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So griechisch wie möglich

ÖDIPUS VOR DER STADT
(Sophokles)

Besuch am
16. Juni 2017
(Premiere)

 

Schau­spiel Frankfurt

Die letzte Premiere der ganz wesentlich durch die Regie­ar­beiten Michael Thalheimers geprägten Intendanz von Oliver Reese findet unter freiem Himmel statt. Zwar ist die Produktion als erstes der bedeu­tenden Antiken­pro­jekte am Frank­furter Schau­spiel bereits zu Reeses Einstand im Jahr 2009 heraus­ge­kommen, nun unter freien Himmel verlegt , wird dennoch eine regel­rechte Premiere daraus. Die Bühne ist auf der einstigen Weseler Werft am Mainufer aufge­schlagen. Schräg hinter der Zuschau­er­tribüne befindet sich die Europäische Zentralbank, davor in einiger Entfernung, aber noch eindrucksvoll genug ragen die Bürotürme der Frank­furter Innenstadt.

Ödipus vor der Stadt ist der im konkreten Fall griffigere Titel für den allbe­kannten König Ödipus in der Übertragung des sprach­mäch­tigen Archäo­logen Ernst Buschor, der ein rheto­risch kraft­volles, aber niemals aufge­setztes Idiom pflegte.

POINTS OF HONOR

Schau­spiel     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Thebens oder besser Frank­furts Bürger­schaft ist von der Pest befallen. Angesichts der Hochfinanz im Rücken und vor Augen der Zuschauer kann kein Zweifel sein, worin die besteht. Jenseits aller tiefen­psy­cho­lo­gi­schen Speku­la­tionen wird der Kern des Stückes endlich einmal wieder enthüllt. Sophokles greift den Mythos nicht um irgend­welcher indivi­du­al­psy­cho­lo­gi­scher Befind­lich­keiten willen auf. Seelchen können ihm gestohlen bleiben. Die Polis ist in Gefahr. Ödipus, der Sphinx­be­zwinger und deshalb vom Volk erwählte König, sucht das Unheil auf neue Weise abzuwehren. Da die Verbin­dungen zu Sühne­opfer und Gottes­dienst gekappt sind, soll rechts­förmig ein Schul­diger ausge­macht werden. Ödipus reißt das Verfahren an sich. Sein Anspruch auf gerichts­ver­wertbare Wahrheiten wächst ins Monströse. Der unerbitt­liche Inqui­sitor bringt sich selbst zu Fall. Thalheimer trägt keine Scheu vor der Monumen­ta­lität solcher Figuren. Er unter­nimmt nicht den geringsten Versuch, den theba­ni­schen König der Alltäg­lichkeit und dem mensch­lichen Durch­schnitt anzunähern. Noch in seiner immensen Verstri­ckung bleibt Ödipus groß. Glaubhaft wird die Aufgip­felung allein, wenn Heroik und Pathos nicht hohl, sondern substan­ziell sind. Bei Thalheimer sind sie es. Die Aktion ist sparsam, meist harren die Figuren auf dem einmal einge­nom­menen Fleck. Desto eindring­licher, wenn Thebens König sich von unerträg­licher Pein gemartert stoßartig aufbäumt. Gänzlich verloren in sich zusammen sinkt. Der Titel­figur massives Schmerz­ge­brüll hallt weithin über den Main und durch die Häuser­zeilen. Nichts Humoreskes haftet dem an, aber Scherz­bolde von außerhalb des Publi­kums­ge­vierts geben ein viehi­sches Echo auf das tiefmensch­liche Leid. Süffisant lachend stimmen einige Zuschauer ein. Dreist paart sich die Verrohung draußen mit der zynischen Abgebrühtheit im Inneren.

Olaf Altmann baut das Proskenion des griechi­schen Theaters aus natur­far­benen Holzplatten. Für die Bühnenwand selbst sorgen die realen Bürotürme der Hochfinanz. Mit fortschrei­tender Dämmerung bedienen sie – nun illumi­niert – hemmungslos sämtliche mit der Banken­me­tropole verbun­denen Klischees. Als Ersatz für die Türen in der Bühnenwand dient ein rückwär­tiger Treppen­abgang. Da im Stück kein deus ex machina vorkommt, bleibt der histo­rische Hafenkran direkt seitlich hinter dem Proskenion ungenutzt. Die griechische Bühne verfügte ja über ähnliche Vorrich­tungen für die Erscheinung der Gottheit. Der Raum zwischen Zuschau­er­tribüne und Rampe, also was im griechi­schen Theater die Orchestra wäre, bleibt unbespielt.  Der Chor ist an den Seiten des Proskenions aufgestellt.

Foto © Birgit Hupfeld

Die Kostüme von Katrin Lea Tag mischen Gegenwart mit vager, doch unferner Vergan­genheit. In Iokastes Abendrobe klingt Griechi­sches an.  Oft tragen die Figuren Masken aus mit Gesichtern bemalten Papier­tüten. Ödipus gar schleppt sich auf dem Kothurn zur Bühnenmitte.

Dem von Marcus Crome einstu­dierten Chor fehlt das präzise Unisono, Eindring­lichkeit ohnehin. Die Intonation lässt an eine nicht sonderlich laufende Probe denken.

Marc Oliver Schulze in der Titel­rolle setzt Maßstäbe. Jene verhäng­nis­volle Koalition von Affekten und Vernunft sowie deren Entzweiung nehmen bei Schulze dekla­ma­to­risch und gestisch durch­rhyth­mi­sierte Gestalt an. Constanze Beckers Iokaste schwingt sich über weite Strecken zur ebenbür­tigen Partnerin auf. Manche ihrer Verse hören sich wie neu an, wenige befremdlich konven­tionell. Isaak Dentler gibt Kreon redlich um Schonung des Schwagers bemühte Loyalität mit auf den Weg. Dentler agiert zurück­haltend, offenbart aber in jedem Augen­blick, dass Kreons Gutwil­ligkeit aus innerer Stärke wächst. Jegliche Autorität lässt Michael Benthin als Teiresias vermissen. Nicht dringt macht­volle Gegenrede auf Ödipus ein, sondern bloße Stimme und Lungen mühsam abgezwungene Lautstärke. Oliver Kraushaar in der Boten­rolle und Wolfgang Michaels Hirt sprechen ihre Rollen klangvoll und nachdrücklich. Alexandra Finder ist eine Dienerin der Iokaste, die unbeteiligt das grauen­hafte Geschehen im Palas­tin­neren referiert.

Bravi für Marc Oliver Schulze. Der sonstige Applaus ist kräftig und kurz.

Reese übernimmt das Berliner Ensemble am Schiff­bau­erdamm. Zu hoffen ist, dass es ihm dort gelingen wird, für die Haupt­stadt ähnlich unver­wech­selbar starke Zeichen zu setzen wie in der Mainmetropole.

Michael Kaminski

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