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PARADIES
(Lutz Hübner, Sarah Nemitz)
Besuch am
4. Oktober 2017
(Premiere am 23. September 2017)
Schauspielhaus Düsseldorf, Junges Schauspiel, Münsterstraße, Düsseldorf
Sicherheitsbehörden gehen von weit mehr als 400 Deutschen aus, die bis jetzt als IS-Kämpfer nach Syrien oder in den Irak gereist sind, verkündet die Tagesschau Ende vergangenen Jahres. Erheblich höher ist die Zahl der Sympathisanten, die mit radikalen Elementen liebäugeln. „Die Salafisten in Nordrhein-Westfalen verzeichnen weiter Zulauf. Mittlerweile gehen die Behörden von rund 3.000 extremistischen Salafisten aus. 780 davon seien gewaltbereit. Auffällig sei eine starke Zunahme gewaltbereiter Frauen und minderjähriger Salafisten“, heißt es im Verfassungsschutzbericht 2016. Für Lutz Hübner und Sarah Nemitz ein Argument, ein Stück zu schreiben, das sich mit solchen Sympathisanten auseinandersetzt. Interessant sind dabei ja nicht so sehr die Fragen, was aus denen wird, sondern vielmehr, was junge Leute überhaupt in diese Situation treibt. Hübner und Nemitz überspringen die Frage, um in die kritische Lage einzusteigen, wie es den bereits Überzeugten ergeht. Der 19-jährige Hamid steht auf der Schwelle zur Radikalisierung. Was vergleichsweise harmlos klingt, denn es geht längst nicht mehr darum, Plakate bei Demos zu schwenken, Flugblätter oder einen kostenlosen Koran zu verteilen, sondern um die Gefährdung menschlichen Lebens.
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Das junge Schauspiel Düsseldorf hat dieses Stück auf die Bühne übertragen. Um es vorweg zu sagen: Vermutlich wird die Inszenierung von Mina Salehpour irgendwelche Einladungen zu Theatertreffen oder Preise nach sich ziehen. Eine hübsche Randerscheinung. Vorläufig aber gilt es, Jugendliche in Düsseldorf zu begeistern. Ehe sich die Türen zum Saal öffnen, dröhnt Disco-Musik hinter verschlossenen Türen. „Ist das ein Sound-Check oder läuft da noch eine Vorstellung?“ möchten zwei ältere Damen im Vorraum wissen. Das Publikum des Jungen Schauspiels setzt sich nämlich aus allen Altersschichten zusammen. Und es handelt sich weder um einen Lautstärketest noch um eine andere Vorstellung. Sondern das Publikum wird mit lautstarkem Disco-Sound empfangen. Die Bühne ist von der Zuschauertribüne abgetrennt, auf den Sperrholzwänden verkündet eine Leuchtreklame, dass die Besucher jetzt das Paradies betreten. Im Bühnenraum ist schon mächtig was los. Rechterhand ist eine Diskothek aufgebaut, in der Mitte ein Podest unter einer überdimensionalen Diskokugel aufgestellt, links hat Bühnenbildnerin Maria Anderski ein weiteres Podest und eine Kleiderstange, mit zahlreichen Kostümen behängt, eingebracht. Ein paar Bänke, die mit Versehrtenzeichen gekennzeichnet sind, komplettieren die Ausstattung. Die Jugendlichen setzen sich auf den Boden, während die Schauspieler sich tanzend durch den Raum bewegen. Es entsteht eine hohe atmosphärische Dichte.
Mittels der fantasievollen Kostüme grenzt Anderski die Darsteller von den Zuschauern ab. Bunte Anzüge, die für die bundesdeutsche Vielfalt stehen mögen, wechseln mit paramilitärischen oder glitzernden Outfits ab. Weil für Kostümwechsel wenig Zeit bleibt, sie zudem hinter der Kleiderstange vonstattengehen, beschränkt die Bühnenbildnerin die Veränderungen auf das Notwendigste, um Rollen zu kennzeichnen. Der Sozialarbeiter im Jugendclub unterscheidet sich beispielsweise von Hamids Vater durch das Aufsetzen einer Mütze. Da muss man als Zuschauer schon höllisch aufpassen, wie für das ganze Stück eine hohe Konzentration erforderlich ist. Denn Salehpour dreht das Tempo ordentlich auf, so dass Szenenwechsel verwischen. Lässt einige witzige Einfälle einfließen, die als Überraschungsmomente nicht dem Slapstick verfallen. Wenig Monologe, flotte Dialoge beschleunigen die Handlung weiter. Da verfliegen die anderthalb Stunden mit einer engmaschig gewebten Geschichte.

Hübner und Nemitz nehmen die Zuschauer mit in Hamids Kopf. Der 19-Jährige hat sich den Islamisten angeschlossen und ist verfrüht an dem Ort eingetroffen, wo er sein erstes Opfer erwartet. Tayfun, Sozialarbeiter im Jugendklub, ist mehrfach unangenehm aufgefallen, indem er zur Mäßigung aufforderte und schließlich auch ein Hausverbot verhängte. Dafür soll er büßen und abgestochen werden. Eine Stunde dauert es noch bis zur vereinbarten Uhrzeit. Zeit genug, schöne Erinnerungen an eine glückliche Kindheit, Gedanken über die eben beendete Beziehung und die Entwicklung Revue passieren zu lassen, die den jungen Mann in die momentane Situation gebracht hat. Zeit auch herauszufinden, wo das Paradies wirklich ist.
Die Darsteller brechen den moralischen Zeigefinger, indem sie unaufgeregt, aber mit viel Bewegung und Songs nuanciert daherkommen. Hervorragend vorbereitet, haben sie Zeit für differenziertes, nie überzogenes Spiel. Paul Jumin Hoffmann kann den neugefundenen Glauben, aber auch die zunehmenden Zweifel Hamids überzeugend vermitteln. Als Sonja, Hamids Freundin, gefällt Julia Goldberg ebenso wie als Prediger Abu. Auch Maëlle Giovanetti mimt die beiden Schwester-Rollen sehr glaubhaft. Kilian Ponert und Denis Geyerbach gelingt es als Bösewichte, den Fanatismus so ernsthaft zu verkörpern, dass er sich selbst entlarvt. Mit gleich drei Rollen nimmt Bernhard Schmitt-Hackenberg vor allem als Sozialarbeiter Tayfun für sich ein, wenn er die Entgleisungen der Islam-Sympathisanten im Keim erstickt. Dank einer großartigen Team-Leistung entsteht ein spannender Krimi, der jedem Fernsehstück in seiner Authentizität den Rang abläuft.
Am Mischpult steht Marco Schretter im weißen Anzug mit silbriger Lametta-Perücke und sorgt dafür, dass die Musik von Sandro Tajouri mit kräftigen Bässen diskothekengerecht den Raum erfüllt. Auch in den musikfreien Szenen bleibt ein wummerndes Grundrauschen erhalten, das Hamids Konflikten zusätzliche Dramatik verleiht.
Dem Publikum gefällt’s quer durch die Generationen. Gut, dass der Besuch erst ab dem 14. Lebensjahr empfohlen wird. So trifft das Stück überwiegend in die richtige Zielgruppe. Junge Leute, die nach Orientierung in einem Lebensabschnitt suchen, in dem gerade das so verdammt schwierig ist. Mit einer letzten Überraschung werden die Zuschauer wieder in die Wirklichkeit entlassen. Aber das muss man selbst miterleben.
Michael S. Zerban