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DIE PASSAGIERIN
(Mieczysław Weinberg)
Besuch am
28. Januar 2017
(Premiere)
Die Beklemmung weicht allmählich, gleichsam von Vorhang zu Vorhang für die Künstler, die das Publikum für ihre außerordentliche Leistung feiert. Die erste Aufführung der Oper Die Passagierin an einem Musiktheater in Nordrhein-Westfalen hat die Besucher extrem gefordert, psychisch und wohl auch physisch. Nichts weniger ist auf den Spielplan gelangt als eine realistische Vermittlung des Holocaust, der seelischen Verwüstungen unter Opfern und Tätern. Der Zweiakter über knapp drei Stunden, zugleich das Hauptwerk des polnisch-russischen Komponisten Mieczysław Weinberg, beruht auf einer Geschichte der Autorin Zofia Posmysz.
18 Jahre jung, verteilt sie in Krakau Flugblätter der polnischen Widerstandsbewegung. Sie wird 1942 verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager (KZ) deportiert. Die überlebt sie, auch Auschwitz. Und jetzt steht die nun 93-jährige inmitten des Ensembles von Sängern, Choristen und Statisten auf der Bühne. Eine fragile Erscheinung, geprägt von einer Aura berührender Menschlichkeit. Fast verlegen versucht sie, den Beifall des Publikums abzuwehren, das sich in einer Geste kollektiver Gefühlswelten von seinen Plätzen erhoben hat.
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Das Musiktheater im Revier (MiR) hat in einer großen künstlerischen Kraftanstrengung mit der Realisierung dieser Pasażerka, wie der Stoff von 1962 im Original heißt, ein Zeichen gesetzt. Im zeitlichen Umfeld zum Holocaust-Gedenktag erneuert es die Gültigkeit der zentralen Botschaft: „Niemals vergessen!“ Die Geschichte von Weinbergs Oper ist selbst ein Narrativ von Vergessen und Beachtung. 1968 vollendet, findet eine konzertante Uraufführung erst 2006 in Moskau statt. Die Bregenzer Festspiele bringen die szenische Uraufführung 2010 heraus. Die deutsche Erstaufführung folgt 2013 in Karlsruhe. Sie scheint hierzulande einen Bann zu brechen. Mehr und mehr gewinnt das Werk an Aufmerksamkeit.
Adorno ist 1949 der Ansicht, es sei „barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben“. 1966 schreibt der Soziologe in „Erziehung nach Auschwitz“, man müsse die Mechanismen erkennen, „die die Menschen so machen, daß (sic!) sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt“. Ein Jahr zuvor hat der Deutsche Bundestag die ersten Weichen mit dem Ziel gestellt, die bevorstehende Verjährung von ungesühnten Morden nationalsozialistischer Täter zu verhindern. Die Frage der möglichen Vergebung gegenüber den Verbrechern – für Posmysznoch ein zentrales Motiv – ist seitdem beantwortet, rechtlich wie ethisch.

Es zählt zu den dramaturgischen Vorzügen des Stoffes und damit des Librettos von Alexander Medwedew, wie sich Die Passagierin der Debatte um die Crux entzieht, ob Kultur Auschwitz ästhetisierend begegnen könne. Die Handlung der Oper ist Fiktion und der grausigen Realität so weit entfernt, dass wir Heutigen uns trauen können, sie zu ertragen. Sie spielt auf einem Passagierschiff, das 1960 auf dem Atlantik mit Destination Brasilien unterwegs ist. Lisa, die Ehefrau des deutschen Diplomaten Walter und ehemalige Aufseherin im KZ Auschwitz, wird mit ihrer Vergangenheit und ihrem Gerüst an Lebenslügen konfrontiert. Auslöser der Katharsis ist Marta, die Passagierin. Zunächst vage, dann mit Gewissheit erkennt Lisa in ihr den einstigen Häftling in Auschwitz, zu dem sie damals eine besondere Beziehung entwickelt hat. Sie steigert sich in die Projektion, Marta Vergünstigungen eingeräumt und ein Treffen mit dem Geliebten Tadeusz verschafft zu haben. Doch in der sterilen Glitzerwelt des Ozeandampfers vermag Lisa dem Blick Martas, Ausdruck ihrer menschlichen Stärke, nicht standzuhalten. Die Folge: der Zusammenbruch ihrer Fassade und die Entlarvung der Pseudomoral aller nationalsozialistischen Verbrecher. „Ja, ich war in Auschwitz“, deklamiert Lisa, „und deshalb bin ich sicher noch keine Verbrecherin. Ich war eine ehrliche Deutsche. Ich bin stolz, denn ich habe meine Pflicht getan.“ So wird sie noch einmal aufgedeckt, die Legende der Rechtfertigung von Tätern, die sich als Pflichtbewusste oder Mitläufer zu tarnen suchen.
