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LOTARIO
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
24. Mai 2017
(Premiere)
Internationale Händel-Festspiele,
Deutsches Theater, Göttingen
Es wäre fast ein Wunder, wenn der umtriebige, fleißige und geschäftstüchtige Georg Friedrich Händel während seines mehr als 40-jährigen Schaffens in London nicht auf die klassische Liebesgeschichte gestoßen wäre, die ihm ausgerechnet ein Engländer mit Romeo und Julia vorgelegt hatte. Diesen Stoff um Liebe, Eifersucht, Macht und Intrigen verarbeitet Händel zu einer Oper, der er den Namen Lotario gibt. Händel, stark unter dem Einfluss seiner Italienreise stehend, eröffnete die Spielzeit 1729 im neuen Londoner Theater mit der Oper Lotario und einem neuen Ensemble. Die Oper findet beim Publikum nur mäßigen Anklang, der ebenfalls in London lebende Dichter und Librettist Paolo Antonio Rolli versteigt sich gar zu der Bemerkung, Händel habe „mit der ganzen Oper einen Bock geschossen“. Der venezolanische Regisseur Carlos Wagner verzichtet in der Göttinger „szenischen“ Fassung weitgehend auf die politisch-wirtschaftlichen Hintergründe, die zum Niedergang der zunächst vorhandenen Royal Academy of Music und der Neugründung einer Second Academy führten und lässt die Geschichte von den Sängern in ihren musikalischen Beiträgen erzählen.
Händel konzentriert sich in Lotario auf die Ränke und Machtgelüste der oberitalienischen Fürsten, die sich mit Intrigen, Heirat, Verrat und Gift Vorteile und Macht zu schaffen versuchen. Dabei können er und sein wahrscheinlicher Librettist Giacomo Rossi auf gut 20 Textvorlagen aus der Vorarbeit des Antonio Salvis mit Adelaide zurückgreifen, ein damals durchaus übliches Verfahren.
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Mit einer heiter-leichtfüßigen Tanzmelodie führt die Ouvertüre in das höfische Leben ein, für das Rifail Ajdarpasic in seinem Bühnenbild einen königlichen Saal in üppigen Goldtönen mit gelegentlichen Rottupfen wählt, die die Unheilswolken über Italien um 950 noch nicht ahnen lassen. Der König sitzt in seinem Thronsessel, mit dem Rücken zum Publikum – und stirbt auch bald, eine Situation, auf die Berengario und Matilde schon warten. Doch es gibt noch andere Interessenten bei Hofe, die Intrigenspiele beginnen und reichen bis zum deutschen König Lotario, der auch als Gatte im Blick ist. Mit ihren ausladend-schwebenden Barockkostümen, mit denen Ariane Isabell Unfried die Figuren ausstattet, benötigen diese die fast leere Bühne für ihre anmutigen Bewegungen und Tanzschritte. Die sich nur wenig verändernde Szene mit den Insignien der Macht an den Wänden setzt Guido Petzold in ein warmes, fast feierliches Licht.

Unter „szenische Darstellung“ versteht Carlos Wagner eine Aufführung, die Händels Musik in den Vordergrund stellt. Die Handlung wird getragen von vier großen Partien und zwei kleineren Figuren. Der trauernden Königswitwe Adelaide gibt Marie Lys mit ausdrucksstarkem Sopran eine elegante, selbst bewusste Frau mit eigenen Plänen. Quasi als Gegenspielerin intrigiert Ursula Hesse von den Steinen als Matilde mit mal hartem herrischem Mezzosopran, mal mit betörend sanften Tönen oder in atemberaubenden Koloraturen. Sophie Rennert, Mezzosopran, zeigt einen eher weichen Lotario, der sich in seinen Gefühlen oft selbst nicht klar und schwer zu fassen ist. Die Tonkaskaden der Koloraturen sind ein besonderes Merkmal dieser Oper, die den Sängern sehr viel abverlangen. Selbst in der Countertenor-Rolle des Idelberto, weich und anlehnungsbedürftig von Jud Perry gespielt, verzichtet Händel nicht auf diese musikalischen Girlanden. Auch Jorge Navarorro Colorado als Berengario zeigt sich als geübter Koloratur-Tenor. Einen durchaus angenehmen Kontrast setzt Todd Boyce als Clodomira mit seinem gefühlvollen Bariton.
Zu ihren durchweg gelungenen Beiträgen liefert das FestspielOrchester Göttingen unter der erfahrenen, oft beiläufigen Leitung von Laurence Cummings eine herrlich lockere, spielerische Grundatmosphäre, die die Lebensfreude des Barock bestens überträgt.
Als in der Schlussszene Lotario das Ende des „Waffenlärms des Mars“ verkündet und nur noch „die Lieder der Tugend“ ertönen sollen, sind die Zuhörer sicher, dass das Gute den Versuchungen des Bösen hinreichend Widerstand geleistet hat und am Ende, ganz operngemäß, „der schöne Frieden“ zurückkehrt. Nach einem ränkereichen, aber musikalisch gefühlvollen und in vielen Arien präsenten harmonischen Abend ist das Anlass genug für den anhaltenden Beifall eines musikalisch hoch zufriedenen Publikums. Mit ihrem britischen Künstlerischen Leiter und Dirigenten Laurence Cummings, dem diesjährigen venezolanischen Regisseur Carlos Wagner und zahlreichen Musikern aus Großbritannien sowie Besuchern aus dem Ausland rechtfertigen die Festspiele ein weiteres Mal ihren Titel „international“.
Horst Dichanz