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Michael Kraus als Alberich mit Statisterie -

Zwischen Zola und Strindberg

DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)

Besuch am
23. Juni 2017
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein, Oper Düsseldorf

Es ist immer proble­ma­tisch, ein Urteil über einen neuen Ring zu fällen, bevor nicht der Vorhang zur Götter­däm­merung gefallen ist. Insofern sind Beobach­tungen zum Rheingold, mit dem die Deutsche Oper am Rhein ihre mit großer Spannung erwartete und nicht minder großem Medien-Hype begleitete Neuin­sze­nierung von Richard Wagners Tetra­logie Der Ring des Nibelungen eröffnete, allen­falls als hypothe­tisch befrachtete Angaben unter Vorbehalt zu werten. Schließlich stehen noch drei weitere, lange Abende bevor, bis der neue Ring fertig geschmiedet sein wird.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Fest steht aller­dings, dass die Rheinoper tradi­tionell auf eine stolze Wagner-Tradition zurück­blicken kann, aber seit Kurt Horres‘ Insze­nierung vor 25 Jahren keinen Ring mehr stemmte. Damit lastet eine schwere Hypothek auf den Schultern des Regis­seurs Dietrich W. Hilsdorf, der zwar die Rheinoper gut kennt, sich mit Wagner freilich erst seit relativ kurzer Zeit ausein­an­der­setzt und das aus einer nach wie vor distan­zierten Perspektive, was kein Nachteil sein muss.
Bei aller Vorsicht: Abzusehen ist jetzt schon, dass Hilsdorf nicht die Götter- und Helden­mythen inter­es­sieren, sondern die Handlung eher als Familien-Saga zweier macht­be­ses­sener Gründerzeit-Clans verstanden wissen will. Mit dem Blick durch die sozial­kri­tische Brille Emile Zolas und einigen Assozia­tionen an Strindberg-würdige psychische Entglei­sungen innerhalb mächtiger Clans. Ein ins Halb-Private reduziertes Ambiente, von Bühnen­bildner Dieter Richter in einem Salon des späten 19. Jahrhun­derts angesiedelt, der sich geschickt in das Nibelheim-Kontor des zum Ausbeuter mutierten Großin­dus­tri­ellen Alberich wandeln lässt. Das alles einge­bettet in einen Rahmen, der an ein Revue-Theater erinnert, in dem um das Direk­to­ren­szepter gestritten wird. Wotan als Oberhaupt des Konkurrenz-Unter­nehmens zum indus­tri­ellen Ausbeuter-Betrieb Alberichs wirkt bereits in Hilsdorfs Rheingold geschwächt, im Gegensatz zu seiner resoluten Gattin Fricka und zum Macht­trieb Alberichs. Moralisch haben sich die Gegen­spieler ohnehin nichts vorzu­werfen: Umwelt, ethische Skrupel und Lebens­be­din­gungen der Menschen sind beiden völlig schnuppe.

Sylvia Hamvasi als Freia mit Ensemble – Foto © Hans Jörg Michel

Entspre­chend glanzlos fällt der von Wagner mit bombas­ti­schem Pathos ironisch überfrachtete Einzug der „Götter“ in die neue Reprä­sen­ta­tions- und Kultstätte Walhall aus. Wotan präsen­tiert sich hier als ein Gott, dem man im Kampf gegen den agilen und völlig moral­abs­ti­nenten Alberich wenig Chancen einräumt und der sich das Heft von Loge, dem umstrit­tenen Feuergott aus der eigenen Sippe, aus der Hand nehmen lässt. Ein Ansatz, der die Neugier auf die Fortsetzung des Rings schürt. Lässt sich der Streit, der letztlich in eine Art Weltkrieg ausufert, angesichts der so ungleichen Kräfte­ver­teilung der beiden Kontra­henten über drei weitere lange Abende mit der nötigen Spannung weiter­führen? Und kann angesichts der „privaten“ Perspektive der Insze­nierung Wagners weltum­span­nende Kritik am Materia­lismus in der gebüh­renden Größe und Nachhal­tigkeit zum Ausdruck kommen?

Hilsdorf nähert sich dem Rheingold wie einem Kammer­spiel. Es sind Feinheiten in der durch­dachten und handwerklich perfekt ausge­feilten Perso­nen­führung, es sind ironische Seiten­hiebe, die seine Werksicht bestimmen. Große, spekta­kuläre Auftritte werden vermieden. Der Regen­bogen, auf dem die Götter in Walhall einziehen, wird reduziert auf eine bunte Lichter­kette, die nicht zur Brücke taugt. Folge­richtig verharren Wotan und Fricka am Ende starr auf der Stelle.

Mit zweieinhalb Stunden lässt sich dieser sensible Ansatz ohne große Spannungs­ver­luste umsetzen. Wie es in der handlungs­är­meren Walküre weiter­gehen wird, wird sich in der nächsten Spielzeit zeigen. Was Hilsdorf in seiner Essener Walküre gezeigt hat, reicht jeden­falls nicht aus, um den gesamten Ring bei Laune zu halten.

Dass sich Wagners vor allem im Rheingold stärker noch als in weiten Teilen der Walküre mächtig auftrump­fende orches­trale Opulenz mit Hilsdorfs Werksicht reibt, ist unüber­hörbar. General­mu­sik­di­rektor Axel Kober tut gut daran, diese Wider­sprüche nicht glätten zu wollen, sondern lotet die Wechsel­bäder der von kammer­mu­si­ka­li­schen Delika­tessen bis zu explo­siven Höhepunkten reichenden Partitur voll aus, wobei im Düssel­dorfer Opernhaus eine ideale Klang­ba­lance zwischen Strei­chern und Bläsern kaum zu erreichen ist.

Das vokale Niveau kann sich hören lassen. Norbert Ernst spielt und singt die messer­scharf profi­lierte und deutlich aufge­wertete Partie des Loge mit der Souve­rä­nität und schil­lernden Hinter­grün­digkeit aus, die man von ihm erwarten darf. Michael Kraus verkörpert einen ausstrah­lungs­starken und stimmlich etwas rauen Alberich. Simon Neal als angeschla­gener Wotan hält sich szenisch und stimmlich zurück und wird sich vor allem in der Walküre beweisen müssen. Renée Morloc stattet die Partie der Fricke mit der nötigen Durch­set­zungs­kraft aus. Cornel Frey als Mime, Bogdan Talos als Fasolt und das Rhein­töchter-Terzett mit Anke Krabbe, Maria Kataeva und Ramona Zaharia runden die exzel­lente Ensem­ble­leistung ab. Ebenso wie Renée Morloc als Erda, Sylvia Hamvasi als Freia und Thorsten Grümbel als Fafner mit verläss­lichen Leistungen.

Überwiegend begeis­terter Beifall für alle Mitwir­kenden, einige Buh-Salven müssen der Regisseur und sein Team einstecken.

Pedro Obiera

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