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DAS TIERREICH
(Nolte Decar)
Besuch am
18. Januar 2017
(Premiere)
Ein knappes Jahr ist es her, dass Michael Stielekes Theaterensemble Only ask Valery! sich auf der Bühne des Forum Freien Theaters in der Jahnstraße vorstellte. Mit ihrer Interpretation des Stücks Morning von Simon Stephens legten die früheren Schüler des pensionierten Lehrers Stieleke die Messlatte ziemlich hoch. Jetzt tritt das Nachwuchsensemble mit dem Stück Das Tierreich des Autorenduos Nolte Decar an, um zu beweisen, dass es sich bei der großartigen Leistung im vergangenen Februar nicht um eine Eintagsfliege handelte.
Mit dem Tierreich scheinen die jungen Leute es sich zunächst einmal einfach zu machen. Uraufgeführt am 3. Oktober 2014 am Schauspiel Leipzig in der Regie von Gordon Kämmerer, wurde schnell klar, dass Michel Decar und Jakob Nolte hier ein besonderes Werk gelungen ist. Die Tücke liegt im Detail. Zunächst einmal haben Decar und Nolte ein heißes Eisen angepackt. Pubertierende verbringen ihre Sommerferien in einer Kleinstadt in der deutschen Provinz. Da eröffnet sich ein ganzes Universum an Themen. Aufkeimende Liebe, unerfüllte Liebe, Sexualität, Gegenwarts‑, Zukunftsfragen, die Tragik des Alltags. Es nimmt gar kein Ende. Wie will man das auf die Bühne bringen?
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Ist ganz einfach, sagen die Autoren. In schnellen Schnitten, kurzen Auftritten. Soweit die Theorie. In der Praxis müssen der Regisseur und sein Team präzise wie ein Chirurg arbeiten, damit der Zuschauer nicht nur Versatzstücke sieht, sondern am Ende auch die Handlung versteht. Das Ensemble – wiederholt seinen Vorjahreserfolg, als sei nichts einfacher als das.
Viele der Requisiten sind bereits bekannt: Einzelne Stühle, Bänke, ein paar Bierkästen, eine Schaufensterpuppe, alles immer schnell beweglich. Links und rechts in der weißen Bühnenlandschaft ein Podest, auf und hinter denen die Musikinstrumente untergebracht sind. Hier können sich die Darsteller nun zu kurzen, teils kommentierten Dialogen treffen, chorartig zusammenrücken oder einfach entrückt tanzen. Es gibt derbe Sprüche, Gags mit und ohne vorhersehbare Pointe, Intrigen um Chinchillas, einen berührenden Moment mit einem Eisbären und deftig rockige Musik. Zwischendurch wird noch ein Theaterstück einstudiert. Kaum ein Darsteller, der mit einer einzigen Rolle auskommt. Also sind permanente „Kostümwechsel“ angesagt. Diesmal haben die Akteure nicht auf Hilfe von außen gesetzt, sondern sich selbst überlegt, wie sie die Figuren charakterisieren können. Ein echter Gewinn! Barfuß tanzen sie durch diesen Sommer, in dem ein Panzer auf die Schule fällt und nicht nur Liebeswunden in die noch so verletzlichen Seelen geschlagen werden, sondern auch der ganz normale Wahnsinn zuschlägt. Hier ein T‑Shirt weniger, da eine Lederjacke obendrauf, Haarspray sorgt für neue Frisuren bei den Jungs, es ist kaum zu glauben, was auf dieser Bühne in 75 Minuten alles vonstattengeht. Das Leben pulsiert, irritiert, euphorisiert, langweilt und irgendwann geht diese Schule einfach wieder los.

Elf Nachwuchsdarsteller so gut wie ohne künstlerische Ausbildung spielen 24 Rollen. Die Selbstreflexion macht es nicht einfacher. Und doch ist jeder einzelne von ihnen bei der Premiere ganz vorn dabei. Der Held des Abends für das überwiegend weibliche Schülerpublikum ist Anton Lesseur. Regelrechter Starkult wird da betrieben. Herrlich. Aber der junge Mann überzeugt auch wirklich in seiner Ernsthaftigkeit. Großartig sind sie ausnahmslos alle. Julietta Brandel liefert einen applauswürdigen Redeschwall, viel überzeugender aber ist sie als die Nicole Schneider, die nicht nur als Schülerzeitungschefredakteurin, sondern vor allem auch in ihrer verträumten Art begeistert, mit der sie die Jungs reihenweise umhaut. Lea Hildebrand ist wieder dabei, die Rock-Lady, die sich an der E‑Gitarre wohler fühlt als mit anderen Menschen. Laoise Lenders präsentiert sich dieses Mal in drei Rollen, ohne eine einzige zu schlabbern. Ob Anna Bachmann, Greta Behr, Jan Faßbender, Ole Glitza, David Haeseling, Ramin Haijat oder Anton Hipp – es gibt keine Ausfälle, die jungen Leute haben die Spielfreude über das Jahr gerettet und bereichert. Aus einem höchst anspruchsvollen Stück das Beste herausgeholt und nicht nur ihren Altersgenossen den Spiegel vorgehalten, sondern auch den – wenigen – älteren Besuchern gezeigt, dass diese irrsinnige Zeit, als sie sich schon so erwachsen fühlten und doch so weit davon entfernt waren, ebenso scheinbar nutzlos wie aufregend war.
Summer in the City – mit dem Klassiker von Joe Cocker eröffnet das Stück, schließlich haben die Jungakteure nicht nur ihre Rollen auswendig gelernt, sondern auch gleich noch eine ganze Reihe von Musikstücken mit Andreas Niegl einstudiert, die sie live auf der Bühne spielen. Gut, bei den Stimmen gibt es hie und da noch Schulungsbedarf, aber wen interessiert das, wenn es den Sängern wie Instrumentalisten gelingt, die Bühne zu rocken? Überhaupt niemanden!
Das überwiegend junge Publikum feiert seine Altersgenossen frenetisch. Stieleke ist es gelungen, an einem kalten, aber immerhin sonnigen Januartag dem Publikum den Schweiß eines Sommertages auf die Stirn zu treiben. Die Bewährungsprobe des Ensembles Only ask Valery! ist nicht bestanden, sondern übertroffen. Auf dem Heimweg laufen im Autoradio wehmütige slawische Weisen. Und da beschleicht einen plötzlich doch noch so etwas wie Neid auf das unverschämte Glück dieser Jugendlichen, Leben in wirklich all seinen Facetten als so neu erfahren zu dürfen. Vor allem wohl deshalb, weil sie es uns an diesem Abend so genussvoll gezeigt haben.
Michael S. Zerban