bewegungen bleibt.

Foto © Marcandrea

Auch im Kapitel Pathos wird es von den Pistolen unter­strichen. Der lieblose Umgang mit der Neunten geht unver­drossen weiter. Die Akteure fesseln jeweils ein Bein mit dem Bein des Partners mit Klebeband zusammen, so dass letztlich alle mitein­ander verbunden sind. Der rechte Arm mit der Pistole in der Hand wird um die Schulter des Partners gelegt. Wehrhaft vernetzt, gelingt keine vernünftige Bewegung mehr. Mit dem letzten Satz der Symphonie, der hier mit Equus überschrieben wird, beginnt der Abgesang auf die Zivili­sation. Der Chor der Brüder­lichkeit ist bis zur Unkennt­lichkeit verzerrt, aus den Taschen werden Pferde­masken gezogen, die Barbara Stupica entworfen hat. Sie werden auf der Bühne verteilt, eine ganze Herde entsteht so. Die Zähmung des Menschen ist gescheitert. Deutlich zu hören nun die Zeile aus dem Schiller-Gedicht An die Freude „Seid umschlungen, Millionen“. Nach und nach kleiden sich die Akteure wieder an. Was anfangs indivi­duelle Freizeit­kleidung war, wird zum Business-Outfit. Das Ende einer gut einstün­digen Reise ist erreicht. Wild, anima­lisch, überflüssig laut, aber fesselnd.

Das Publikum ist begeistert, tief beein­druckt und nachdenklich. Es ist eines von diesen großar­tigen Stücken, nach denen man nicht mehr labern, sondern lieber seine persön­lichen Eindrücke erst mal für sich verar­beiten möchte. Also entfällt das angebotene Publi­kums­ge­spräch mit den Künstlern mangels Masse. Eigentlich kann es ein schöneres Kompliment für ein Stück nicht geben.

Michael S. Zerban

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