In der beeindruckenden Inszenierung Gabriele Rechs ist das Geschehen, das die Gegenwart der Schiffspassage mit Rückblenden auf die Realität im KZ koppelt, auf einen Ort fokussiert. Dirk Becker hat einen Bühnenraum im Stil einer Lounge erster Klasse kreiert, inklusive Bar und Tanzfläche. Der ermöglicht die Erweiterung hin zu einer Fläche aus Holzplanken, auf der KZ-Schergen wüten, sich die inhaftierten Frauen vor der Brutalität ducken und zusammenkauern. Renée Listerdals Kostüme verstärken den Gegensatz von Nachkriegsluxus und Lagerelend geradezu schmerzhaft. Hier die Welt der Smokings und Abendroben, aus der sich Lisa in strahlendem Weiß ikonenartig heraushebt. Dort die schäbige Einheitskleidung und das Stigma, der Judenstern. Der triste Stoff wird den Opfern gar noch entrissen, bevor sie in Richtung des Todesblocks getrieben werden.
Rechs Regie versteht es von Szene zu Szene, die Bipolarität dieser getrennten wie verknüpften Welten, das Deprimierende wie das Hoffnungsvolle, herauszuarbeiten. Wie reduziert auf sich selbst, inszenieren Lisa und Walter ihr Versteckspiel vor sich und ihrer Verantwortung, lakonisch und scheinbar nonchalant. Emotional tief berührend hingegen zahlreiche Momente der Opfer. So unterrichtet die junge Yvette, dargestellt von Bele Kumberger, Almuth Herbst als die ältere Bronka in Französisch, da beide nach der Befreiung von einer Zukunft in Paris träumen. Eine simple Szene, zugleich tief ins Herz schneidend. So beschwört Alfia Kamalova in der Rolle der Katja mit einer einfachen Weise ihre Kindheit und ihre russische Heimat, verloren im Raum und doch eins mit sich. So wächst die unerlaubte Begegnung Martas mit ihrem Verlobten Tadeusz für Augenblicke über die emotionale Ödnis des Lagers so himmelhoch hinaus, dass man sich wünschen möge, die Szene wie im Film anhalten zu können.
Ist schon die Inszenierung ein Beweis für die Stärke des Stücks, so ist es die Komposition Weinbergs erst recht. Weit aufgestoßen wird die Tür zu den Stilen, Moden und Orchestrierungen ganzer Jahrhunderte. Diese Musik ist lyrisch und roh wie ihr Gegenstand, ist schwärmerisch in den emotionalen Höhenflügen der an die Liebe Glaubenden und schrill in den Signalen des Todes. Weinberg arbeitet tonal wie mit Anleihen an die Zwölftonmusik, variiert Elemente des Jazz, des Schlagers und des Chansons. Er schreibt wie ein Filmkomponist auf den Punkt, ist zudem ein Könner in der Zuordnung einzelner Instrumente und Charaktere. Die Pauke markiert die Hölle des Lagers, die Celesta kennzeichnet Marta, die ja auch ihr Verlobter als „Lagermadonna“ abbildet. Mit Ironie und Witz zitiert Weinberg Komponisten, etwa Berg und Mahler, so die walzerselige Jazz-Suite von Dimitrij Schostakowitsch, dem Freund in Moskauer Tagen.

