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DIE VERKAUFTE BRAUT
(Friedrich Smetana)
Besuch am
14. Oktober 2017
(Premiere)
Wenn nicht wenigstens Generalmusikdirektor Tomaš Netopil am Pult der Essener Philharmoniker für ein wenig böhmisches Kolorit und entsprechenden Schwung gesorgt hätte: Der Saisonauftakt der Essener Oper mit Smetanas komischer Oper Die verkaufte Braut wäre zum Desaster geraten. Gesanglich herrscht Mittelmaß, und vollends verblüfft, dass ausgerechnet ein Prager Regie-Duo wie Skutr mit dem Stück und vor allem mit dem böhmischen Nerv der Musik so gut wie gar nichts anfangen kann.
Zugegeben: Das Libretto gehört nicht zu den genialsten Beiträgen der Opernliteratur und erst recht nicht in der hölzernen deutschen Übersetzung, die dem Tonfall der Musik immer wieder im Wege steht. Aber es erzählt viel von moralischer Bigotterie, Geldgier, Misstrauen und Außenseitertum in einem scheinbar dörflichen Idyll. Die echten Gefühle Maries und Hans leuchten mit ihrer musikalischen Wärme unüberhörbar aus der ansonsten eher pragmatisch-kalten Gesellschaft heraus, die sich mit flotten Tänzen eine heile Scheinkulisse zu bilden versucht. Ein dankbares, wenn auch schwieriges Terrain, das es zu beherrschen gilt und noch dazu mit leichter Hand. Gerade weil Die verkaufte Braut eine gar nicht so „komische“ Oper, im Grunde sogar eine „bitterböse“ Oper ist, ist es nicht einfach, den richtigen Tonfall zwischen Tragödie und Klamotte zu treffen. Und daran scheitern die Regisseure Martin Kukučka und Lukâš Trpišovský ebenso wie ihr Bühnenbildner Martin Chocholoušek auf ganzer Linie. In den allgemeinen Jubel des Premierenpublikums schleichen sich für das szenische Team kräftige Buh-Rufe ein.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Von den psychologischen Feinheiten, die Smetanas fein komponierte Musik pointiert zum Ausdruck bringt, findet sich in der szenischen Umsetzung nichts wieder. Verständlich, dass man böhmischer Folklore aus dem Weg gehen will. Dabei schüttet man das Kind jedoch mit dem Bade aus, wenn man die Szenerie in eine an grauer Tristesse kaum zu überbietende, ungemütliche Turnhalle verlagert, wie sie nach Ansicht der Regisseure in ihrer tschechischen Heimat als Mehrzweckhalle oft und gern genutzt wird. Was freilich nichts über die Bühnentauglichkeit und Werkdienlichkeit der scheußlichen Kulisse aussagt. Eine Hässlichkeit, die Simona Rybáková mit ihren ebenso tristen Büroanzügen und den plakativ aufgedonnerten Damenkostümen noch untermauert.

Da sich das Liebespaar gegen eine Übermacht von feindlich bis gleichgültig gesinnten Figuren wehren muss, ist eine scharfe Profilierung jeder Person und eine entsprechend sinnvolle Führung des Chores unabdingbar. Diese Feinarbeit bleibt jedoch aus. Die Regisseure arrangieren die Figuren zu mehr oder meist weniger sinnvollen Standbildern, animieren sie zu clownesk verrenkten Bewegungsattacken oder frieren die Aktivität völlig ein. Der Chor darf ab und zu zackig über die Bühne marschieren und fleißig grimassieren. Auf die Musik und vor allem die feinen Zwischentöne wird nicht gehört. Das Ergebnis ist ein mit Klamauk durchsetztes Trauerspiel von der traurigsten Gestalt, wobei ausgerechnet die Auftritte der Zirkusleute an öder Langeweile kaum zu übertreffen sind. Da rettet eine stattliche Giraffen-Skulptur und ein, warum auch immer, bühnengroßes Seitpferd auch nichts mehr.
Die Profile des Heiratsvermittlers Kezal und des Dorftrottels Wenzel bewegen sich in gewohnten Bahnen. Hans wird sehr distanziert gezeichnet. Durchaus sinnvoll, lässt er seine Marie doch lange im Ungewissen zappeln und mit ihren Gefühlen allein, spielt er nicht weniger unsympathisch als der Rest der Gesellschaft. Wenn von einem Lichtblick der Inszenierung gesprochen werden kann, dann durch die sehr menschliche Darstellung der Marie. Offenbar die einzige Figur, die die Regisseure wirklich interessiert.
Ein Pluspunkt der Aufführung ist der musikalischen Leitung von Tomaš Netopil zu verdanken, der den richtigen Tonfall für die spezifisch böhmisch schillernde Musik trifft. Dazu schlägt er bisweilen Tempi an, die das Orchester an seine Grenzen und den Chor, der ungewohnt viele Unsicherheiten hören lässt, wiederholt in Bedrängnis bringt. Gesanglich wird Mittelmaß kaum überschritten. Jessica Muirheads Sopran gefällt durch das rollentypische Timbre ihrer Stimme, doch fehlt es ihren Höhen an müheloser Leichtigkeit. Wie unvorteilhaft sich die deutsch gesungene Fassung auswirkt, muss Richard Samek in der Rolle des Hans ausbaden, der sich als Tscheche mit der ungelenken Übersetzung herumplagen muss und sich in keinem Takt richtig freisingen kann. Hässliche Vokalverfärbungen bleiben da nicht aus.
Tijl Faveyts verkörpert einen ungewöhnlich schlanken Kezal, der sich immer wieder auf den nicht vorhandenen Bauch schlagen muss, bewältigt die Rolle stimmlich gut, auch wenn es seiner helltimbrierten Stimme an Bassschwärze fehlt. Christina Clark singt eine agile Esmeralda, und auf gleichem Niveau gestaltet Dmitry Ivanchey den Wenzel. Der Rest des Ensembles bewegt sich im Mittelfeld.
Ein insgesamt unbefriedigender Auftakt der Essener Saison, was das Premierenpublikum nicht davon abhält, überschwänglich zu applaudieren. Leider auch während der Vorstellung an den falschen Stellen. Einige Buhs muss das szenische Team dann doch einstecken.
Pedro Obiera