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Mann der Schmerzen

PETER GRIMES
(Benjamin Britten)

Besuch am
8. Oktober 2017
(Premiere)

 

Oper Frankfurt

Das britische Kunst­schaffen folgt Tendenzen, die sich von den konti­nen­tal­eu­ro­päi­schen oft grund­legend unter­scheiden. So behalten die Bildenden Künste immer ein gegen­ständ­liches Moment bei. Die Dramatik baut auch weiterhin auf das  well-made play. Regis­seure erzählen Geschichten. Nicht anders Keith Warner.

Beklemmend, wie unerbittlich Warner für die Fischer an der engli­schen Ostküste die heimat­liche Klein­stadt Welt sein lässt. In keinem Bewohner dieses geschlos­senen Kosmos‘ keimt der ernst­liche Wunsch auf, die engen Schranken zu durch­brechen. Selbst für den Außen­seiter Peter Grimes soll sich die Sehnsucht nach Schutz und Gebor­genheit in gewohnter Umgebung erfüllen. Schreckt daher Ellen Orford, auf die sich der Heirats­wunsch des schroffen Sonder­lings richtet, vor der Bindung an Grimes zurück, weil sie den rohen Umgang des  Fischers mit seinen Lehrjungen nicht erträgt, dann schaudert ihr vor einer Bruta­lität, die nur die Kehrseite der latenten, immerfort nach Gelegenheit zum Ausbruch suchenden Gewalt­be­reit­schaft im Kaff ist. Denn das die Gemein­schaft seiner Bewohner konsti­tu­ie­rende Element ist die Überzeugung von der Notwen­digkeit eines Sünden­bocks, der zur Strecke gebracht werden muss.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Milieu und Figuren zeichnet Warner stili­siert, durch beinahe choreo­gra­fisch abgezir­kelte Bewegungs­muster im Verein mit packender emotio­naler Verdichtung,  die gleicher­maßen tief anrüh­rende Innigkeit und die große Geste riskiert. So gewinnt die Zurichtung der Ware für den Verkauf auf dem Fisch­markt Vorzei­ge­cha­rakter, worin sich die klein­städ­tische Welt selbst darzu­stellen und zu beglau­bigen trachtet. Spannt Warner zwischen Grimes und der Frau, die er als seine Braut heimführen möchte, ein Fischernetz auf, so stehen die zwei einander gegenüber wie auf den beiden Seiten eines Zauns, der benach­barte Gefan­ge­nen­lager trennt.  Auf hoher See breitet Grimes in seinem Kahn die Arme aus wie der Gekreu­zigte. Sein Boot wird zum Sarg.

Foto © Monika Rittershaus

Stili­sierung und konkretes Milieu verknüpft auch das Bühnenbild von Ashley Martin-Davis. Fahlheit liegt über der Szene. Die steil abgeschrägte Oberkante einer Wand so tief wie die Haupt­bühne dient zugleich als Kaimauer und klein­städ­tische Häuser­zeile, in die sich Auntie‘s Spelunke nahtlos einfügt. Während des Fisch­marktes hängt über den Ständen ein riesiges, mit einem kapitalen Fang gefülltes Schleppnetz, aus dem die Männer Fische schaufeln. Auf den Hinter­grund­pro­spekten drohen in düsteren Farben abstra­hierend expres­sio­nis­tisch Sturm und Wogen­schlag. Zwar werden die Fischer­boote sichtbar auf Rollen manövriert, zu Seiten der verschieb­baren Riesenwand und vor den dräuenden Meeres­an­sichten formieren sie sich dennoch zu emotional aufge­la­denen Bildern.

Realis­tisch, zugleich gespens­terhaft stiften die von Jon Morrell einge­klei­deten bigotten und menschen­hat­zei­f­rigen Klein­städter Unheil in hochge­schlos­sener dunkler Kleidung des 19. Jahrhun­derts. Wer – wie der Apotheker – die örtlichen Honora­tioren mit Drogen beliefert oder allerlei zweifel­hafte Dienste offeriert, so der Fuhrmann, darf sich gewisse Locker­heiten erlauben. Ellen Orfords heller Rock und weiße Bluse tendieren zur Reformmode an der Wende zum 20. Jahrhundert. Grimes steckt im zeitlosen Fischeroverall.

Chor und Extrachor der Oper Frankfurt  sind – einstu­diert von Tilman Michael – noch im Fortissimo vollkommen durch­hörbar. Weil die Regie an jedem Mitglied Beson­der­heiten heraus­ar­beitet, ist die Spiel­freude groß.

Das Frank­furter Opern- und Museums­or­chester unter Sebastian Weigle besticht durch rhyth­mische Verve, feinste dynamische Valeurs und eine atembe­rau­bende Piano­kultur. Die hohen Streicher schweben in gefähr­liche Sphären. Die Blech­bläser schneiden in die Vorgänge auf der Bühne wie ein Tranchier­messer.  Die Sea Inter­ludes unter­brechen die Handlung nicht, sondern führen sie orchestral fort. Der Orches­ter­klang taucht die Szene in magischen Realismus.

Vincent Wolfsteiner verkörpert die Titel­figur unter schau­spie­le­ri­schem und stimm­lichem Total­einsatz.  Die intensive Ausein­an­der­setzung mit Peter Pears und Jon Vickers, diesen  unerreichten Rollen­ver­tretern, ist ihm anzuhören. Doch findet Wolfsteiner seinen eigenen Weg, die Partie anzugehen, indem er sie helden­te­noral fundiert, um in exaltierten Situa­tionen Kopfstimme und Brust­re­gister zu mischen. Wer wird ihm verübeln, dass Letzteres in der Premiere noch nicht in jeder Phrase restlos überzeugend gelingt? Im Verlauf der Auffüh­rungs­serie wird Wolfsteiner seine Technik perfek­tio­nieren.  Die Zeichen, um sich zu einem führenden Vertreter der Partie empor zu arbeiten, stehen günstig. Sara Jakubiak verleiht Ellen Orford inwen­diges Leuchten und warm dahin­strö­mende, mensch­liche Teilnahme. Der Captain Balstrode von James Rutherford lässt durch seine balsa­mi­schen Reden hindurch jene Bruta­lität merken, die Grimes zur Selbst­tötung rät. Die unver­wüst­liche Jane Henschel gibt endlich ihr Debüt an der Frank­furter Oper. Henschels  Auntie bewährt Bühnen- und vokale Präsenz. Peter Marsh, der die Titel­partie in Dortmund erfolg­reich gesungen hat, stattet den religiösen Eiferer Horace Adams mit enormer Durch­schlags­kraft aus. Auch alle weiteren Partien sind ausge­zeichnet besetzt.

Das Publikum empfindet sich ans Herz und in die Seele gefasst. Die Pause durch­ziehen ganz erstaun­liche Worte von Liebe, Nachsicht und Umarmen, durch die Grimes aufzu­helfen sei. Zahlreiche Theater­be­sucher fühlen echtes Mitleid für den gequälten Fischer.

Solisten, Leitungsteam und Kollektive werden gefeiert. Jubel für Vincent Wolfsteiner.

Michael Kaminski

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