Unter der musikalischen Leitung Valtteri Rauhalammis beherrscht die Neue Philharmonie Westfalen die komplexen Strukturen und vielfältigen Farben der Komposition souverän, von den markanten Paukenschlägen im ersten Vorspiel, die ins Mark treffen, bis hin zu den sinnlichen Streicherpassagen, die sich wie Verbandszeug über der Barbarei ausbreiten. Ist die Größe des Stücks die alles überwölbende Humanität, ist die Überraschung dieser Oper eine Musik, die Himmel und Erde zu verbinden scheint, so ist die Entdeckung des Abends die Performance des Ensembles der Sängerdarsteller. Es dürfte, kulturpolitisch betrachtet, alle Vorbehalte sprengen, die manche mit der Qualität von Musiktheatern in der deutschen „Provinz“ verbinden.
Der Lagertod kennt viele Sprachen. Gesungen wird auf Deutsch, Polnisch, Russisch, Französisch, selbst Hebräisch. Die Sängerinnen der Rollen der KZ-Häftlinge bringen das – einzeln wie in der Gruppe – so erstklassig zustande, dass man nur staunen kann. Alle gehen zudem in ihren Figuren auf, zeigen die Individualität auf, die hinter den nackten Ziffern der Holocaust-Statistik zumeist verblassen. Eigenart, Persönlichkeit, Würde vermitteln Anke Sieloff als Krystina, Silvia Oelschläger als Vlasta, Noriko Ogawa-Yatake als Hannah. Häftlingsnummern werden im Übrigen einmal auf den tiefschwarzen Vorhang projiziert und von einer anonymen Stimme rezitiert, beängstigend furchterregend.
Nichts weniger als eine Sensation ist Ilia Papandreou, die Passagierin. Ihr subtiler, differenziert geführter Sopran gibt der Marta all das, was diese Figur auszeichnet: Courage, Entschlossenheit, Tapferkeit und Würde. Ihre beiden großen Soloauftritte – die Arie zur Universalität des Lagersterbens und die im Finale in Erinnerung an die verstorbenen Freundinnen – haben alle Chancen, zu den Höhepunkten der gesamten MiR-Spielzeit zu avancieren. Ihre Gegenspielerin Lisa, die von der Mezzosopranistin Dóra Sturludóttir gegeben wird, spielt ihre Rolle der Verdrängung wie der Verängstigung glaubhaft und authentisch. Ihre Stimme moduliert das jeweils Erlebte packend und virtuos. Großer Respekt! Den verdient nicht minder der Tenor Kor-Jan Dusseljee als Walter, dessen große Momente stets dem Eingeständnis der Verstrickungen Lisas folgen. Als Tadeusz gehört Piotr Prochera zu den Exponenten der Besetzung. Seine wandelbare Baritonstimme zeichnet die seelischen Höhen und Tiefen von Martas Geliebtem empfindsam nach. Sein Spiel des (Todes-)Walzers mit dem urplötzlichen Wechsel zu einer Chaconne Bachs – Prochera hat anfänglich Geige studiert – geht förmlich unter die Haut. Der von Alexander Eberle einstudierte Opernchor und Extrachor runden die Gesamtleistung aller auf vortreffliche Weise ab.
Zur Oper Die Passagierin hat das MiR in Zusammenarbeit mit Partnern aus Stadt und Land ein Begleitprogramm aufgelegt, das bis zum Ende der Spielzeit reicht. Auch das eine Bestätigung des starken Engagements des Hauses wider das Vergessen. Theater bezieht in einer Zeit der Erosion von Humanität Stellung. Ein starkes Zeichen.
Ralf Siepmann