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Kalte Füße

DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
29. April 2017
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier,
Gelsenkirchen

Eines kann man Regisseur Ben Baur sicherlich nicht vorwerfen: Dass er nicht mutig an die „Oper aller Opern“ heran­ge­gangen sei. Über Don Giovanni ist schon viel erzählt worden, aber die Rahmen­handlung, die Baur und seinem Drama­turgen Stephan Steinmetz einge­fallen ist, gibt eine inter­es­sante Grundlage her. Am Vorabend seiner Hochzeit bekommt ein Bräutigam ein „Prae-Hochzeits­trauma“ oder wie man salopp sagen könnte: kalte Füße. Der Bräutigam heißt Leporello, und sein Alter Ego Don Giovanni führt in durch eine Nacht der Freiheit und Erkenntnis, die ihm vor Augen halten soll, was er gewinnt oder auch verliert, wenn er am nächsten Tag heiratet. So weit, so gut. Im ersten Akt geht das Konzept auch noch relativ gut auf, auch wenn der Tod von Donna Annas Vater irgendwie nicht zu Don Giovannis Lasten geht und auch gar nicht in die Handlung passt. Das ist immer das große Problem bei symbol­haften Insze­nie­rungen. Sie erschließen sich nicht immer.

Deutlich gezeichnet dagegen werden die Charaktere der drei Damen, Donna Anna, Donna Elvira und Zerlina. Mal abstoßend, mal klammernd, mal devot, mal berechnend – jede in einer anderen Inten­sität und jede mit einem passenden männlichen Gegenpart dazu. Proble­ma­tisch bleibt im ersten Akt, dass man nie genau weiß, ob Don Giovanni eine reale Person oder nur als Verführer Leporellos anwesend ist. Auch die Eingriffe in die Rezitative helfen da nicht wirklich weiter. Klarer umrissen bleibt der von Baur entworfene Hochzeitssaal, der im Licht von Mariella von Vequel-Westernach seine Atmosphäre wie ein Chamäleon ändert. Diese Licht­regie bringt besondere Momente mit sich. Der Hochzeits­rahmen lässt Kostüm­bil­der­nerin Uta Meenen nicht viel Spielraum für Experi­mente. Aber ihre Hochzeitsmode ist ansehnlich: Braut‑, Abend- und Unter­kleider bei den Damen, bei den Herren ist vom Frack bis zum Sakko alles vertreten. Insgesamt ein sehr schöner Stil.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Zum Finale des ersten Aktes, wenn sich Don Giovanni und Leporello über die Moral hinweg­setzen, wird die Schwer­kraft des Saales aufge­hoben. Für den zweiten Akt bleibt das Chaos. Die Requi­siten aus Leuchtern, Tischen, Stühlen, Blumen stehen kreuz und quer. Irgendwo liegt auch der alte Statist, der den Komtur spielt, auf dem Tisch. Die Eingriffe, die Baur nun in der Abfolge der Arien und Ensembles vornimmt, sind überflüssig. Donna Annas Non mi dir als Antwort auf Don Giovannis Canzo­netta. Dessen Inter­mezzo Meta di voi qua vadano passt nicht in die Handlung und wird kurzerhand gestrichen. Il mio tesoro wird ebenfalls nach vorne gezogen und so weiter. Und man fragt sich nur noch: Warum? Man hat das Gefühl, dass Baur seinen Hochzeits­vor­abend mit Gewalt irgendwie auf die Oper verpflanzen will und leider geht die Auflösung nach Giovannis Tod auch völlig daneben, weil trotz leicht abgeän­derter Übertitel immer noch der italie­nische Origi­naltext gesungen wird.

