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Foto © Arno Declair

Auf konzeptioneller Schwundstufe

WOYZECK
(Georg Büchner)

Besuch am
30. September 2017
(Premiere)

 

Schau­spiel Frankfurt

Mit Anselm Weber hat ein ausge­sprochen musik­thea­ter­af­finer Intendant die Leitung des Frank­furter Schau­spiels angetreten. Seit einiger Zeit teilt auch Regisseur Roger Vontobel die Neigung zur Oper.  Entspre­chend musik­lastig setzt er das berühm­teste Fragment der Theater­ge­schichte für die Mainme­tropole in Szene.

So, wie der konzep­tio­nelle Ansatz im Programmheft erläutert wird, trifft Vontobel das Zentrum des Stücks. Demnach begegnet uns in der Titel­figur ein reprä­sen­ta­tiver Vertreter des Preka­riats, der neben seinem Solda­ten­beruf gezwungen ist, als Barbier und Proband Zweit- und Drittjobs anzunehmen, ohne durch seine Schuf­terei die Klein­fa­milie mit Frau und Kind ernähren zu können. Am Ende perma­nenter Überfor­derung begreift Woyzeck die Unein­lös­barkeit selbst beschei­denster Lebens­wünsche. Um seiner Erkenntnis das Siegel aufzu­drücken, tötet er Marie. Die Insze­nierung selbst kann diese Sicht­weise nicht beglau­bigen.  Ob Vontobel die Figuren bieder konven­tionell oder als bloße Karikatur zeichnet, nie spricht ein Hauch von Gegenwart aus ihnen.  Der Hauptmann etwa mag auf seinem Frisier­stuhl thronen und zucken, wie er will, je heftiger er und das übrige Personal des Stücks outrieren, desto eher altern und verblassen sie. Der Doktor verkommt auf diese Weise zur reinen Knall­charge. Die Blech­eimer für die Urinproben seines Versuchs­ka­nin­chens muten an wie aus dem Fundus gekramte Einar-Schleef- Reliquien des legen­dären Frank­furter Faust, in die sich einst das multiple Gretchen entleerte. Der Tambour­major ist ein belfernder Muskel­zell­haufen. Marie ein senti­mental-selbst­ver­liebtes Huhn. Woyzeck? Der perma­nente Stress, unter dem er steht, nimmt sich über weite Strecken trotz manie­riert zur Schau gestellter Verletz­lichkeit angenehm tempe­riert und wohlre­flek­tiert aus. Vontobel zeichnet im Gegensatz zu seinen Verlaut­ba­rungen im Programmheft weniger den Gehetzten als einen Fatalisten im Weltge­triebe. Beinahe unaus­ge­setzt rotiert Woyzeck im Leerlauf. Vernied­li­chung macht sich breit. Statt Stecken, mit denen der Hauptmann sein Züchti­gungs­recht auf dem Rücken der Unter­ge­benen ausübt, schnitzt Woyzeck ebenso zwanghaft wie harmlos Hölzchen. Final legt ihm der Spiel­leiter das sonst von der Großmutter erzählte Märchen in den Mund. Als Schau­spie­lerarie, die – wie um ein Da capo heischend – für den gefüh­ligen Ausklang des Abends sorgt.

POINTS OF HONOR

Musik
Schau­spiel
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Viel Musik wird geboten. Die meiste ist überflüssig. Orm Finnendahl hat sie kompo­niert. Da werden auf dem Flügel Akkorde lautstark, aber brav schul­mäßig dekon­struiert.  Nicht minder unver­schont bleibt das Schlagzeug. Ein junges Ensem­ble­mit­glied versucht sich an einem englisch­spra­chigen Song. Maries Kind trägt mit Knaben­sopran Schumanns Mondnacht als Abgesang auf die Romantik vor, ohne dass aus diesem bildungs­bür­ger­lichen Rest im prekären Haushalt irgendeine Konse­quenz gezogen würde.

Die Haupt­bühne wird von Claudia Rohner in voller Breite geöffnet, in der Tiefe durch einen Vorhang aus LED-Ketten halbiert. Der Vorhang dient auch als Projek­ti­ons­fläche für Live-Videos von Clemens Walter, in denen das Ensemble – mitunter farblich grell verfremdet – in Nahauf­nahmen grimas­siert. Einen substan­zi­ellen Beitrag zum Stück leisten die Videos nicht. Was Walter bietet, mutet inzwi­schen reichlich abgegriffen an.

Foto © Arno Declair

Ellen Hofmann steckt Woyzeck in eine Uniform­jacke der Entste­hungszeit und heutige kurze Hosen. Marie versucht, sich mit Fundstücken aus der Altklei­der­sammlung eine gewisse Attrak­ti­vität zu bewahren. Der Tambour­major hat ein Fell überge­worfen und spaziert offenbar geradewegs aus den finsteren Urwäldern des alten Germa­niens ins Stück hinein.

Einem Offen­ba­rungseid gleichen die durch Mikro­ports verstärkten Stimmen. Zugegeben sind die Bühnenmaße des Frank­furter Schau­spiels die weitläu­figsten aller deutschen Sprech­theater. Doch ist die Akustik so beschaffen, dass sich auch die letzte Reihe erreichen lässt. Derart aus der dritten Dimension heraus präpa­riert, verflachen die Stimmen.  Sie hören auf, mit dem Umgebungsraum zu interagieren.

Die für souve­ränes Changieren zwischen den Geschlechtern vielfach gewür­digte Jana Schulz führt in ihren besten Momenten vor, wie sie in die Sprache der Titel­figur hinein­kriecht. Später sagt Schulz strecken­weise Woyzeck lediglich auf. Final münzt sie das annek­tierte Märchen in ein allzu kalku­liertes Virtuo­sen­stück um. Friederike Ott als Marie findet zu ihrer Rolle kein Verhältnis. Wolfgang Pregler holt aus der Figur des Haupt­manns heraus, was einer Karikatur eben abzupressen ist. Matthias Redlhammer als Doktor unter­bietet es. André Meyer brüllt den Tambour­major unfokus­siert, dafür dezibel­stark ins Auditorium.

Viel Beifall auf deutlich lokali­sier­baren Inseln der Begeis­terung. Jana Schulz erhält Ovationen.

Michael Kaminski

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