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LA CLEMENZA DI TITO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
3. Juni 2017
(Premiere)
Unter Mozartianern ist der ursprünglich für Zürich entwickelte Zyklus der großen Opern des Wiener Genies von Jean-Pierre Ponnelle legendär. La clemenza di Tito, Mozarts letzte Opera seria, siedelt er in klassizistischen Bühnenbildern an, die die glanzvolle Fassade Roms um 79 nach Christus, dem Zeitpunkt des Geschehens, repräsentieren. Gewaltige Torbögen und prunkvolle Paläste symbolisieren den Schauplatz eines Staatsstreichs. Eine familiäre Clique um Tito Vespasiano, Nachfolger des gestürzten Kaisers Vitellius, zettelt einen Aufstand gegen den Imperator an und löst damit einen Staatsstreich aus, der sich im brennenden Kapitol manifestiert. Die Staatskrise wird durch die Mildtätigkeit des atypischen Herrschers beigelegt und auf dem Palatin ein neuer code of government etabliert. Das Wunder der Mozart-Oper auf ein Libretto von Caterino Tommaso Mazzolà nach dem Drama von Pietro Metastasio hat sich erfüllt. Und das gleich doppelt. Im Staunen gegenüber der Haltung eines Herrschers, dem Machtausübung zuwider ist. Im beseelten Erleben der Musik, die dem eigentlich zum Zeitpunkt der Uraufführung 1790 überholten Genre der Opera seria das Tor zur Weiterentwicklung öffnet. Spätbarock zum Ruhm und zur Unterhaltung der Fürsten avanciert zur Klassik, die anderen, nicht restaurativen Werten folgt.
Der prinzipielle Entschluss des Aalto-Musiktheaters, das psychologisch heikle Opus um die Macht des Verzeihens auf den Spielplan zu setzen, ist absolut begrüßenswert. „Die Wunder des Titus”, schreibt Joachim Kaiser in seinem Buch über Mozarts Opern, „entdeckt man, wenn überhaupt, erst spät.” Geschmälert, womöglich gar kontraproduktiv wird sie indes durch die Entscheidung, die Regie dem in Essen geborenen Frédéric Buhr anzuvertrauen. Er verantwortet Inszenierung, Raumkonzept und liefert seine erste Arbeit als Regisseur am Aalto ab. Sein vermeintlicher Clou, das Rom von damals in die Gegenwart zu verlagern und das Kapitol durch einen Flughafen, möglicherweise Fiumicino, zu ersetzen, erweist sich leider nicht als Ausweis eines gelingenden Regietheaters. Vielmehr wächst sich der Basiseinfall zum Dilemma eines Missverständnisses aus. Buhr, Absolvent der Fächer Sozialpsychologie und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum, wird sich nach diesem Debüt den Regisseuren zurechnen lassen müssen, die offenkundig nicht fokussiert auf Partitur und Textbuch inszenieren.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Für das Bühnenbild hat Thorsten Macht eine Wartehalle mit einer raumteilenden, steilen Treppe und einer seitlich platzierten Lounge erdacht. Hier serviert adrett kostümiertes Servicepersonal an der Bar Getränke und bei Bedarf auch Tüchlein zum Trocknen von Tränen. Durch eine Glasfront fällt der Blick auf einen Flugsteig mit Flugzeugen in Parkposition. Mal sausen Schleppfahrzeuge durch die Szene, dann wird das Bild eingefroren. Mal ist es taghell, dann zum Showdown hin bricht Dunkelheit ein. Die Akteure des Staatsstreichs, sämtlich in komplexe erotische und familiäre Beziehungen verstrickt, nehmen sich in den heute scheinbar gängigen grauen Businesskostümen Regina Weilharts wie Reisende aus. Auf der Flucht vor ihren scheußlichen Taten und der eigentlich zu erwartenden Rache? Ethisch Entwurzelte? Es ist ja wahr: Moderne Außenpolitik ist heute Jet-Politik. Und manche diplomatischen Treffen finden in Warteräumen von Fluggesellschaften statt. Auch der von Sesto inszenierte Höhepunkt des Putsches, das in Flammen stehende Kapitol, lässt sich kompatibel in das Szenario integrieren. Flughäfen sind im Terror der Gegenwart bekanntlich bevorzugte Anschlagsziele.
Vermutlich ist es das Kalkül Buhrs, den Plot krass anders aufzubereiten und so „originell” zu sein. Eines leistet das indes nicht, nämlich das Geheimnis Titos, dieser „Puppe der Großmut”, wie ihn der Mozart-Experte Alfred Einstein nennt, dem Publikum einigermaßen plausibel zu machen. Der Vergleich mag unangemessen sein. Gleichwohl: Ist es vorstellbar, dass Hitler im Juli 1944 Stauffenberg sowie seine Mitstreiter Carl Friedrich Goerdeler und Ludwig Beck begnadigt und in Freundschaft aufnimmt, nachdem er unmittelbar zuvor von ihren Attentatsplänen auf sich erfahren hat? Eine Tito-Inszenierung in unserer Realität, die genügend Despoten unter diversen Staatslenkern aufweist, wäre eben daran zu messen, in welchem Maße sie zur Entschlüsselung eines Geheimnisses beiträgt, das nichts weniger als die Synthese von Ethik und Macht in sich birgt, als Option wie als Utopie. Dabei wären durchaus die Bedingungen mit zu reflektieren, unter denen die Auftragskomposition anlässlich der Inthronisierung Leopolds II. zustande kam. Dabei wäre auch der eine oder andere Fingerzeig, den das Libretto bietet, hilfreich. So völlig außer sich kann der Stoff ja wohl nicht sein. An die 60 Vertonungen sind nachweisbar. Auch Caldara, Hasse, Jommelli und nicht zuletzt Gluck haben ihn verwendet. Die Qualität der Version Glucks hat Werner Ehrhardt mit dem Orchester L’arte del mondo erst kürzlich in Leverkusen unter Beweis gestellt.
