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Foto © Lucie Jansch

Händeweise Sand in den Augen

DER SANDMANN
(E. T. A. Hoffmann)

Besuch am
20. Mai 2017
(Premiere)

 

Schau­spielhaus Düsseldorf,
Großes Haus

Theater kann vieles: zu Herzen gehen, sich gesell­schaftlich und politisch ausein­an­der­setzen – und wenn einem Ameri­kaner die Bühne überant­wortet wird, sogar zur Traum­fabrik werden. Aller­dings ist wohl kein Theater mehr in der Lage, Produk­tionen solcher Größen­ord­nungen allein zu finan­zieren. Kopro­duktion lautet das Zauberwort. In diesem Fall haben sich das Düssel­dorfer Schau­spielhaus mit den Ruhrfest­spielen Reckling­hausen und Unlimited Performing Arts zusam­men­ge­schlossen, um Robert Wilson mit der Insze­nierung von E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann zu beauf­tragen. Und es ist genug Geld zusam­men­ge­kommen, um auf Kompro­misse weitest­gehend verzichten zu können. Bereits am 3. Mai kam die Erstauf­führung bei den Ruhrfest­spielen in Reckling­hausen auf die Bühne. Jetzt wird eigens das in Sanierung befind­liche Düssel­dorfer Schau­spielhaus geöffnet, um die Aufführung zeigen zu können.

Hoffmanns Erzählung ist in erster Linie ein Kunst­märchen der Schwarzen Romantik oder kurz ein Schau­er­märchen. Die 1816 erschienene Geschichte steht ideal­ty­pisch für ein Erzie­hungs­ver­ständnis, das seit 1977 als „Schwarze Pädagogik“ bezeichnet wird. Verein­facht ausge­drückt, werden dabei von Erwach­senen die Urängste von Kindern befeuert, um deren Willen zu brechen. Und so erzählt die Mutter Nathanael, der nicht einschlafen will, die Geschichte vom Sandmann, der unartigen Kindern Sand in die Augen schüttet, um sie ihnen anschließend heraus­zu­reißen. Wilson inter­es­siert sich nicht so sehr für die psycho­lo­gische, sondern mehr für die theatrale Seite der Geschichte. Alles ist groß bei ihm: die Bilder, die Effekte, die Musik, die Schau­spieler. So imposant, dass Emotio­na­lität und Tiefgang zweit­rangig werden. Stark inspi­riert von den tradi­tio­nellen Theater­formen des asiati­schen Raums, verdammt der Altmeister die Darsteller zur Mechanik, um sie so zu höheren Formen des Spiels zu führen. Das gelingt. Abgezir­kelte Bewegungen, immer wieder erstar­rende Mimiken, die durch die Maske unter­stützt werden, schaffen bizarre und auch immer wieder humoreske Situa­tionen in einge­fro­renen Positionen. Die Kostüme von Jacques Reynaud entspringen einem überspannten Bieder­meier, die Perücken einer verrückten Fantasie im positiven Sinne. Auch wenn die Szenen vor allem zum Ende hin immer isolierter entstehen, ist jedes einzelne Bild für sich grandios. Die Bühne ist nichts anderes als eine Flucht aus der Wirklichkeit, hinein ins Theater. In ein Theater, von dem kleine Jungs und Mädchen mit glänzenden Augen sagen: Da will ich hin. Mit veral­teter Bühnen­technik gelingt es Wilson zwar nicht, das Publikum emotional anzusprechen, aber die Zuschauer in eine Zauberwelt zu entführen, fällt ihm nicht weiter schwer. Wahrhaft glänzend das Licht, Tomasz Jeziorski trägt seinen Teil mit entspre­chenden, überaus gekonnten Video­ein­spie­lungen bei.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang    
Regie  
Bühne   
Publikum  
Chat-Faktor  

Bei aller techni­schen Raffi­nesse weiß der Regisseur aber vor allem, die Darsteller zu Höchst­leis­tungen anzutreiben. Indivi­duelle Kreati­vität ist dabei nicht gefragt. „Je mecha­ni­scher wir als Performer agieren, desto freier können wir sein. Wenn man etwas zum ersten Mal tut, ist man frei, aber diese Freiheit repro­du­zieren zu lernen, braucht Zeit“, lautet das Credo Wilsons. Das klingt nach Drill, und so sieht es auch aus. Aber, und das ist das Fatale, es erzeugt ein überdi­men­sional gutes Ergebnis. Als Nathanael liefert Christian Friedel vermutlich die Rolle seines Lebens ab. Was er stimmlich leistet, reicht ohne Schwie­rig­keiten für jede Opern­bühne, den Sprechtext intoniert er überwäl­tigend gut. Und die darstel­le­rische Leistung ist allein schon vom Pensum her überragend. Mehr als zwei Stunden Leich­tigkeit ohne einen Wackler, aber immer höchst intensiv. Da wirken die anderen Darsteller wie gute Zuarbeiter auf höchstem Niveau. Höchstes Lob für die Eltern, die Rosa Enskat und Rainer Philippi brillant darstellen. Glänzend besetzt ist Clara, die Verlobte Natha­naels, mit Lou Strenger, die die Ballett­ein­lagen ebenso beherrscht wie ihre Stimme. Ihre Gegen­spie­lerin, Olimpia, wird von Yi-An Chen, die sich von Angela Winkler die Stimme leiht, mit unglaub­licher Kondition präsen­tiert. Auch die übrige Besetzung ist einfach nur sehens- und erlebenswert. Nur noch selten erlebt man eine solch geballte Qualität auf der Bühne.

Foto © Lucie Jansch

Für die zeitge­nös­sische Musik hat sich Wilson Anna Calvi an die Seite geholt, die Musik und Text geschrieben hat. Das geht schon in den Musical-Bereich, verliert aber nie an Tiefgang. Für die Origi­nal­par­titur, Arran­ge­ments und zusätz­liche Musiken ist Jherek Bischoff, Musika­li­scher Leiter des Orchesters, zuständig. Die Instru­men­ta­listen sitzen in einer Reihe mit dem Rücken zum Publikum. Und das ist auch notwendig, wenn man auch den Schritt genau musizieren muss. Im Zwischen­spiel erheben sich die Musiker und drehen sich zum Publikum. Ein weiterer Höhepunkt des Abends. Wilson lässt den gesamten Klang über die Lautsprecher-Anlage laufen. Das erlaubt ihm auch, Zusatz­ge­räusche, Fremd­stimmen und Verzer­rungen einzu­bauen. Nichts weniger als ein genialer Kunstgriff.

Abende mit solcher Faszi­nation sucht man bei der Rheinoper vergebens, obwohl gerade dieser dort gut aufge­hoben gewesen wäre. Hier sind Visionen der Gegenwart verwirk­licht worden. Das Publikum springt von den Sitzen, applau­diert und johlt fast eine Viertel­stunde lang. Dabei ist völlig egal, wer auf die Bühne kommt. Naja, Haupt­sache, Christian Friedel ist dabei.

Michael S. Zerban

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