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Foto © O-Ton

Der nasse Westen

WINNETOU I
(frei nach Karl May)

Besuch am
25. Juli 2017
(Premiere am 24. Juni 2017)

 

Elspe-Festival

Karl May war bekann­ter­maßen nie in den USA, um sich dort für seine berühmten Werke um den Apachen-Häuptling Winnetou und seinen weißen Bruder Old Shatterhand, der Autor höchst­per­sönlich, inspi­rieren zu lassen. Im Sauerland hat der Schrift­steller ebenfalls seine Spuren hinter­lassen, aller­dings auch nicht persönlich. Aber seit 1964 ist Europas größte Natur­bühne über dem Örtchen Elspe dem Wilden Westen aus Mays Feder vorbe­halten und lockt in den Monaten Juni bis September die Zuschauer in Scharen ins Sauerland.

In diesem Jahr steht der Auftakt zu einer neuen Winnetou-Trilogie auf dem Spielplan. In Winnetou Teil 1 - Die Geschichte einer großen Freund­schaft geht es darum, wie aus dem Häuptling Winnetou und dem neu in den Westen kommenden Karl May alias Old Shatterhand Bluts­brüder werden. Wie schon in den berühmten Filmen kann der Inhalt des Buches nur sehr rudimentär wieder­ge­geben werden. Was erzählt wird, ist das Wesent­liche: Dass die weißen Einwan­derer den Urein­wohnern ihr Land wegnehmen, dass die Indianer auch unter­ein­ander zerstritten sind, dass auf beiden Seiten Opfer zu beklagen sind. Aller­dings sind die Karl-May-Festspiele famili­en­freundlich und so wird das Ganze auch erzählt. Die Dialoge von Regisseur Jochen Bludau sind in der Wortwahl einfach, werden in der Dialog­regie von Benjamin Armbruster langsam und deutlich gesprochen. Philipp Asshoff sorgt mit einer sehr guten Tontechnik dafür, dass jedes Wort gut verständlich ist. Und neben der nötigen Spannung gibt es auch die passenden Witze. Es darf gerne gelacht werden. Die Gesten sind theatra­lisch, groß und raumgreifend. Es gilt einen Zuschau­erraum für 4400 Gäste zu erreichen. Mimik ist daher nur für die ersten fünf Reihen wichtig – maximal. Wer das Fernrohr oder das Zoom der Kamera benutzt, sieht, dass auch hiermit gearbeitet wird.

Doch der Zauber geht eben von dieser riesigen breiten Bühne aus, wo man den Kopf wirklich bewegen muss, um sie komplett anzuschauen. Links sind die Block­hütten inklusive Saloon als Revier der „Weißen“, rechts steht das Pueblo der Apachen, angelehnt an den fast mittigen Felsen, auf dem der finale Showdown statt­findet. Eine riesige Explosion, ein schrei­ender Stuntman, eine gewaltige Wasser­kaskade. Dieses Ende löst immer Begeis­terung aus. Dabei sind die Pyroef­fekte von Stephan Kieper bei all ihrer Effek­ti­vität immer das kleine Detail, was Eltern bei dem Besuch mit Kindern unter­schätzen. Denn die Knall­ef­fekte haben es in sich, und so sieht man immer wieder Eltern­teile, die mit zu jungen Kindern die Vorstel­lungen zu früh abbrechen müssen.

POINTS OF HONOR

Musik
Schau­spiel
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Aber es gibt noch viel mehr zu sehen: Die knapp 40 Pferde, die über die Bühne galop­pieren und selbst große Steigungen abwärts ganz sicher bewäl­tigen. Brigitte Bludau, Barbara Kemper und Bozena Schauerte sind für die vielen Kostüme zuständig – bei knapp 60 Schau­spielern keine Kleinigkeit. Seit neuestem verfügt das Festival auch über eine Greif­vo­gel­station. Der Weißkopf­adler Abby fliegt knapp über die Köpfe der Zuschauer hinweg, ehe er auf dem Arm von Trainerin Maike Schmidt landet. Und welche Bühne kann schon von einer Eisenbahn befahren werden? Mit Robert Kuchar­czyks Western­ei­senbahn kann man vor der Show eine Runde über die Bühne machen. Während der Show wird sie auch dieses Mal überfallen, die weißen Banditen, angeführt von Santer, klauen hier das Dynamit, um die Goldader der Apachen zu sprengen. Die Indianer versuchen indes, die Bahnstrecke durch ihr Terri­torium zu zerstören. Eine erbit­terte Feind­schaft eben, die Opfer fordert. Ein Kloß im Hals bleibt nicht aus.

