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VERLORENE LIEDER
(Christoph Seeger-Zurmühlen)
Besuch am
15. Februar 2017
(Uraufführung am 10. Dezember 2016)
Düsseldorfer Schauspielhaus, Bürgerbühne,
Central, Kleine Bühne
Bürgerbühnen gibt es inzwischen an vielen Theatern. Ob als höchste Form der Partizipation oder als Antwort auf die Frage, wie man Theater stärker in der Stadtgesellschaft verankern kann, mag dahingestellt sein. Die grundsätzliche Idee, dass damit vorbehaltlos jedem Bürger und Nichtbürger der Zugang zu eigenen Theateraktivitäten ermöglicht werden soll, könnte in der Theorie durchaus dazu führen, dass eine Produktion mangels Talent ausfiele. Also wird die Frei- und Offenheit schnell wieder durch Auswahlverfahren begrenzt. Was angesichts des Anspruchs, den weiterhin passiven Theaterteilhabenden ebenfalls Qualität bieten zu wollen, Sinn macht.
Seit vergangenem Jahr gibt es trotz beengter Verhältnisse – das Düsseldorfer Schauspielhaus wird derzeit saniert und muss mit verschiedenen Ausweichquartieren vorliebnehmen – auch in Düsseldorf eine Bürgerbühne. Zum Künstlerischen Leiter wurde Christof Seeger-Zurmühlen berufen, der in den beiden vorangegangenen Jahren aufgefallen war, indem er das Junge Schauspiel in Düsseldorf binnen kürzester Zeit in die vorderste Riege der Jugendtheater beförderte und zusammen mit Bojan Vuletić das überregional beachtete Festival Asphalt mit einem spektakulären Programm in die erste Liga emporschnellen ließ.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Bürgerbühne – bei allen hehren Ansprüchen gibt es da erst mal Vorbehalte. Nichts gegen die Mitbürger. Aber es hat ja durchaus einen Grund, dass Schauspieler ein Studium ist. Vom Gesang gar nicht erst zu reden. Und bei Verlorene Lieder, das im Dezember vergangenen Jahres zur Uraufführung kam, wird es ja wohl um Gesang gehen. Hier hat Seeger-Zurmühlen die Texte geschrieben und Regie geführt. Und wer bei einer Bürgerbühne an eine traurige Bühne mit minimalen Mitteln denkt, glaubt auch an den Weihnachtsmann – oder kennt eben die Bürgerbühne in Düsseldorf nicht. Allein schon die Bühne und die Kostüme von Kirsten Dephoff sind rückblickend atemberaubend klug. Die Zuschauer werden über den Bühneneingang in das Studio eingelassen. Freundliche Schauspieler, Hannah Breuer und Stephan Zehentmeyer, über die gleich noch zu reden sein wird, begrüßen sie in einer Freundlichkeit, die man sonst aus Nobelhotels kennt. Man möge sich doch bitte zuvörderst die Ausstellung zur Aufführung ansehen. Staunend lassen sich die Zuschauer auf das Sammelsurium an Ausstellungsstücken ein, das sie, jetzt noch nichts ahnend, gleich auf der Bühne als Requisiten wiedersehen werden. Da gibt es viele historische Fotografien, eine Menge Vinyl und anderen Aufnahmemedien, die längst der Geschichte angehören. Vorbei an den in einer Reihe aufgestellten Darstellern geht es auf die Tribüne, vor der eine weiße Wand heruntergelassen ist. Zehentmeyer tritt davor, stellt sich vor und – einziger Schwachpunkt der Inszenierung – leitet das Publikum auf der einigermaßen gut besuchten Tribüne an, einen einfachen Kanon zu singen.
Schwachpunkt in erster Linie deshalb, weil das Publikum hier ins kalte Wasser gestoßen wird. Später wird es beim Wandern ist des Müllers Lust ganz von allein mitsingen. Die erste Wand hebt sich und damit löst sich der zweite Gang des „Archivs“ auf. Später wird sich auch die hintere weiße Wand heben, das Archiv komplett aufgelöst und der Bühnenraum komplett eröffnet sein. Mit kleinen Finessen wandelt Dephoff die Kostüme immer wieder höchst gekonnt ab. So viel Fantasie ist in deutschen Theatern selten geworden. In Christian Schmidt findet sich der ideale Lichtdesigner, der das Ensemble immer wieder ins rechte Licht setzt, ohne das Licht in den Vordergrund zu rücken. Vergeblich sucht man in der Liste des Leitungsteams nach einem Choreografen. Seeger-Zurmühlen zeigt eine grandiose Personenführung. Hier gibt es kein Ruckeln, keine Brüche, keine Rampe, die nicht dramatisch geschickt gesetzt ist.
