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TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)
Besuch am
4. März 2017
(Premiere)
Was Ensemblepflege und geistreiche Programmpolitik angeht, zählt das Musiktheater im Revier zu den stärksten Häusern der theaterreichen Region. Nach Raritäten wie Weinbergs Die Passagierin oder Nino Rotas Florentiner Hut ist es legitim, auch ein Schwergewicht wie Richard Wagners Liebes-Elegie Tristan und Isolde auf den Spielplan zu setzen, auch wenn es sich mit eigenen Kräften nicht stemmen lässt.
Hier zu sparen, wäre der falsche Weg. Und damit geht die Verpflichtung renommierter Gast-Stars wie Torsten Kerl und Catherine Foster für die Titelpartien auch an Ensembletheatern wie der Gelsenkirchener Oper völlig in Ordnung. Die Bayreuth-erfahrenen Kräfte stehen Intendant Michael Schulz zwar nur für die ersten drei Aufführungen zur Verfügung, aber mit Richard Siegel und Yamina Maamar dürfte sich auch die „Zweitbesetzung“ hören lassen können.
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Doch in der Premiere setzen zunächst Catherine Foster und der gebürtige Gelsenkirchener Torsten Kerl die vokalen Glanzlichter der Neuinszenierung, die Hausherr Michael Schulz höchstpersönlich besorgte. Problematisch wird Schulz‘ Konzept, wenn es zu einseitig auf die Anziehungskraft und unbestrittene Qualität von Gästen ausgerichtet wird. Damit stellt sich die Frage, was von der Gelsenkirchener Produktion jenseits der grandiosen Leistungen der beiden Titelhelden haften bleiben dürfte. Außer der emphatischen und stimmstarken Almuth Herbst als Brangäne nicht allzu viel. Urban Malmberg singt den Kurwenal kultiviert, aber auch sehr zahm und Philip Ens hinterlässt mit seinem arg brüchig klingenden König Marke wenig Eindruck. Von den ganz kleinen Partien ganz zu schweigen.
Auch Rasmus Baumann und die Neue Philharmonie Westfalen können mit ihrer Mammutaufgabe – noch – nicht restlos überzeugen. Etliche orchestrale Ungenauigkeiten werden sich im Verlauf der nächsten Aufführungen gewiss begradigen lassen. Und vielleicht findet auch noch GMD Baumann mit seinen Tempi zu einer ausgewogeneren Balance zwischen Stillstand und Hektik. Den dramatischen Höhepunkten und Steigerungen fehlt es nicht an nötigem Feuer. In den zarteren Passagen, angefangen mit dem zähen, durch überlange Generalpausen zerrissenen Beginn des Vorspiels, verliert die Musik jedoch immer wieder ihren natürlichen Fluss.
Somit geben Kerl und Foster eindeutig, im Grunde zu eindeutig, den Ton an. Darauf verlässt sich auch Schulz in seiner Inszenierung, die von, gelinde gesagt, dezenter Zurückhaltung geprägt ist. Wagners handlungsarme „Handlung in drei Aufzügen“ deutet er als Seelenschau und verzichtet wohlweislich auf aufgesetzten dramatischen oder konzeptionellen Klamauk. Schulz vertraut der Partitur. Dafür müssen wir uns mit etlichem Stillstand auf der Bühne begnügen, was angesichts des vokalen Niveaus der Stars kein Nachteil sein muss.

Interessant, dass Schulz die Frauen erheblich prägnanter charakterisiert als die Männer. Die kochende Wut Isoldes im ersten Akt wird genauso deutlich wie ihre Hingabe in den folgenden Aufzügen. Auch die Bedeutung Brangänes, die die Katastrophe schließlich entscheidend fördert, findet ihren Niederschlag. Mit den Männern kann Schulz offensichtlich erheblich weniger anfangen. Nicht nur die Rolle Kurwenals bleibt völlig rätselhaft. Zugegeben: Torsten Kerl als Tristan ist kein Bewegungswunder und die passive Zurückhaltung, die im ersten Akt noch vertretbar ist, müsste sich im Verlauf des Liebesduetts verlieren. Keine schlechte Idee deshalb, die Sänger das Duett am Bühnenrand ungestört aussingen zu lassen, während zwei Statisten das Liebesspiel im Bett zelebrieren. Aber auch eine problematische Lösung: Kommt es denn im irdischen Leben tatsächlich zum sexuellen Vollzug? Oder gewinnt das Stück nicht dadurch seine vibrierende Spannung, indem die Erfüllung einer höheren, „transzendierten“ Existenz einem Land vorbehalten bleibt, in dem „der Sonne Licht nicht scheint“: also dem Reich des Todes? Dass die Spannungskurve im dritten Akt dennoch nicht abreißt, dafür sorgt der beeindruckende Auftritt Kerls, der den mörderischen Riesen-Monolog intensiv und stimmlich brillant gestaltet. Ein Höhepunkt, den Catherine Foster mit ihrem kongenial präsentierten Liebestod noch veredelt.
Eine Inszenierung, die viele Fragen offenlässt und zu deren Lösung Bühnenbildnerin Kathrin-Susann Brose nur auf den ersten Blick wenig beiträgt. So fein Schulz die Personen führt, so subtil setzt sie optische Signale. Sie zeigt eine zweigeteilte Welt auf, die im ersten Akt noch unspektakuläre Assoziationen an Schiffdecks weckt. Im zweiten Akt irren Tristan und Isolde durch eine Art Spiegelkabinett auf der Suche nach sich selbst und dem Partner, wobei sie immer wieder an Grenzen stoßen. Eine schlichte schwarze Wand trennt im dritten Akt die düstere Welt der Realität von einem strahlenden Jenseits, das zeitweise sichtbar wird, wenn sich die Wand spaltweise öffnet. Im Glanz dieses Lichts, das Tristans Vorstellung vom Totenreich als Land ohne Sonne widerlegt, glänzt Isolde mit ihrem ergreifenden Schlussgesang.
Insgesamt ein beachtlicher Kraftakt für ein mittleres Haus mit hohem Diskussionswert. Indiskutabel allerdings, wenn einige „Opernfreunde“ nicht einmal den zarten Schlussakkord abwarten können, um applaudieren zu müssen. Der Beifall des Premieren-Publikums fällt nahezu einhellig begeistert aus. Einige wenige Buh-Rufe richten sich gegen das szenische Team, das gegen die zeitgleiche Wiederaufnahme der fast legendären Inszenierung von Barrie Kosky in der Nachbarstadt Essen keinen leichten Stand haben dürfte.
Pedro Obiera