Mit Tito verbindet Kaiser eine „Substanz ästhetisch reiner Erfindung, in Melodien versenkt”. Dieser „Substanz” kommen die Essener Philharmoniker unter der musikalischen Leitung des Aalto-Generalmusikdirektors Tomáš Netopil schon sehr nahe. In den Tutti-Passagen, grandios ergänzt um den vorzüglich eingestellten Opernchor des Hauses in der Einstudierung von Jens Bingert, finden sie sich zu einem imperialen, schlicht beglückenden Mozart-Sound. Netopil führt sie gleichwohl mit dem sicheren Instinkt für das, was die Akteure auf der Bühne brauchen, sei es die furiose Parforce bei den Koloraturen und beim Accelerando in den Hauptpartien, sei es die auf die Zehntelsekunde bemessene Pause. Nicht zuletzt sind die Holzbläser in den solistisch geprägten Auftritten in Höchstform, allen voran der erste Fagottist und der erste Klarinettist bei den Bravourarien Vitellias und Sestos.

Die vokale Substanz, von der Kaiser schwärmt, hat im Essener Ensemble eine angemessene Heimstatt gefunden. Allen voran brilliert die Mezzosopranistin Bettina Ranch in der von Mozart für Sopran komponierten, extrem fordernden Partie des Sesto, für die eine tiefer liegende Tessitura eher besser geeignet ist. Ihre Solo-Arie Parto ma tu ben mio wird vom Publikum spontan umjubelt: eine Klaviatur der Gefühle, vom stillen Leiden bis zur lodernden Leidenschaft. Als exzentrische Vitellia ist Jessica Muirhead darstellerisch wie als Sängerin eine Wucht. Sie ist Dämonin und Intrigantin, raumgreifend und bedacht– ganz so, wie es die jeweiligen Situationen erfordern. Zum Höhepunkt der Aufführung avanciert ihre wie ein Konzertstück in die Oper eingeschobene Jahrhundert-Arie Non più di fiori vaghe catena. Der als dreiteiliges Rondo aufgebaute und für ein solistisches Bassetthorn ausgelegte Superlativ löst denn auch langen Szenenapplaus aus. Der wird auch dadurch nicht verhindert, dass die Regie das Charisma dieses Glanzstücks glatt weg zu banalisieren versucht. Vitellia irrt im Vortrag an der Treppe hin und her, frischt mit einem Lippenstift aus der Handtasche ihr Makeup auf, um diese letztlich zu Boden zu werfen, so dass die Utensilien überall zerstreut werden. Was sich als Kluft zwischen der Regie und dem Wesen der Musik ansprechen lässt – hier wird sie greifbar, geradezu schmerzlich.
In den weiteren Partien der Sängerinnen ist gefällige Mozart-Kompetenz zu registrieren. Die Servilia der Christina Clark überzeugt dabei mit ihrem ausgereiften Sopran. Dem Charakter dieser bedingungslos Annio liebenden Frau bleibt sie jedoch einiges schuldig. Eben diesen Geliebten der Favoritin des Kaisers und Freund Sestos zeichnet Liliana de Sousa mit vokaler Klasse und menschlicher Wärme. Ihr liegt besonders Mozarts Faible für kurze Preziosen, etwa das Duettino Deh prendi un dolche amplesso zusammen mit Sesto. Die Crux jeglicher Tito-Besetzung ist zweifellos die der Hauptfigur, eher dem Don Ottavio in Don Giovanni verwandt als etwa Idomeneo. Dmitry Ivanchey bringt ein ausgeprägt viriles Moment in die Partie ein, muss aber zugleich mit dem Handicap des passiven Herrschers fertig werden. Den Spagat zwischen imperialer Attitüde und nobler Hilflosigkeit bringt er unter dem Strich einigermaßen zustande – nicht zuletzt dank seines ausdrucksstarken Tenors, der die lyrischen Momente ebenso wie die dramatischen souverän bewältigt. Den Publio, Anführer der Prätorianer, verkörpert Baurzhan Anderzhanov mit markantem Bass und großer Darstellungsfreude in der Pose des Ministers, der sich der Staatsraison verpflichtet weiß.
Das Aalto-Team wartet ganz zum Schluss noch mit einer nun mal wirklich originellen Überraschung auf. Nach den ersten umjubelten Vorhängen präsentiert es das prachtvolle Versöhnungsfinale, ein Sestetto con coro, ein zweites Mal. Quasi ein Mini-da-capo. Der Chor hat sich zuvor, Frauen und Männer beliebig, links und rechts am Parkettrand die Reihen hoch aufgestellt. Der Effekt ist großartig. Wie der musikalische Gesamteindruck, der bleiben wird.
Ralf Siepmann