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Klanggewaltig im buffonesken Alptraum

XERXES
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
8. Januar 2017
(Premiere)

 

Oper Frankfurt

Xerxes eignet sich nicht zur Verherr­li­chung. Seine verlorene Schlacht von Salamis und die von ihm angeordnete Zerstörung von Babylon wiegen schwerer als seine anfäng­lichen Erfolge als persi­scher Großkönig und ägypti­scher Pharao. Was überlebte, ist das Bild eines unsteten und intole­ranten Menschen, der seine Macht gebrauchte, um andere zu beherrschen.

Georg Friedrich Händel zollte in seiner Oper Xerxes mit dem histo­ri­schen Bezug nur dem Typus der Barockoper seinen Tribut. Anstelle eines drama­tur­gisch klar struk­tu­rierten Handlungs­fadens reihte er kurze Szenen anein­ander, strich die Da-capo-Arie, erzielte mit Accom­pa­gnato-Rezita­tiven und knappen Ariosi kurzweilige, witzige wie groteske Einwürfe und gestattete sich viel Raum für ein scharf kontu­riertes Psycho­gramm der Titel­figur und jener, die von ihm abhängen. So entstand eine Tragi­ko­mödie, die das Londoner Publikum überforderte.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Erst 1924 gruben die Göttinger Händel-Bewahrer die Oper wieder aus. Heute zählt Xerxes zu den meist­ge­spielten Händel­opern. Denn sie bietet viel Potenzial für affek­tiertes schrill-schräges Comedy-Theater auf der Opernbühne.

Dirigent Constan­tinos Carydis und Regisseur Tilmann Köhler setzen sich mit ihrer jüngsten Produktion an der Oper Frankfurt davon ganz klar ab. Ihnen geht es um die Gefühls­welten, die die Protago­nisten in der Geschlos­senheit ihrer Gesell­schaft durch­schreiten und sie in den buffo­nesken Albtraum stürzen. Das zeigen Carydis und Köhler mit ausnahmslos fantas­ti­schen Sänger-Schau­spielern bild- und klang­ge­waltig in ungeschminkter Direktheit, mit brillanter Schärfe und dennoch dezent. Damit erzielen sie das eigentlich Bemer­kens­werte dieser Produktion: Inten­sität in jedem Moment.

Foto © Barbara Aumüller

Spielorte bilden der Bühnenraum vor und hinter dem Vorhang und ein großer Außenring um den Orches­ter­graben. Zu den Eingangs­klängen des im Stehen sich leicht tänzelnd wiegenden Orchesters wird dem Zuschauer in einer großen Bildpro­jektion gezeigt, was sich im bläulich einge­färbten Halbrund hinter dem Vorhang bereits abspielt. Noch ohne Kenntnis darüber, wer nun wen darstellt, studiert der kamera­ge­steuerte Zuschau­er­blick Vorder­grün­diges im Charakter und Wesen derer, die an einer festlich gedeckten und üppig mit allerlei Köstlich­keiten beladenen Tafel sitzen anhand ihrer Kleidung, ihrer Sitzhaltung, ihrer Art zu essen, ihrer Vorlieben für Völlerei oder Verzicht, ihrer Lange­weile und ihrer Übersattheit. Karoly Risz und Susanne Uhl, verant­wortlich für Bühne und Kostüme, zeigen die Gesell­schaft im Jetzt und Heute, nur gezielt sparsam und grell zugleich, was sich ideal in das Gesamt­konzept fügt.

Dann tritt Xerxes vor den Vorhang und mit ihm verwandelt sich das Bild. Eine übergroße Platane in sattem Grün auf den Vorhang proji­ziert kündigt eindeutig an, was kommt. Ombra mai fu, so bekannt wie missver­standen, an dieser Stelle für manchen Zuhörer ungewohnt zart, inniglich, inwendig. Während Xerxes singt, wickelt er sich immer mehr in den Vorhang, bis er völlig verschwindet, als wolle er nur eins werden mit der Natur, dem Ideal­zu­stand eines glück­lichen Lebens, das er an diesem Abend in keinem Moment mehr empfinden wird.

Statt­dessen entzündet sich an der Festtafel ein wahres Seelen­drama. Xerxes verliebt sich in Romilda, die Braut seines Bruders Arsamene. Atlanta, die Schwester Romildas, will jedoch Arsamene heiraten. Romilda liefert sich mit Atlanta einen wahren Zicken­krieg, um ihren Arsamene nicht zu verlieren, obgleich sie sich gegenüber den Anwer­bungen Xerxes nicht eindeutig zeigt. Arsamene steht machtlos im Schatten seines Bruders Xerxes. Ariodate, der Vater von Romilda und Atalanta, ist Feldherr im Dienste Xerxes und damit von ihm abhängig. Das gilt auch für Elviro, dem Diener Arsamenes. Nur Amastre, die von Xerxes verlassene Braut, die sich in Verkleidung unter die Gesell­schaft mischt, um ihr persön­liches Liebes­drama zu beklagen, bringt am Ende den Mut auf, Xerxes scheinbar wieder auf den richtigen Liebeskurs zu bringen. Die Platane, die durch das Fenster im mittleren oberen Bühnenrand stets sichtbar bleibt, trägt nun keine Blätter mehr. Xerxes steht alleine auf der Bühne, die Pistole in der Hand und während der Vorhang fällt, warten alle auf den Schuss.

Gaëlle Arquez verkörpert einen zierlichen Xerxes, der sich gerne drauf­gän­ge­risch-jovial gibt, gegenüber dem Zuschau­ervolk ein Enter­tainer, im Privaten schutzlos und verletzlich. Entspre­chend weich und satt in der Tiefe, gefühlvoll nach innen gekehrt, leicht, elegant wie mühelos in der Höhe und im Ausdruck nuancen­reich ausdif­fe­ren­ziert gestaltet die Mezzo­so­pra­nistin die ursprünglich für einen Kastra­ten­sopran kompo­nierte Titel­partie. Einziger Counter an diesem Abend ist Lawrence Zazzo. Mit frappie­rendem Glanz und Helligkeit in der Stimme verleiht er dem Bild eines tapsig-treuen Arsamene Profil. Elizabeth Sutphen überzeugt durch Kolora­tur­si­cherheit mit feinem, lyrischem Potenzial als Romilda. Louise Alder begeistert durch ihren Spielwitz und mit heller Stimm­kraft selbst in den Spitzen­tönen. Solidität zeichnet Brandon Cedels Auftritt als Ariodate aus. Thomas Faulkner beweist komödi­an­ti­sches Talent und faszi­niert durch mühelose Leich­tigkeit seines klang­schönen Basses.

Mit gesten­reicher Präzision lenkt Constan­tinos Carydis die Sänger und die Orches­ter­mu­siker. Zum Teil wird auf histo­ri­schen Instru­menten musiziert. Das schafft eigene Klang­welten. Carydis entlockt den Mitgliedern des Frank­furter Opernhaus- und Museums­or­chesters eine herrlich beschwin­gende Leich­tigkeit in einem auf absolute Akkura­tesse angelegten Spiel und gestattet sich manchen klang­lichen Zusatz, um die Empfindung im Augen­blick noch einen Grad drama­ti­scher auszu­drücken. Unauf­geregt, doch stimmlich wohltuend gradlinig, harmo­nisch klar und präzise agiert auch das kleine Vokal­ensemble. So entsteht schönste Musik in allen Facetten mensch­lichen Leidens zu einem komisch-absurd-drama­ti­schen Spiel. Ein Erlebnis.

Chris­tiane Franke

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