O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
29. April 2017
(Premiere)
Eines kann man Regisseur Ben Baur sicherlich nicht vorwerfen: Dass er nicht mutig an die „Oper aller Opern“ herangegangen sei. Über Don Giovanni ist schon viel erzählt worden, aber die Rahmenhandlung, die Baur und seinem Dramaturgen Stephan Steinmetz eingefallen ist, gibt eine interessante Grundlage her. Am Vorabend seiner Hochzeit bekommt ein Bräutigam ein „Prae-Hochzeitstrauma“ oder wie man salopp sagen könnte: kalte Füße. Der Bräutigam heißt Leporello, und sein Alter Ego Don Giovanni führt in durch eine Nacht der Freiheit und Erkenntnis, die ihm vor Augen halten soll, was er gewinnt oder auch verliert, wenn er am nächsten Tag heiratet. So weit, so gut. Im ersten Akt geht das Konzept auch noch relativ gut auf, auch wenn der Tod von Donna Annas Vater irgendwie nicht zu Don Giovannis Lasten geht und auch gar nicht in die Handlung passt. Das ist immer das große Problem bei symbolhaften Inszenierungen. Sie erschließen sich nicht immer.
Deutlich gezeichnet dagegen werden die Charaktere der drei Damen, Donna Anna, Donna Elvira und Zerlina. Mal abstoßend, mal klammernd, mal devot, mal berechnend – jede in einer anderen Intensität und jede mit einem passenden männlichen Gegenpart dazu. Problematisch bleibt im ersten Akt, dass man nie genau weiß, ob Don Giovanni eine reale Person oder nur als Verführer Leporellos anwesend ist. Auch die Eingriffe in die Rezitative helfen da nicht wirklich weiter. Klarer umrissen bleibt der von Baur entworfene Hochzeitssaal, der im Licht von Mariella von Vequel-Westernach seine Atmosphäre wie ein Chamäleon ändert. Diese Lichtregie bringt besondere Momente mit sich. Der Hochzeitsrahmen lässt Kostümbildernerin Uta Meenen nicht viel Spielraum für Experimente. Aber ihre Hochzeitsmode ist ansehnlich: Braut‑, Abend- und Unterkleider bei den Damen, bei den Herren ist vom Frack bis zum Sakko alles vertreten. Insgesamt ein sehr schöner Stil.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Zum Finale des ersten Aktes, wenn sich Don Giovanni und Leporello über die Moral hinwegsetzen, wird die Schwerkraft des Saales aufgehoben. Für den zweiten Akt bleibt das Chaos. Die Requisiten aus Leuchtern, Tischen, Stühlen, Blumen stehen kreuz und quer. Irgendwo liegt auch der alte Statist, der den Komtur spielt, auf dem Tisch. Die Eingriffe, die Baur nun in der Abfolge der Arien und Ensembles vornimmt, sind überflüssig. Donna Annas Non mi dir als Antwort auf Don Giovannis Canzonetta. Dessen Intermezzo Meta di voi qua vadano passt nicht in die Handlung und wird kurzerhand gestrichen. Il mio tesoro wird ebenfalls nach vorne gezogen und so weiter. Und man fragt sich nur noch: Warum? Man hat das Gefühl, dass Baur seinen Hochzeitsvorabend mit Gewalt irgendwie auf die Oper verpflanzen will und leider geht die Auflösung nach Giovannis Tod auch völlig daneben, weil trotz leicht abgeänderter Übertitel immer noch der italienische Originaltext gesungen wird.
Während in diesem psychologischen Konzept die Oper nach und nach auf der Strecke bleibt, halten sich Sänger und Instrumentalisten ganz an den Komponisten. Rasmus Baumann am Pult trägt die ganzen Striche und Umformungen der Regie zwar mit, achtet aber ansonsten darauf, dass Mozart in all seiner Pracht und deren Facetten erstrahlt. Die Rezitative begleitet er selbst fantasievoll am Hammerklavier, die Übergänge zu den Einsätzen der Neuen Philharmonie Westfalen gelingen sehr gut. Das Orchester spielt sehr konzentriert, aber vor allem sehr engagiert. Sein wunderbarer, warmer Klang erinnert an den der Wiener Philharmoniker zu ihren besten Zeiten. Bei den Details darf hingehört werden: Die kichernden Achtel der Holzbläser und Streicher gegen den Stolz der Blechbläser in der Registerarie beispielsweise – das ist schon genial umgesetzt.
Der von Alexander Eberle einstudierte Chor darf leider nicht in Erscheinung treten, macht aber aus dem Orchestergraben heraus einen guten Job. Besonders die Herren heizen bei der Höllenfahrt dem Titelhelden so richtig ein. Und der ist vokal schon sehr robust gebaut und gibt dem Verführer markante Virilität, passend zu seiner Darstellung eines bösen Eros. Piotr Prochera findet aber auch immer wieder zu eleganter Leichtigkeit, wie zum Beispiel in der leicht prickelnden Champagnerarie. Er führt ein Ensemble an, das zwar nicht lupenrein, aber doch mit einer durchgängigen Leistung aufwartet. Nur zum Ende hin lässt die Konzentration etwas nach und die Fehleinsätze häufen sich.

Urban Malmberg setzt seine nicht mehr taufrische Stimme, gepaart mit einer linkisch-steifen Darstellung, zu einem leicht kauzigen Leporello ein, der seine Stärken in den Feinheiten hat. Alfia Kamalovas wunderschönes Timbre ist nach wie vor unverkennbar, ihre lyrische Donna Anna ist daher auch in Ensembles gut vernehmbar. Was ihr an Größe in der Stimme fehlt, macht sie mit Feingefühl und Ausdruck mehr als wett. Passend zu ihr ist mit Petra Schmidt die Donna Elvira dramatischer besetzt, die allerdings Mühe hat, ihre unruhige Höhe zu bändigen. Der warme Klang ihrer Mittellage und ihre weiten Bögen überzeugen. Bele Krumberger ist dank Stimme und Erscheinung eine schöne Zerlina. Die Intonation der Höhe ihres silbernen Soprans ist nicht immer auf dem Punkt. Mit Ibrahim Yesilay hat das Musiktheater im Revier einen sehr starken Don Ottavio an Bord, der sowohl schön männlich als auch sehr sensibel singen kann – eine leider sehr seltene Kombination in dieser Rolle. Dong-Won Seo ist weniger der Komtur, den ein Statist spielt, sondern vielmehr das Prinzip des Todes. Unterstützt durch eine Stimmverstärkung wird seine zweite Begegnung mit Don Giovanni zu einem echten Showdown. Last but not least: Michael Dahmen zeigt, was man aus der kleinen Rolle des Masetto herausholen kann, wenn man auch hier Vollgas gibt und die Feinheiten der Partie ebenso auskostet wie den szenischen Einsatz. Hier steht der nächste Don Giovanni in den Startlöchern.
Und das Publikum honoriert seinen Einsatz mit vielen Bravi – ungewöhnlich für diese Rolle. Überhaupt werden Sänger und Musiker für ihren schönen Mozart-Abend belohnt. Das Regieteam wird zur Kenntnis genommen. Keine Buh-Rufe, kaum Bravo-Rufe – das Publikum bleibt neutral. Trotz vieler Kürzungen ist es ein langer Abend. Dementsprechend müde wirken die Zuschauer, von denen einige sehr unruhig während der Vorstellung sind, und der Applaus endet relativ schnell.
Christoph Broermann