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Foto © Luc Vleminckx

Sprache der Poesie

(UN)OFFICIAL LANGUAGE
(Panaibra Gabriel Canda)

Besuch am
7. Februar 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Festival Shifting Realities – A trans­con­ti­nental choreo­graphic exchange: So steht es tatsächlich auf Plakaten und Broschüren geschrieben, die ausschließlich für Düsseldorf und Dresden bestimmt sind. Da haben die Veran­stalter des Festivals wohl allen Ernstes vergessen, ihr Publikum mitzu­nehmen. Das ist nicht etwa die Meinung eines verspon­nenen, deutsch­tü­melnden Kritikers, der nicht einmal etwas gegen Stabreime wie „wechselnde Wirklich­keiten“ hat, sondern das denkt offenbar auch das Publikum – und stimmt mit den Füßen ab. Denn die Düssel­dorfer sprechen und verstehen am liebsten deutsch, gern im liebens­werten rheini­schen Singsang. Und so bleiben an diesem Abend, der Bestandteil des Festivals ist, viele Stühle im Großen Saal des Tanzhauses NRW frei. Die Aufführung trägt den Titel (Un)official Language.

Dabei hätte Choreograf Panaibra Gabriel Canda weitaus mehr Aufmerk­samkeit für sein Stück verdient, denn es handelt von einem brand­ak­tu­ellen Thema, das er an histo­ri­schen Ausgangs­si­tua­tionen festmacht. Auf einer leeren Bühne, links ist der Arbeits­platz des Musikers aufgebaut, werden Kartons herein­ge­tragen, mit denen der Turm zu Babel aufgebaut wird, während eine portu­gie­sisch sprechende Stimme aus dem Off viel zu laut über den Zusam­menhang zwischen Sprache, Gefühl und Gedanken philo­so­phiert. Auf der Rückwand werden deutsche und englische Übertitel in der Übersetzung von Dora Kapusta angezeigt. Das ist auch für Sprach­kenner gut, denn Canda spricht ein sehr spezi­elles Portu­gie­sisch. Hinter­grund ist formal der Umstand, dass es in Mosambik seit der Kolonia­li­sierung eine offizielle Amtssprache, eben Portu­gie­sisch, und 64 ursprüng­liche Sprachen gibt. „In einem solchen Land“, sagt Canda, „ist der Körper stark, nicht das Wort, dem wir nicht mehr glauben.“

POINTS OF HONOR

Musik  
Tanz  
Choreo­grafie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Damit trifft er auch einen deutschen Nerv. Überall da, wo der Umgang mit Sprache lieblos und unbedacht wird, ist die Gefahr gegeben, dass eine Kultur verroht. Nachzu­lesen ist das derzeit all überall in den so genannten sozialen Netzwerken. All dieje­nigen, die sich „abgehängt“ oder im Falle Mosambiks unter­drückt fühlen, beginnen, die Sprache in das Gegenteil des Gemeinten zu verdrehen, um sich irgendwie zu wehren, oder auf andere Sprachen auszu­weichen, die abseits der allge­meinen Verstän­digung passieren. Unbedachte oder unter­drückte Sprache führt in die Sprach­lo­sigkeit. Während auf der Bühne der Turm zu Babel einstürzt und in eine Hausfassade als Symbol des Schutzes umgebaut wird, der sich ebenfalls als trüge­risch heraus­stellt, stellen sich die Fragen nach Identität, Tradition, Entwicklung, aufgelöst in tänze­ri­scher und sänge­ri­scher Form. Da gibt es durchaus auch komische Momente. Wichtiger aber ist das Hoffnungs­zeichen, das quasi en passant aufleuchtet: Wahrhafte Werte wie Poesie brauchen keine Worte, sondern stellen sich im körper­lichen Ausdruck ein.

Foto © Stephan Floss

An der großen Sehnsucht der Menschheit oder der größten Illusion führt das nicht vorbei. Wenn alle Menschen eine Sprache sprechen, ist der Weltfrieden nicht fern. Vor allem die Hoffnung oder den Irrglauben, die digitale Welt hülfe, dieses Ziel zu erreichen, führt Canda rasch ad absurdum. Computer-Überset­zungen, zeigt er, zeitigen paradoxe Ergeb­nisse. So kommen wir offen­sichtlich nicht zusammen. Wie denn doch, sagt der Choreograf nicht. Ist ja auch nicht seine Aufgabe.

Für seine Choreo­grafie hat er sich starke Partner an die Seite geholt. Maria João gilt als versierte Sängerin in allen Lebens­lagen. Und wer sie an diesem Abend erlebt, weiß, dass manche Opern­sän­gerin hier blass vor Neid wird. Da werden wahrhaft alle Register gezogen, vom Sopran bis zum Alt, von der Koloratur über das Piano bis zu schier unglaub­lichen Beschleu­ni­gungen ist hier alles zu hören, was man sich vorstellen mag. Vor folklo­ris­ti­schen Klängen schreckt sie ebenso wenig zurück wie vor Jazz- oder experi­men­tellen zeitge­nös­si­schen Ausufe­rungen. Vorge­tragen mit einer Leich­tigkeit, die einem den Atem nimmt. Tänze­risch steht ihr Leia Mabasso kaum nach. Ausdrucks­kraft und Energie zeugen davon, dass da noch viel mehr Potenzial vorhanden ist, als Canda ihr zutraut.

An seinem Arbeits­platz wartet João Farinha mit ungewöhn­lichen Instru­men­ten­kom­bi­na­tionen auf. Vor einem offenen Klavier hämmert er Trommel­va­ria­tionen in seinen Synthe­sizer und auch der Computer darf nicht fehlen, um sphärische Klänge zu produ­zieren. Hell leuchtet auf der Rückseite des Monitors das Emblem des Herstellers auf. Überflüssig. Alle Musik abseits dieses Notebooks aller­dings ist stimmig und eindrucksvoll vorgetragen.

Was an Candas Stück gefällt, ist die Botschaft: Es gibt die Zeit vor dem Turmbau zu Babel nicht. Unsere Chance ist, dass wir uns mit Sorgfalt auf die einzelnen Sprachen – auch und vor allem die Körper­sprache – einlassen, wenn wir einander verstehen wollen. Dem Publikum gefällt das, auch wenn der Applaus reichlich dünn klingt und schnell versiegt.

Michael S. Zerban

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