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HAMLET
(Cathy Marston)
Besuch am
11. Februar 2017
(Premiere)
Die Frage, ob Handlungsballette noch als zeitgemäß gesehen werden dürfen, wird in der Tanzszene äußerst kontrovers diskutiert. Versteht man darunter die Wiederholung des immer Gleichen und die Beschränkung auf ein schmales, populäres, wenn auch, wie im Fall Tschaikowskys und Prokofieffs, hochwertiges Repertoire, könnte man am Sinn der Gattung zweifeln. Wenn man freilich attraktive Stoffe in natürliche und auf der Höhe der Zeit stehende Bewegungsabläufe formt, wie es der Gelsenkirchener Ballettdirektorin Bridget Breiner schon mehrfach, unter anderem mit einer sensationellen Adaption von Alice in Wonderland gelungen ist, erweist sich das gescholtene Genre als äußerst kreativ und vital.
Mit einer hinreißenden Ballett-Version des Hamlet-Stoffs durch die britische Choreografin Cathy Marston sorgt Breiner auch dann für Glanzpunkte, wenn sie Gästen das Feld überlässt. Im intimen Rahmen des Kleinen Hauses lässt Marston die Geschichte des Dänenprinzen in 80 Minuten in einer Klarheit und Eindringlichkeit vorüberziehen, die keine Sekunde Langeweile aufkommen lassen. Obwohl sie auf jeden spektakulären Knalleffekt verzichtet, stimmt an der Produktion alles. Feingefühl und Kraft, organische Wechsel von poetischer Ruhe und vorwärtstreibender Energie, eine ideale Symbiose von Musik und Bewegung: All das sorgt für ein außerordentlich rundes Ergebnis. Die Handlung ist glasklar nachzuvollziehen, nichts wird banalisiert, nichts vergröbert, nichts verzuckert und nichts brutalisiert.
| Musik | ![]() |
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Umso feinsinniger stellt Cathy Marston die komplexen Beziehungen zwischen den Figuren heraus, wobei sie eine durchaus „weibliche“ Handschrift erkennen lässt, wenn sie die Rolle der Gertrud zur zentralen Figur aufwertet, die ein geradezu inzestuöses Verhältnis zu ihrem Sohn Hamlet erkennen lässt. Aber auch hier arbeitet Cathy Marston mit dezenter Sensibilität, so wie die sexuellen Komponenten auch anderer Beziehungen deutlich betont werden. Jedoch nicht durch platte Obszönitäten, sondern durch filigrane Bewegungsabläufe und ein virtuos-raffiniertes Spiel mit Degen, die nicht nur als Waffen, sondern auch als phallische Werkzeuge genutzt werden.
So zärtlich die Liebesszenen getanzt werden, so vital und dennoch kontrolliert setzt die Choreografin mit einem geradezu gespenstischen Festgelage deutliche Kontraste. Dabei gehen die Pas de deux‘ von Gertrud und Hamlet wie von Hamlet und Ophelia in ihrer Feinfühligkeit besonders eindringlich unter die Haut.
Breiner lässt es sich nicht nehmen, das komplexe Seelenleben der Gertrud selbst zu tanzen. Grandios auch Tessa Vanheusden als Ophelia und Louiz Rodriguez in der Titelpartie, so wie sich die elf Tänzer insgesamt als absolut homogenes Ensemble empfehlen. Zu nennen sind dabei nicht nur José Urrutia als Hamlets Vater, Ledian Soto als Claudius und Carlos Contreras als Polonius, sondern blutjunge Kräfte wie Francesca Berruto, Sarah-Lee Chapman, Hitomi Kuhara und Sara Zinna, die als „innere Stimmen“ manche Szenen elfenhaft umschwirren.

Auch Ines Alda hält sich mit ihren schlichten, aber sinnlich feinen Kostümen sowie ihrem Bühnenbild zurück, wobei sie sich mit einem transparenten Vorhang und einem als Puzzle angelegten Felsbrocken begnügt, der sich aber so variabel nutzen lässt, dass er als Monument, Thron, Bett und Grabstätte dienen kann. Raffiniert die Lichttechnik von Andreas Gutzmer, wenn durch den Vorhang Parallelhandlungen zu sehen sind.
Kongenial die Musikauswahl mit Werken Alfred Schnittkes, die von stilisierten Barockklängen bis hin zu einer erstarrten Version von Stille Nacht am bitteren Ende eine irreal bizarre Melancholie verströmen. Atmosphärische Dichte, die Philip Feeney mit eigenen Kompositionen und Arrangements noch vertieft.
Gerade die Konzentration auf den Ausdruck der Bewegung, die greifbare Nähe zur Bühne im Kleinen Haus, der Verzicht auf Opulenz und aufgesetzte Originalität bescheren dem Gelsenkirchener Ballett eine besondere Stellung in der rheinischen Tanzlandschaft. Insbesondere die „kleinen“ Produktionen Breiners und ihrer Gäste strahlen einen einzigartigen Reiz aus, mit dem kein noch so aufwändiger Nussknacker in Essen oder keine noch so innovative Bewegungsstudie in Düsseldorf oder Duisburg konkurrieren kann.
Der Beifall des Premierenpublikums fällt entsprechend begeistert aus.
Pedro Obiera