Ganz allmählich entwickeln und entwirren sich die Geschichten, die der Regisseur hier zu einer packenden Bühnenhandlung zusammengefügt hat. Da ist die Kleinfamilie, deren Vater in den Zweiten Weltkrieg zieht und nicht zurückkehrt. Die psychisch Kranke, die das Verschwinden, Vergessen, die Leere und das bruchstückhafte Erinnern an Inhalte verkörpert. Der Sänger, der scheitern musste, um zum wahren Lebensglück zu finden, und der Agent, der der eigentlich Gescheiterte ist. Es gibt die Fernseh-Show, die entscheidet, ob Lieder vergessen werden dürfen oder nicht, und schließlich in einer erschütternden Lebensbeichte endet. Dass der Zuschauer am Ende mit Lili Marleen unter einer Laterne wartet, ist nur einer von vielen Höhepunkten dieses Abends.
Im Mittelpunkt dieser Aneinanderreihung von Perlen steht die Auseinandersetzung mit den Liedern, die ungeheuer komplex ist. Ob Popsong, Volkslied oder Hymne, nichts bleibt unerwähnt, nichts bleibt ohne kritisches Hinterfragen. Nein, wir brauchen kein Atemlos von Helene Fischer mehr, aber was ist eigentlich mit den Nationalhymnen? Hat sich schon mal jemand bewusst die Hymne der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik angehört, die viel mehr Zielsetzung, Perspektive, Traum bietet als eine im Wechsel der Zeiten immer wieder fehlinterpretierte, derzeit gültige Nationalhymne? Wie es sich gehört, werden diese Fragen in den Raum gestellt, ohne eine endgültige Antwort zu geben. Zwei Stunden ohne Pause geht das so. Aber die Zeit verfliegt, es bleibt kein Blick auf die Uhr.

Die „Laiendarsteller“ – und damit sei dieses Wort letztmalig, weil eigentlich überflüssig, erwähnt – begeistern von Anfang bis Ende. Allen voran die Sopranistin Eva Marti, die nicht nur mit ihrem hochsensiblen Berjoskele und einer Ode an die Freude tief beeindruckt, sondern auch, wie alle anderen, mit außergewöhnlicher Spielfreude begeistert. Wirklich erfrischend auch Hannah Breuer, die mit besonderer Ausstrahlung glänzt. Hier erwarten wir mehr in Zukunft. Claudia Franke erzählt gekonnt eine Geburtsgeschichte. Verena Tönjes, die noch Gesang studiert, haut das Publikum mit ihrer Interpretation von Ich bin der Welt abhanden gekommen Mahlers um. Magdalena Brück hat die Kälte als Orakel gepachtet. Großartig. Bodo von Borries, der die Geschichte von Bob Fisher erzählt, der am Ende mit Robert Schumanns Widmung einen der vielen Höhepunkte setzt. Ob Ursel Fuchs als erst siebenjähriges Mädchen und später alte Frau, sie ist 79 Jahre alt, oder die fünfzehnjährige Lilli Reents, die mit ihrer Zahnspange zu Recht ganz selbstbewusst auftritt. Ob Luda Liebe, die mit ihrer Lebensgeschichte zu Tränen rührt – manchmal ist es ganz gut, als Zuschauer im Dunkel bleiben zu dürfen – oder Mari Carmen Gonzalez Garcia, die uns Deutschen den Kopf zurechtrückt, was unsere gehemmte Sangesfreude angeht: 18 Menschen auf der Bühne, die dem Publikum mächtig den Kopf waschen, was vergessene, falsch interpretierte und allerhöchst überflüssige Lieder angeht, ohne dabei zu vergessen, Lieder darzubieten, die unter die Haut gehen. Das ist nicht allein die Leistung eines Regisseurs. Da gehört außerordentliches Engagement dazu. Wer zweifelt, wird bei Lili Marleen am Ende eines Besseren belehrt.
Jakob Wagner an der Gitarre und Klaus-Lothar Peters am Klavier unter der musikalischen Leitung von Bojan Vuletić sorgen für die Live-Begleitung der zahlreich dargebotenen Lieder. Peters selbst leistet dann auch noch eine fulminante Interpretation von Georg Kreislers Sie ist ein herrliches Weib.
Ein herrlicher Abend. Mehr als einmal gibt es Gänsehaut, Tränen und Schmunzeln. Das Publikum „prügelt“ die Darsteller mit seinem Applaus viele Male wieder auf die Bühne. Eva Marti und Hannah Breuer werden wir neben den anderen hoffentlich bald wiedersehen.
Michael S. Zerban