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Mit Anselm Weber hat ein ausgesprochen musiktheateraffiner Intendant die Leitung des Frankfurter Schauspiels angetreten. Seit einiger Zeit teilt auch Regisseur Roger Vontobel die Neigung zur Oper. Entsprechend musiklastig setzt er das berühmteste Fragment der Theatergeschichte für die Mainmetropole in Szene.
So, wie der konzeptionelle Ansatz im Programmheft erläutert wird, trifft Vontobel das Zentrum des Stücks. Demnach begegnet uns in der Titelfigur ein repräsentativer Vertreter des Prekariats, der neben seinem Soldatenberuf gezwungen ist, als Barbier und Proband Zweit- und Drittjobs anzunehmen, ohne durch seine Schufterei die Kleinfamilie mit Frau und Kind ernähren zu können. Am Ende permanenter Überforderung begreift Woyzeck die Uneinlösbarkeit selbst bescheidenster Lebenswünsche. Um seiner Erkenntnis das Siegel aufzudrücken, tötet er Marie. Die Inszenierung selbst kann diese Sichtweise nicht beglaubigen. Ob Vontobel die Figuren bieder konventionell oder als bloße Karikatur zeichnet, nie spricht ein Hauch von Gegenwart aus ihnen. Der Hauptmann etwa mag auf seinem Frisierstuhl thronen und zucken, wie er will, je heftiger er und das übrige Personal des Stücks outrieren, desto eher altern und verblassen sie. Der Doktor verkommt auf diese Weise zur reinen Knallcharge. Die Blecheimer für die Urinproben seines Versuchskaninchens muten an wie aus dem Fundus gekramte Einar-Schleef- Reliquien des legendären Frankfurter Faust, in die sich einst das multiple Gretchen entleerte. Der Tambourmajor ist ein belfernder Muskelzellhaufen. Marie ein sentimental-selbstverliebtes Huhn. Woyzeck? Der permanente Stress, unter dem er steht, nimmt sich über weite Strecken trotz manieriert zur Schau gestellter Verletzlichkeit angenehm temperiert und wohlreflektiert aus. Vontobel zeichnet im Gegensatz zu seinen Verlautbarungen im Programmheft weniger den Gehetzten als einen Fatalisten im Weltgetriebe. Beinahe unausgesetzt rotiert Woyzeck im Leerlauf. Verniedlichung macht sich breit. Statt Stecken, mit denen der Hauptmann sein Züchtigungsrecht auf dem Rücken der Untergebenen ausübt, schnitzt Woyzeck ebenso zwanghaft wie harmlos Hölzchen. Final legt ihm der Spielleiter das sonst von der Großmutter erzählte Märchen in den Mund. Als Schauspielerarie, die – wie um ein Da capo heischend – für den gefühligen Ausklang des Abends sorgt.
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Viel Musik wird geboten. Die meiste ist überflüssig. Orm Finnendahl hat sie komponiert. Da werden auf dem Flügel Akkorde lautstark, aber brav schulmäßig dekonstruiert. Nicht minder unverschont bleibt das Schlagzeug. Ein junges Ensemblemitglied versucht sich an einem englischsprachigen Song. Maries Kind trägt mit Knabensopran Schumanns Mondnacht als Abgesang auf die Romantik vor, ohne dass aus diesem bildungsbürgerlichen Rest im prekären Haushalt irgendeine Konsequenz gezogen würde.
Die Hauptbühne wird von Claudia Rohner in voller Breite geöffnet, in der Tiefe durch einen Vorhang aus LED-Ketten halbiert. Der Vorhang dient auch als Projektionsfläche für Live-Videos von Clemens Walter, in denen das Ensemble – mitunter farblich grell verfremdet – in Nahaufnahmen grimassiert. Einen substanziellen Beitrag zum Stück leisten die Videos nicht. Was Walter bietet, mutet inzwischen reichlich abgegriffen an.

Ellen Hofmann steckt Woyzeck in eine Uniformjacke der Entstehungszeit und heutige kurze Hosen. Marie versucht, sich mit Fundstücken aus der Altkleidersammlung eine gewisse Attraktivität zu bewahren. Der Tambourmajor hat ein Fell übergeworfen und spaziert offenbar geradewegs aus den finsteren Urwäldern des alten Germaniens ins Stück hinein.
Einem Offenbarungseid gleichen die durch Mikroports verstärkten Stimmen. Zugegeben sind die Bühnenmaße des Frankfurter Schauspiels die weitläufigsten aller deutschen Sprechtheater. Doch ist die Akustik so beschaffen, dass sich auch die letzte Reihe erreichen lässt. Derart aus der dritten Dimension heraus präpariert, verflachen die Stimmen. Sie hören auf, mit dem Umgebungsraum zu interagieren.
Die für souveränes Changieren zwischen den Geschlechtern vielfach gewürdigte Jana Schulz führt in ihren besten Momenten vor, wie sie in die Sprache der Titelfigur hineinkriecht. Später sagt Schulz streckenweise Woyzeck lediglich auf. Final münzt sie das annektierte Märchen in ein allzu kalkuliertes Virtuosenstück um. Friederike Ott als Marie findet zu ihrer Rolle kein Verhältnis. Wolfgang Pregler holt aus der Figur des Hauptmanns heraus, was einer Karikatur eben abzupressen ist. Matthias Redlhammer als Doktor unterbietet es. André Meyer brüllt den Tambourmajor unfokussiert, dafür dezibelstark ins Auditorium.
Viel Beifall auf deutlich lokalisierbaren Inseln der Begeisterung. Jana Schulz erhält Ovationen.
Michael Kaminski