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Xerxes eignet sich nicht zur Verherrlichung. Seine verlorene Schlacht von Salamis und die von ihm angeordnete Zerstörung von Babylon wiegen schwerer als seine anfänglichen Erfolge als persischer Großkönig und ägyptischer Pharao. Was überlebte, ist das Bild eines unsteten und intoleranten Menschen, der seine Macht gebrauchte, um andere zu beherrschen.
Georg Friedrich Händel zollte in seiner Oper Xerxes mit dem historischen Bezug nur dem Typus der Barockoper seinen Tribut. Anstelle eines dramaturgisch klar strukturierten Handlungsfadens reihte er kurze Szenen aneinander, strich die Da-capo-Arie, erzielte mit Accompagnato-Rezitativen und knappen Ariosi kurzweilige, witzige wie groteske Einwürfe und gestattete sich viel Raum für ein scharf konturiertes Psychogramm der Titelfigur und jener, die von ihm abhängen. So entstand eine Tragikomödie, die das Londoner Publikum überforderte.
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Erst 1924 gruben die Göttinger Händel-Bewahrer die Oper wieder aus. Heute zählt Xerxes zu den meistgespielten Händelopern. Denn sie bietet viel Potenzial für affektiertes schrill-schräges Comedy-Theater auf der Opernbühne.
Dirigent Constantinos Carydis und Regisseur Tilmann Köhler setzen sich mit ihrer jüngsten Produktion an der Oper Frankfurt davon ganz klar ab. Ihnen geht es um die Gefühlswelten, die die Protagonisten in der Geschlossenheit ihrer Gesellschaft durchschreiten und sie in den buffonesken Albtraum stürzen. Das zeigen Carydis und Köhler mit ausnahmslos fantastischen Sänger-Schauspielern bild- und klanggewaltig in ungeschminkter Direktheit, mit brillanter Schärfe und dennoch dezent. Damit erzielen sie das eigentlich Bemerkenswerte dieser Produktion: Intensität in jedem Moment.

Spielorte bilden der Bühnenraum vor und hinter dem Vorhang und ein großer Außenring um den Orchestergraben. Zu den Eingangsklängen des im Stehen sich leicht tänzelnd wiegenden Orchesters wird dem Zuschauer in einer großen Bildprojektion gezeigt, was sich im bläulich eingefärbten Halbrund hinter dem Vorhang bereits abspielt. Noch ohne Kenntnis darüber, wer nun wen darstellt, studiert der kameragesteuerte Zuschauerblick Vordergründiges im Charakter und Wesen derer, die an einer festlich gedeckten und üppig mit allerlei Köstlichkeiten beladenen Tafel sitzen anhand ihrer Kleidung, ihrer Sitzhaltung, ihrer Art zu essen, ihrer Vorlieben für Völlerei oder Verzicht, ihrer Langeweile und ihrer Übersattheit. Karoly Risz und Susanne Uhl, verantwortlich für Bühne und Kostüme, zeigen die Gesellschaft im Jetzt und Heute, nur gezielt sparsam und grell zugleich, was sich ideal in das Gesamtkonzept fügt.
Dann tritt Xerxes vor den Vorhang und mit ihm verwandelt sich das Bild. Eine übergroße Platane in sattem Grün auf den Vorhang projiziert kündigt eindeutig an, was kommt. Ombra mai fu, so bekannt wie missverstanden, an dieser Stelle für manchen Zuhörer ungewohnt zart, inniglich, inwendig. Während Xerxes singt, wickelt er sich immer mehr in den Vorhang, bis er völlig verschwindet, als wolle er nur eins werden mit der Natur, dem Idealzustand eines glücklichen Lebens, das er an diesem Abend in keinem Moment mehr empfinden wird.
Stattdessen entzündet sich an der Festtafel ein wahres Seelendrama. Xerxes verliebt sich in Romilda, die Braut seines Bruders Arsamene. Atlanta, die Schwester Romildas, will jedoch Arsamene heiraten. Romilda liefert sich mit Atlanta einen wahren Zickenkrieg, um ihren Arsamene nicht zu verlieren, obgleich sie sich gegenüber den Anwerbungen Xerxes nicht eindeutig zeigt. Arsamene steht machtlos im Schatten seines Bruders Xerxes. Ariodate, der Vater von Romilda und Atalanta, ist Feldherr im Dienste Xerxes und damit von ihm abhängig. Das gilt auch für Elviro, dem Diener Arsamenes. Nur Amastre, die von Xerxes verlassene Braut, die sich in Verkleidung unter die Gesellschaft mischt, um ihr persönliches Liebesdrama zu beklagen, bringt am Ende den Mut auf, Xerxes scheinbar wieder auf den richtigen Liebeskurs zu bringen. Die Platane, die durch das Fenster im mittleren oberen Bühnenrand stets sichtbar bleibt, trägt nun keine Blätter mehr. Xerxes steht alleine auf der Bühne, die Pistole in der Hand und während der Vorhang fällt, warten alle auf den Schuss.
Gaëlle Arquez verkörpert einen zierlichen Xerxes, der sich gerne draufgängerisch-jovial gibt, gegenüber dem Zuschauervolk ein Entertainer, im Privaten schutzlos und verletzlich. Entsprechend weich und satt in der Tiefe, gefühlvoll nach innen gekehrt, leicht, elegant wie mühelos in der Höhe und im Ausdruck nuancenreich ausdifferenziert gestaltet die Mezzosopranistin die ursprünglich für einen Kastratensopran komponierte Titelpartie. Einziger Counter an diesem Abend ist Lawrence Zazzo. Mit frappierendem Glanz und Helligkeit in der Stimme verleiht er dem Bild eines tapsig-treuen Arsamene Profil. Elizabeth Sutphen überzeugt durch Koloratursicherheit mit feinem, lyrischem Potenzial als Romilda. Louise Alder begeistert durch ihren Spielwitz und mit heller Stimmkraft selbst in den Spitzentönen. Solidität zeichnet Brandon Cedels Auftritt als Ariodate aus. Thomas Faulkner beweist komödiantisches Talent und fasziniert durch mühelose Leichtigkeit seines klangschönen Basses.
Mit gestenreicher Präzision lenkt Constantinos Carydis die Sänger und die Orchestermusiker. Zum Teil wird auf historischen Instrumenten musiziert. Das schafft eigene Klangwelten. Carydis entlockt den Mitgliedern des Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchesters eine herrlich beschwingende Leichtigkeit in einem auf absolute Akkuratesse angelegten Spiel und gestattet sich manchen klanglichen Zusatz, um die Empfindung im Augenblick noch einen Grad dramatischer auszudrücken. Unaufgeregt, doch stimmlich wohltuend gradlinig, harmonisch klar und präzise agiert auch das kleine Vokalensemble. So entsteht schönste Musik in allen Facetten menschlichen Leidens zu einem komisch-absurd-dramatischen Spiel. Ein Erlebnis.
Christiane Franke