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Zwischen Poesie und Horror

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN
(Jacques Offenbach)

Besuch am
10. Juni 2017
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Insgesamt kann Intendant Michael Schulz auch auf die jetzt zu Ende gehende Saison des Gelsen­kir­chener Musik­theaters im Revier zufrieden zurück­blicken. Was Spiel­plan­ge­staltung und Ensem­b­le­pflege angehen, liefert er mit seinen Ergeb­nissen auch den hartnä­ckigsten Zweiflern überzeu­gendes Beweis­ma­terial für die Existenz­be­rech­tigung der inter­na­tional einzig­artig dicht besetzten Theater­land­schaft Deutsch­lands und insbe­sondere der Rhein-Ruhr-Region. Dass dabei der Unter­hal­tungswert guter Oper nicht zu kurz kommen muss, zeigt das Musik­theater im Revier mit der letzten Produktion der Saison, einer Neuin­sze­nierung von Jacques Offen­bachs Oper Hoffmanns Erzäh­lungen.

Dabei muss man Regisseur Michiel Dijkema eines zubil­ligen: Dass Offenbach seine letzte, leider nur fragmen­ta­risch hinter­lassene Oper als „Fantas­tische Oper“ verstanden wissen wollte, merkt man seiner Insze­nierung in jeder Sekunde des kurzwei­ligen Abends an. Somit schließt das Gelsen­kir­chener Musik­theater seine Saison mit einer Produktion voller Bühnen­zauber ab, die mit ihrer üppigen Ausstattung, ihrem Fanta­sie­reichtum und ihrer ironisch gefärbten Dämonie vitales und pralles Theater in Hülle und Fülle bietet. Und zwar sowohl für das Auge wie für das Ohr.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Was den Fassungs­salat des Werks betrifft, gehen Dijkema und Kapell­meister Valtteri Rauha­lammi undog­ma­tisch vor. Sie verwenden die Rezitative von Michale Kaye, verzichten auf allzu viele Zutaten aus der eher philo­lo­gisch als drama­tur­gisch überzeu­genden Oeser-Fassung und bringen auch noch musika­lische Rosinen wie die Spiegel-Arie Daper­tuttos und das Septett aus dem Giulietta-Akt ein, auch wenn sie im Stück eigentlich nichts zu suchen haben. Dass die Pause den Antonia-Akt zerschneidet, darüber darf gestritten werden. Um die Propor­tionen des Abends zu wahren, stünden als Alter­native zwei Pausen zur Diskussion, die den Abend freilich, wie die Bonner Neupro­duktion zeigt, erheblich in die Länge zögen.

Es gibt viel zu sehen bei Hoffmanns vergeb­licher Suche nach der echten Liebe, wenn er von der Puppe Olympia, der sterbens­kranken Sängerin Antonia und der Kurtisane Giulietta getäuscht und enttäuscht wird, bis er als Poet die Erlösung in den Armen seiner lange Zeit vernach­läs­sigten Muse findet. Ein Werk, das von roman­ti­scher Ironie und „schwarzer Romantik“ überquillt, was Regisseur und Bühnen­bildner Dijkema sowie die Kostüm­bild­nerin Jula Reindell als Vorlage für ein spannendes Bilderbuch voller Poesie und Skurri­lität nutzen. Die puppen­hafte Motorik der Olympia arbeitet Dijkema filigran aus, Antonia begleitet sich selbst auf dem Cello, residierend und sterbend auf dem Hals eines überdi­men­sio­nalen, zerbro­chenen Streich­in­stru­ments, und die sinnliche Welt der Giulietta mit eifrig kopulie­renden Gespie­linnen und mit allerlei venezia­ni­schem Zierrat streift fein dosiert klischee­hafte Vorstel­lungs­welten. Die vier Bösewichter erscheinen wie Wesen aus der Unterwelt, Anleihen an Grusel­schocker aus der Horror-Küche des frühen Schwarz-Weiß-Films um Dr. Caligari & Co. inbegriffen.

Foto © Pedro Malinowski

Etwas zu kurz kommt aller­dings die Profi­lierung der Titel­figur. Joachim Bäckström tritt zwar wie ein dandy­hafter Halbbruder roman­ti­scher Exzen­triker aus der Umgebung Paganinis, Berlioz‘ oder Oscar Wildes auf und verteidigt tapfer seine Außen­sei­ter­rolle. Der Verfalls­prozess seiner Persön­lichkeit wird jedoch nur angedeutet, so dass der finale Rettungsakt durch die Muse und die sich anschlie­ßende Hinwendung zu seiner eigent­lichen Bestimmung, der Poesie, ein wenig blass bleiben. Das berührt freilich nicht die erstaun­lichen gesang­lichen Quali­täten des bisher fast ausschließlich in skandi­na­vi­schen Gefilden in Erscheinung getre­tenen schwe­di­schen Tenors Joachim Bäckström, der für die Titel­rolle nicht nur das nötige helle Timbre und die unerlässlich federnde Eleganz einbringt, sondern auch lyrischen Schmelz und kraftvoll strah­lende Höhen.

Rauha­lammi am Pult der vorzüglich aufspie­lenden Neuen Philhar­monie Westfalen dirigiert so beflügelt und spiel­freudig, wie Dijkema das Spiel auf die Bühne bringt. Und das überträgt sich auf das Ensemble, das das anspruchs­volle Werk freilich nicht ohne Gäste stemmen kann. Dazu gehören neben Joachim Bäckström die kolora­tur­si­chere Dongmin Lee als Olympia und die mit großer, in den Höhen aller­dings leicht verhär­teter Stimme auffah­rende Solen Mainguené als Antonia. Eine deutliche Aufwertung erfährt die kleinere, aber drama­tur­gisch wichtige, fast zentrale Doppel­rolle der Muse und des Nickl­ausse durch Almuth Herbst, die ihre Aufgabe mit beein­dru­ckender Bühnen­präsenz und ungewöhnlich starkem Stimm­einsatz gestaltet und neben Bäckström den stärksten Applaus des Premieren-Publikums einfahren kann.

Die etwas undankbare Rolle der Giulietta ist bei Petra Schmidt vorzüglich aufge­hoben, die vier Bösewichter charak­te­ri­siert Urban Malmberg pointiert, auch wenn es seiner Stimme ein wenig an dämoni­scher Tiefen­schwärze fehlt. Komödi­an­tische Kabinett­stückchen liefert Edward Lee in den Diener­rollen und auch sonst muss von einer außer­or­dentlich geschlos­senen Leistung gesprochen werden, zu der auch die Chöre des Musik­theaters im Revier beitragen.

Ein würdiger Schluss­punkt einer rundum überzeu­genden Saison, der ungetrübte Begeis­terung auslöst.

Pedro Obiera

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