Foto © O‑Ton

Doch in der besuchten Vorstellung haben alle einen gemein­samen Gegner: einen unbarm­her­zigen Regen. Und es nieselt nicht nur, nein, es schüttet von Anfang bis Ende, so dass sogar kleinere Bäche die Bühne abwärts fließen. Die Zuschauer sitzen in Elspe sicher überdacht, außer auf den vordersten Plätzen bekommt hier niemand einen Tropfen ab. Die Bühne dagegen ist komplett im Freien und trotz des Wetters liefern die Darsteller mehr als nur eine engagierte Show ab. Bei den ein oder anderen Läufen über die Bühne werden die Schritte natürlich etwas vorsich­tiger gesetzt. Auch in den sehr syste­ma­ti­schen Prüge­leien, die von Marco Kühne choreo­gra­fiert werden, bemerkt man eine kleine Portion Vorsicht, was zu begrüßen ist. Aber ansonsten sieht man keinen Unter­schied. Selbst das gesamte, umfang­reiche Rahmen­pro­gramm findet statt. Niemand der Beschäf­tigten lässt sich an diesem Tag wirklich anmerken, wie unbehaglich das Arbeiten unter diesen Bedin­gungen ist. Manch langes Gesicht unter den Parkan­weisern ist nur allzu verständlich.  Aber wie so ein Regentag gemeistert wird, das nötigt den höchsten Respekt ab! Von Sparflamme keine Spur, selbst die Pyroef­fekte lassen sich durch das Wasser nicht aufhalten. Die Rauch­ent­wi­ckung ist dafür umso intensiver.

Bewun­dernswert sind die stoischen Darsteller, die dem Regen trotzen und gleich­zeitig Rollen abliefern. Kai Noll als Old Shatterhand ist die Ruhe in Person, der die Rolle sehr edel abliefert und ein weißer Held aus dem Bilderbuch ist. Stephan Kieper ist der kautzige Sam Hawkins, Bianca McNamara die derbe Saloon-Wirtin Miranda. Sensibler und anmutiger tritt Cheryl Angelika Baulig als Nscho-Tschi in Erscheinung. Wolfgang Kirchhoff als ihr Vater und Häuptling Intschu-Tschuna hat entgegen der Vorlage kaum was zu melden. Da bekommt Moritz Bürkner als Matto Shako mehr Gelegenheit, sich autoritär in Szene zu setzen.

Aber im Mittel­punkt steht automa­tisch Jean-Marc Birkholz als Winnetou, der auch die passende Erscheinung und das nötige Charisma für die Rolle auf die weite Bühne bringen kann. Von dem Moment an, wo er zu der berühmten Filmmusik von Martin Böttcher von der obersten Spitze der Bühne herab­reitet, liegen die Zuschauer ihm zu Füßen. Das gehört sich genauso, wie ein eiskalt gespielter Santer von Alexander Hanfland beim Schluss­ap­plaus ausgebuht wird. In Elspe ist das eben ein Kompliment. Das Publikum fiebert in allen Alters­klassen mit. Ein paar Kinder verstecken sich fast hinter ihren Eltern, die mutigeren zielen schon mit dem gekauften Revolver auf die Bösen – manche auch auf die Guten. Oh, oh. Die Erwach­senen visieren die Schau­spieler lieber durch die Kamera an. Bilder und Videos in Elspe zu machen, ist anscheinend absolut erwünscht. Und die Stamm­gäste sprechen jeden Dialog nahezu stumm mit und tauschen sich über ihre Statis­ten­er­fah­rungen aus. Das ist eben Elspe, ein nicht ganz günstiger Allround­ausflug für die ganze Familie, bei dem nur zwei Dinge wichtig sind: Man sollte die Geschichten Karl Mays mögen und bei der Abfahrt ins Dorf zur Haupt­straße ein bisschen Geduld aufbringen.

Christoph Broermann

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