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Liebe in Zeiten der Dystopie

DAS WUNDER DER HELIANE
(Erich Wolfgang Korngold)

Besuch am
23. September 2017
(Premiere am 15. September 2017)

 

Opera Vlaan­deren, Gent

Der Vater des Kompo­nisten und Wiener Großkri­tiker Julius Korngold hat sein Möglichstes dazu beigetragen, das Werk des Sohnes über die liebes­kräftige Wieder­auf­er­we­ckung vom Tod zum Leben in den zweifel­haften Rang einer exoti­schen Rarität zu erheben.  Julius Korngold scheute weder Polemik noch Ränke, um Das Wunder der Heliane gegen Kreneks zeitgleich urauf­ge­führten Johnny spielt auf zu lancieren. Der Großkri­tiker gehörte zu den Hubschrau­ber­eltern, die selbst dann nicht reali­sieren, dass der Nachwuchs längst auf eigenen Füßen steht, wenn dieser bereits einen Welterfolg wie Die tote Stadt vorgelegt hat. Freilich leistet auch das drama­tur­gisch wie sprachlich verquaste Libretto Hans Müllers wenig, um die Oper fest im Spielplan zu verankern. Der damalige Hausautor des Wiener Burgtheaters liefert eine schon zur Zeit der Hamburger Urauf­führung im Jahr 1927 leicht überständige Mixtur aus Legen­denton, stark parfü­mierter Erotik, Freud­scher Psycho­analyse und Synkre­tismus.  Die Ächtung der Werke Korngolds durch die braune Bande gab dem Werk für viele Jahrzehnte den Rest. Spora­disch nur taucht das rhyth­misch wie harmo­nisch äußerst komplexe Musik­drama an risiko­freu­digen Bühnen wieder auf. Die Opera Vlaan­deren gehört dazu. Beim Genter Publikum ist das Werk immerhin einigen Senioren bekannt. Es wurde hier 1970 zum ersten Mal seit 1928 szenisch aufge­führt. Die besuchte Vorstellung ist respek­tabel verkauft.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Um das Wunder der Aufer­we­ckung ins Leben ernst nehmen zu können, verpasst David Bösch der Oper eine szenische Schlank­heitskur, die sie vom mysti­zis­ti­schen Abraka­dabra der infla­tio­nären Regie­an­wei­sungen des Librettos entschlackt, so dass sie sich straffer, vitaler und im zentralen Aspekt der Rückkehr vom Tod auch unprä­ten­tiöser und glaub­hafter gestaltet. Zwar bleibt der erste Akt mit Knier­ut­schen und Hände­aus­breiten noch zu sehr in altba­ckener Opern­gestik verhaftet. Doch arbeitet Bösch in den beiden Folge­akten die Binnen­be­ziehung des Liebes­paares wie dessen Haltung zur Welt prägnant heraus. Leiber und Mienen der Liebenden kommu­ni­zieren nun wie selbst­ver­ständlich mitein­ander. Die letzte Szene im Zwischen­reich von zeitlichem und ewigem Leben liefe Gefahr, ins unendlich Peinliche zu entgleisen,  wenn sie nicht so zart und innig ins Bild gesetzt würde wie von Bösch, bei dem final Heliane in den Fremden hinein­ge­schmiegt ruht. Dem in seiner Bruta­lität und seinen Besitz­an­sprüchen von Korngold und Müller völlig eindi­men­sional gezeich­neten Herrscher, erlegt der Regisseur eine durch­trai­nierte Körper­sprache auf, die den Gewalt­men­schen hervor­kehrt. Die Richter sind behutsam karikiert, einzig aus dem gebrechlich-blinden Schwert­richter spricht heiliger Ernst.

Bühnenbild und Kostüme, für die Christof Hetzer verant­wortlich zeichnet, konfron­tieren mit einer Dystopie aus Freud- und Lieblo­sigkeit. Schau­platz ist eine Schot­ter­wüste mit staubigen Grasbü­scheln als spärlicher Vegetation und Zivili­sa­ti­ons­resten, wie sie am Rand nordame­ri­ka­ni­scher Überland­pisten und Schie­nen­stränge verrotten. Der einstige Zweck des Schrotts kann etwa angesichts der rampo­nierten Projek­ti­ons­fläche eines Autokinos samt zugehö­rigem Stahl­rohr­ge­stell nur mühevoll erraten werden. Der Herrscher bewohnt einen ausran­gierten Güter­waggon in knalligem Orange. Trinken lässt sich einzig aus einem kurz vor dem Versiegen befind­lichen Wasserloch. Die Figuren tragen am Körper, was sich an Kleidungs­be­ständen retten ließ und in der Wüste für überle­bens­tauglich befunden wurde.

Foto © Annemie Augus­tijns

Der von Jan Schweiger einstu­dierte Chor der Opera Vlaan­deren meldet sich kraftvoll, dabei ein wenig unter Überdruck zu Wort.

Alexander Joel am Pult des Symfo­nisch Orkest Opera Vlaan­deren setzt auf Lautstärke. Die äußerste Raffi­nesse der Partitur, ihre zeitweilige Bitona­lität, kühnen Harmonien und perma­nenten Taktwechsel, gegen die eine Strausssche Opern­par­titur beinahe ein orches­traler Spaziergang ist, kommt nur wenig zur Geltung. Das ausge­dehnte Vorspiel zum dritten Akt lässt ahnen, weshalb aus Korngold ein erstran­giger Filmkom­ponist werden konnte.

Die Titel­figur ist bei Ausrine Stundyte wirkmächtig aufge­hoben. Stundyte bewahrt ihrer strahl- und durch­schlags­kräf­tigen drama­ti­schen Stimme erheb­liche Anteile von Poesie, so dass auch die lyrischen Passagen der Partie ausge­kostet werden. Ian Storey als der Fremde weiß mit Einsatz, Emphase und Metall für sich einzu­nehmen. Den Herrscher gibt Tómas Tómasson mit rollen­ge­recht eindi­men­sional auftrump­fendem Bariton. Markus Suihkonen leiht dem Pförtner seinen nicht ganz optimal fokus­sierten Bass. Ein bemer­kens­wertes Rollen­porträt liefert Denzil Delaere als Schwert­richter. Sein kerniger Charak­ter­tenor weist über dieses Stimmfach bereits hinaus. Auch die übrigen Partien sind anspre­chend besetzt.

Die Begeis­terung ist einhellig. Den Beifall für Storey und Tómasson durch­setzen zahlreiche Bravorufe. Ausrine Stundyte erhält Bravo­chöre. Für sie trampelt das Publikum auch mit den Füßen.

Das Wunder der Heliane ist sicher kein Werk für das Kernre­per­toire, ein seltener aber gern gesehener Gast auf den Musik­theater-Bühnen dieser Welt sollte die Oper bleiben. Zumal so beein­dru­ckend reali­siert wie an der Opera Vlaanderen.

Michael Kaminski

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