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Alexander Tremmel als Ecclitico und Alexander Kalina als Bonafede - Foto © Susanne Diesner

Freudenfest des Musiktheaters

DIE WELT AUF DEM MONDE
(Joseph Haydn)

Besuch am
21. April 2017
(Premiere)

 

Robert-Schumann-Hochschule
Düsseldorf, Partika-Saal

Fast 30 Jahre war Joseph Haydn in Diensten der ungari­schen Fürsten­fa­milie Esterházy. Als Vizeka­pell­meister einge­stellt, wurde er nach dem Tode seines Vorgängers zum Ersten Hofka­pell­meister bestellt. Sein Aufga­benfeld war umfang­reich, aber er fühlte sich wohl damit. Zwischen 100 und 150 Opern­vor­stel­lungen hatte er jährlich zu leiten. Darunter auch viele seiner eigenen, insgesamt 24 Opern­werke. An jedem dritten Tag des Jahres eine Aufführung. Eine davon fand am 3. August 1777 statt. Es war die Urauf­führung von Il mondo della luna mit einem Libretto von Carlo Goldoni. Die Welt auf dem Monde wurde anlässlich der Hochzeit des zweiten Fürsten­sohnes gezeigt und fand keinen großen Anklang. Jeden­falls blieb es die einzige Aufführung auf Schloss Esterháza. Anfang des 20. Jahrhun­derts wurde die Oper wieder­ent­deckt und findet seither immer mal wieder auf die Bühnen zurück.

Der Riesen­renner ist das Werk auch 240 Jahre nach seiner Entstehung nicht. Haydn selbst fand, dass er an die kompo­si­to­ri­schen Künste seines Freundes Mozart nicht heran­reichte – und er hatte Recht. Auch Goldonis Schaffen schwankt noch zwischen der Commedia dell’arte und der charak­ter­lichen Zeichnung der Figuren. Trotzdem hält Thomas Gabrisch, Leiter der Opern­klasse an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf, die Oper für die Aufführung dieses Jahres geeignet. Sie bietet den Sängern Gelegenheit, sich in den Arien und Rezita­tiven zu profi­lieren, ohne sie zu überfordern, lässt sich gut bearbeiten und enthält komödi­an­tische Elemente, die den Darstellern Raum für ihre Schau­spiel­kunst lassen. Das Publikum schließt sich seiner Meinung an und besetzt den Partika-Saal bis auf den letzten Stuhl. Und das, obwohl dieser Saal eigentlich als Konzertsaal ausgelegt ist und beileibe keine sänger­freund­liche Akustik ausweist.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Im vergan­genen Jahr stand Gregor Horres als Regisseur für die Zauber­flöte auf den Plakaten, Peter Nikolaus Kante wurde als Co-Regisseur aufge­führt. Wie die tatsäch­liche Arbeits­teilung aussah, soll hier nicht disku­tiert werden. In diesem Jahr jeden­falls steht Kante als verant­wort­licher Regisseur auf dem Beset­zungs­zettel. Studiert hat der Bariton Gesang an der Musik­hoch­schule Köln, ist seit 1989 Mitglied des Ensembles der Deutschen Oper am Rhein. An der Robert-Schumann-Hochschule ist er für das Schau­spiel­training der Sänger zuständig. Jetzt muss er also erstmals offiziell den Unter­schied zwischen Theorie und Praxis beweisen. Um das Ergebnis mit der ihm eigenen, sympa­thi­schen Burschi­ko­sität vorweg­zu­nehmen: Glück­wunsch, Kante!

Regie kann so einfach sein. Ein ordent­liches Bühnenbild, für das der Regisseur hier auch gleich noch sorgt, die Räume ordentlich aufge­teilt und mit Leben gefüllt, nachdem man dem Ensemble exakt mitge­teilt hat, wie man sich die Bewegung wünscht. Bei Kante stehen sich die Sänger im Duett gegenüber, nur dann an der Rampe, wenn es künst­le­risch Sinn macht und bekommen für ihre Arien unauf­fällig ruhige Positionen, ohne in Dekla­mation zu erstarren. Da darf man sich dann auch schon mal einen freezing frame erlauben. Natürlich braucht es auch hier ein Team. An Kantes Seite Marcus Grolle, im vergan­genen Jahr noch unter „Choreo­grafie“ firmierend, jetzt als Co-Regisseur genannt. Er sorgt dafür, dass die mitunter turbu­lenten Bewegungs­ab­läufe reibungslos vonstat­ten­gehen. Kante richtet dafür eine minima­lis­tische Theater­bühne ein. Die vergleichs­weise schmale Bühne schließt im Hinter­grund mit einer weißen Fläche ab, in deren Mitte ein Schlitz einen zusätz­lichen Zugang bietet. Davor ist ein roter Vorhang aufge­hängt. Ein Sofa links, ein Tisch rechts, dazu einige Kasten­ele­mente. Benötigt werden weiterhin eine Sackkarre, ein Bierkasten und ein paar Flaschen. Da sind schnelle Umbauten, von den Darstellern selbst vorge­nommen, kein Problem und mit der nötigen Origi­na­lität bleibt auch kein Raum für Lange­weile. In dieser Umgebung wirken die bizarren, witzigen und einfalls­reichen Kostüme von Stefanie C. Salm von der Deutschen Oper am Rhein gleich doppelt. Die Rocky Horror Show im Barock­zeit­alter beschreibt es wohl am besten. Bernd Staatz und Mylene Breyer unter­stützen den skurril-fantas­ti­schen Eindruck mit ihrer Maske. Großes Kompliment, wie hier mit wenig Einsatz und vielen origi­nellen Ideen ein eindrucks­volles Bühnenbild geschaffen wird, das Beleuchter Volker Weinhart auch in diesem Jahr wieder sehr gekonnt in Szene gesetzt hat. Und ließe er Bonafede nicht im Dunkel über dem Vorhang „verhungern“, wäre es brillant. Eine Neuent­de­ckung ist Moritz Hils, der mit seinen Video­pro­jek­tionen für viel Spaß unter den Kommi­li­tonen im Publikum sorgt. Auf diesen Namen wird man in Zukunft achten müssen.


