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STABAT MATER
(Gioachino Rossini)
Besuch am
2. April 2017
(Einmalige Aufführung)
Die Redaktion von O‑Ton hat ihren Sitz im Düsseltal. Stadtauswärts liegt das Mörsenbroicher Ei, ein Verkehrsknotenpunkt, der die Anbindung an Niederrhein und Ruhrgebiet ermöglicht. Auf der anderen Seite geht es entlang einer Allee in den Zoo-Park, der so heißt, weil es hier wirklich mal einen Zoo gegeben hat. Der Park ist mit Sicherheit einer der behaglichsten Orte der Stadt. Nach einigen Jahren der Vernachlässigung wird er von der Stadt gehegt und gepflegt. Es gibt große Pläne, ihn zu verschönern, die inzwischen in Angriff genommen werden. Wenn man ihn auf der anderen Seite verlässt, gelangt man nach wenigen Metern zur Matthäikirche, einem Sakralbau, der 1931 fertiggestellt und nach Bombardements im Zweiten Weltkrieg 1953 wiederhergestellt wurde. Auch ohne viel über die Kirche zu wissen, eilt ihr in Düsseldorf der Ruf voraus, dass ihre Gemeinde sehr aktiv sei.
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Am heutigen Abend steht ein Kirchenkonzert vom Allerfeinsten auf dem Programm. So wie es derzeit in vielen Kirchen angeboten wird. Es lohnt sich, die Kirchen in der Nachbarschaft im Auge zu behalten, weil dort vielfach Konzerte angeboten werden, die man sonst nicht ohne Weiteres zu Gehör bekommt. In der Matthäikirche steht heute Stabat mater auf dem Zettel, ein mittelalterliches Gedicht, das Gioachino Rossini vertonte und am 2. Januar 1842 im Pariser Théâtre Italien zur Uraufführung brachte. Italienische und französische Kritiker überschütteten das Werk mit Lob, die deutschen hielten sich eher zurück. Zu weltlich, zu opernhaft sei die Musik zu dem tiefernsten Text. Inzwischen haben sich auch die Meinungen der Deutschen geändert. So wie auch ihre Rezeptionsgewohnheiten. Reichte es Mitte des 19. Jahrhunderts vollkommen aus, ein Stabat mater aufzuführen, muss heute noch reichlich Beiwerk in die Aufführung. Das sieht auch der Musikalische Leiter und Kantor, Karlfried Haas, so und schickt Rossinis Meisterwerk drei weitere Stücke voran.
Am Anfang steht das Abendlied von Josef Gabriel Rheinberger, das die Worte der Jünger Jesu auf ihrem Weg nach Emmaus vertont. Hintergrund ist die Zusammenfassung dreier Düsseldorfer Kirchengemeinde zu einer Emmaus-Kirchengemeinde Anfang des Jahres. Ein schönes Bild. Ergänzt wird es um die Motette Nunc dimittis, die Jon Bailey als Hommage für seinen früheren Lehrer und Freund Hartmut Schmidt komponierte. Schmidt war Kantor und Gründer der Kantorei an Matthäi. Die muss sich dann noch an Felix Mendelssohn Bartholdys Vertonung des 42. Psalms Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser abarbeiten, ehe es dann endlich nach Italien geht.

Kantor Haas steht am Pult von Symphonieorchester und Kantorei an Matthäi. Mit weitausholenden Armbewegungen und immer wieder forcierendem Händeschütteln treibt er den Chor zu Höchstleistungen an. Was sich bei Abendlied und Motette noch nicht so deutlich auswirkt, wird später die Balance zwischen Chor, Orchester und Solisten ordentlich in Bedrängnis bringen. Das geht so weit, dass die Streicher im Chorgesang komplett untergehen. Vorerst steigen die Chorgesänge laut, aber wenig deutlich gen Himmel. In den letzten Reihen unter der Empore hilft da nur noch das Programmheft, das den Text beinhaltet.
Bei den Solisten greift Haas auf ein bewährtes Team zurück. Bass-Bariton Rolf A. Scheider, der am Vortag noch das Fauré-Requiem in einer anderen Düsseldorfer Kirche bestritt, zeigt mit Nunc dimittis formvollendete Modulation und kann so für einen lateinischen Text begeistern. Sylvia Hamvasi muss ihren Sopran immer wieder gegen den Chor durchsetzen, was ihr auf Kosten der Ausdruckstiefe gelingt, während Katarzyna Kuncio als Mezzosopranistin die feineren Töne vorbehalten bleiben. Tenor Corby Welch, der an immer mehr internationalen Bühnen seine Debüts feiert, genießt seine selbsterkorene Heimat Düsseldorf und versucht, wann immer sein Terminkalender es zulässt, auch abseits der Oper in der Stadt aufzutreten. Souverän meistert er auch hier seinen Auftritt.
Die Italianità bleibt dank des Chores auch an diesem Abend erhalten. Und das Publikum genießt es. Da sind die Feinheiten nicht so wichtig. Es gibt viel Applaus für alle Beteiligten. Und auf dem Rückweg durch den Park in den letzten Sonnenstrahlen des Tages bleibt unter dem Eindruck des Abends die Überzeugung, auch mal in die anderen Kirchen der Stadt zu schauen.
Michael S. Zerban