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In seinem 30. Programm hält sich Martin Schläpfer, der Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein, dezent zurück und überlässt das Terrain dreien seiner Kollegen. Auf Spuren des renommierten Tanzmeisters braucht man allerdings nicht zu verzichten. Denn Remus Şucheană tanzte seit 1999 in Mainz unter der Leitung von Schläpfer und folgte ihm an den Rhein, wo er 2015 zum Co-Ballettdirektor ernannt wurde. Die Uraufführung seines 30-minütigen Tanzstücks Concerto grosso Nr. 1 zur gleichnamigen Musik von Alfred Schnittke weist unverkennbare Einflüsse Schläpfers auf, lässt aber auch eine ausbaufähige eigene Handschrift erkennen. In der Abstraktion geht Şucheană nicht so weit wie sein „Chef“. Die Konzentration auf Einsamkeit und Ausgrenzung des Menschen lässt sogar Umrisse eines Handlungsballetts erkennen. So wie Schnittkes Musik klassische Vorbilder aufgreift und kunstgerecht zersplittert und verfremdet, basiert Şucheanăs Choreografie auf der klassischen Tanzkunst, die er behutsam ausweitet. Das Thema der Einsamkeit führt zu überwiegend moderaten Bewegungstempi, wobei die musikalischen Wechsel zwischen Orchestertutti und solistischen Einlagen ein dankbares Tummelfeld für entsprechende tänzerische Strukturen bieten, was die 30-köpfige, groß besetzte Compagnie mit Ann-Kathrin Adam, Yuko Kato und Marlúcia do Amaral an der Spitze dankbar nutzt. Insgesamt wirkt Şucheanăs Arbeit einheitlicher, konservativer und weniger dynamisch als die meisten Arbeiten Schläpfers. Was kein Nachteil sein muss. Die Vielfalt des Bewegungsrepertoires gerät im Laufe der Aufführung allerdings an ihre Grenzen.
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Das betrifft auch die zweite Uraufführung des Abends, Wounded Angel, der serbischen Choreografin Natalia Horecna, mit 50 Minuten der längste Beitrag des Programms. Auf weiche, klassische Bewegungsmuster legt sie keinen Wert. Sie verknüpft burleske Clownerien mit fantastischen und introvertierten Elementen, entsprechend der musikalisch bunt gestückelten Collage aus aggressiven Bartók-Klängen, verlorenen Klarinettentönen von Alban Berg und zünftigen Folklorismen des Duos Timba Harris an der Violine und Gyan Riley mit der Gitarre. Auch bei Horecna geht es um die Behauptung eines Menschen namens Love, eindringlich getanzt von Marcos Menha, in einer Welt, in der der friedensstiftende Engel, dargestellt von Yuko Kato, so stark verwundet ist, dass er die in den Himmel führende Treppe nicht mehr aufsteigen kann. Camille Andriot als das Herz und Rubén Cabaleiro Campo als Ich bewegen sich im Dauerclinch. Immer wieder brechen acht skurrile, obszön agierende Allegorien, etwa die Furcht, die Unsicherheit oder die Selbstliebe, mit burlesken Verrenkungen in dionysisch angehauchten Hemdchen inklusive Schwänzen am Hintern und auf dem Kopf in die Welt ein. Eine etwas verwirrende Ansammlung vieler Seelen, die in der Brust der Love hausen. Insgesamt eine flott choreografierte, etwas lang geratene, hypnotisch-frivole Absage an die Kraft eines „Wunderengels“, der die Menschen zur Vernunft bringen könnte.

Beide Uraufführungen verbindet optisch eine gewaltige verwinkelte Konstruktion von Bühnenbildner Darko Petrovic, die zunächst wie ein massives Labyrinth am Bühnenhimmel hängt und sich am Ende der Stücke herabsenkt und die Weite des Raums eingrenzt.
Zwischen den Uraufführungen bietet Marco Goeckes vor zwei Jahren in Duisburg aus der Taufe gehobenes Ballett Lonesome George zu Schostakowitschs achtem Streichquartett eine in vernebeltes Halbdunkel angesiedelte, virtuose Studie für alles, was sich an bizarren Bewegungsmustern mit den Händen und dem Rumpf realisieren lässt. Nicht mehr und nicht weniger.
Die anspruchsvolle Musikauswahl für alle drei Stücke bringen die Düsseldorfer Symphoniker und ihre Solisten unter Leitung von Jean-Michaël Lavoie angemessen zu Gehör und tragen damit wesentlich zum heftig bejubelten Erfolg des abwechslungsreichen Abends bei.
Pedro Obiera