Und um die Zukunft geht es hier ja. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Umsicht Gabrisch die Sänger-Rollen besetzt. Im vergan­genen Jahr noch in der zweiten Reihe angenehm aufge­fallen, müssen sich einige von ihnen heuer an der Front beweisen. Aus der ersten Reihe an der Hochschule schon nicht mehr wegzu­denken ist Anna Rabe, die sich als Punk-Flaminia gleich wieder in die Herzen des Publikums singt. Damit bestätigt die Schülerin von Konrad Jarnot den Eindruck des letzten Jahres. Auch Valerie Eickhoff lernt bei Jarnot. Als Lisetta tritt sie neben Rabe und bezaubert durch Gesang und Spiel­freude. Während wir hier noch über Bachelor-Aspiranten reden, bereitet sich Johanna Werhahn bei Michaela Krämer auf ihren Master vor. Als Roberta zeigt sie viel Bühnen­präsenz, Mut zum Körper­einsatz und eine Stimme, die deutlich und begeis­ternd in den Raum hinein­reicht. Auch Jana Marie Gropp lernt in der Krämer-Klasse, bereitet sich gerade auf ihren Bachelor vor, wirkt aber eigentlich als Clarice viel weiter. Bei den Herren ist Alexander Kalina nach vorn gerückt. Der Jarnot-Schüler entwi­ckelt sich als Bonafede zum Held des Abends. Neben einer sich sauber entwi­ckelnden Gesangs­kultur erfreut er schon jetzt mit seiner Freude am Schau­spiel. Dass er darüber hinaus eine tänze­rische Bewegungs­freude zeigt, sorgt für viel Vergnügen. Alexander Tremmel treibt die Handlung als Ecclitico voran, und Lorenz Rommel­s­pacher begeistert als Kammer­diener Cecco und Mondkaiser. Dem Chor gelingt nicht ganz, was sich Kante erhofft hat. Kante ist davon ausge­gangen, dass die Solis­ten­stimmen sich im Ganzen zu einem glasklaren Gesang vereinen. Bemüht ist hier aller­dings jeder, und der körper­liche Einsatz ist enorm.

Jana Marie Gropp als Clarice – Foto © Susanne Diesner

Für die richtigen Einsätze der Solisten sorgt Gabrisch. Bei dem Dirigenten können die Sänger sich im siebten Himmel fühlen. Glasklare Ansagen werden über Zusatz­mo­nitore übertragen. Mit der Musik Haydns ist selbst das Univer­si­täts­or­chester unter­fordert, auch wenn sich hier und da Flüch­tig­keits­fehler einschleichen. Da ist es hilfreich, dass Gabrisch mit exakter Führung für den nötigen Pep sorgt. Großartig die Auftritts­musik von Flaminia und Clarice. Hier hat Gabrisch den fünften Satz aus dem vierten Streich­quartett von Béla Bartók eingefügt. Da kommt Leben in die Bude. Weniger geglückt ist die Idee, Musiken aus der Konserve einzu­spielen. Drama­tur­gisch gelungen, ist die technische Qualität der Sinatra-Melodien New York, New York, Come, fly with me sowie beispiels­weise Samba Pa Ti oder Blue Velvet, übrigens eine fantas­tische Tanzeinlage von Eickhoff und Kalina, ein Bruch in der Aufführung und erreicht damit nicht ganz den erhofften Effekt.

Bei aller Leich­tigkeit, die der Abend vorspiegelt, kann man nicht darüber hinweg­sehen, wie viel profes­sio­nelle Arbeit in dieser Produktion steckt. Seit Ende vergan­genen Jahres haben die Studenten sich auf den Abend vorbe­reitet. Das Publikum weiß es, auf seine Weise, zu würdigen. Da entfleucht, bei langan­hal­tendem Beifall, sogar jemandem ein „Bravo!“. Aber egal, wie zurück­haltend sich das Publikum im Partika-Saal gewohn­heits­mäßig auch bei Arien-Applausen zeigt: Rabe, Kalina und Kommi­li­tonen haben heute Abend schon gezeigt, dass wir uns auf die Zukunft freuen dürfen. Und Kante? Der hat heute seine Empfeh­lungs­karte abgegeben.

Michael S. Zerban

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