Während in diesem psycho­lo­gi­schen Konzept die Oper nach und nach auf der Strecke bleibt, halten sich Sänger und Instru­men­ta­listen ganz an den Kompo­nisten. Rasmus Baumann am Pult trägt die ganzen Striche und Umfor­mungen der Regie zwar mit, achtet aber ansonsten darauf, dass Mozart in all seiner Pracht und deren Facetten erstrahlt. Die Rezitative begleitet er selbst fanta­sievoll am Hammer­klavier, die Übergänge zu den Einsätzen der Neuen Philhar­monie Westfalen gelingen sehr gut. Das Orchester spielt sehr konzen­triert, aber vor allem sehr engagiert. Sein wunder­barer, warmer Klang erinnert an den der Wiener Philhar­mo­niker zu ihren besten Zeiten. Bei den Details darf hingehört werden: Die kichernden Achtel der Holzbläser und Streicher gegen den Stolz der Blech­bläser in der Regis­terarie beispiels­weise – das ist schon genial umgesetzt.

Der von Alexander Eberle einstu­dierte Chor darf leider nicht in Erscheinung treten, macht aber aus dem Orches­ter­graben heraus einen guten Job. Besonders die Herren heizen bei der Höllen­fahrt dem Titel­helden so richtig ein. Und der ist vokal schon sehr robust gebaut und gibt dem Verführer markante Virilität, passend zu seiner Darstellung eines bösen Eros. Piotr Prochera findet aber auch immer wieder zu eleganter Leich­tigkeit, wie zum Beispiel in der leicht prickelnden Champa­gnerarie. Er führt ein Ensemble an, das zwar nicht lupenrein, aber doch mit einer durch­gän­gigen Leistung aufwartet. Nur zum Ende hin lässt die Konzen­tration etwas nach und die Fehlein­sätze häufen sich.

Foto © Pedro Malinowski

Urban Malmberg setzt seine nicht mehr taufrische Stimme, gepaart mit einer linkisch-steifen Darstellung, zu einem leicht kauzigen Leporello ein, der seine Stärken in den Feinheiten hat. Alfia Kamalovas wunder­schönes Timbre ist nach wie vor unver­kennbar, ihre lyrische Donna Anna ist daher auch in Ensembles gut vernehmbar. Was ihr an Größe in der Stimme fehlt, macht sie mit Feingefühl und Ausdruck mehr als wett. Passend zu ihr ist mit Petra Schmidt die Donna Elvira drama­ti­scher besetzt, die aller­dings Mühe hat, ihre unruhige Höhe zu bändigen. Der warme Klang ihrer Mittellage und ihre weiten Bögen überzeugen. Bele Krumberger ist dank Stimme und Erscheinung eine schöne Zerlina.  Die Intonation der Höhe ihres silbernen Soprans ist nicht immer auf dem Punkt. Mit Ibrahim Yesilay hat das Musik­theater im Revier einen sehr starken Don Ottavio an Bord, der sowohl schön männlich als auch sehr sensibel singen kann – eine leider sehr seltene Kombi­nation in dieser Rolle. Dong-Won Seo ist weniger der Komtur, den ein Statist spielt, sondern vielmehr das Prinzip des Todes. Unter­stützt durch eine Stimm­ver­stärkung wird seine zweite Begegnung mit Don Giovanni zu einem echten Showdown. Last but not least: Michael Dahmen zeigt, was man aus der kleinen Rolle des Masetto heraus­holen kann, wenn man auch hier Vollgas gibt und die Feinheiten der Partie ebenso auskostet wie den szeni­schen Einsatz. Hier steht der nächste Don Giovanni in den Startlöchern.

Und das Publikum honoriert seinen Einsatz mit vielen Bravi – ungewöhnlich für diese Rolle. Überhaupt werden Sänger und Musiker für ihren schönen Mozart-Abend belohnt. Das Regieteam wird zur Kenntnis genommen. Keine Buh-Rufe, kaum Bravo-Rufe – das Publikum bleibt neutral. Trotz vieler Kürzungen ist es ein langer Abend. Dementspre­chend müde wirken die Zuschauer, von denen einige sehr unruhig während der Vorstellung sind, und der Applaus endet relativ schnell.

Christoph Broermann

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