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Foto © Klaus Lefebvre

Der Masse ausgeliefert

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)

Besuch am
6. Mai 2017
(Premiere)

 

Theater Hagen

Wenn der Regisseur im Programmheft den Inhalt der Oper nach seiner Insze­nierung beschreibt, dann erweckt das den Anschein, als würde der Regisseur seiner eigenen Insze­nierung oder dem Intellekt der Zuschauer nicht trauen. Die beiden Schwestern Beverly und Rebecca Blankenship sowie Drama­turgin Corinna Jarosch hätten da ruhig die Inter­pre­tation der Zuschauer zulassen dürfen. Denn es sind vor allem die sugges­tiven Momente des Abends, die unter die Haut gehen. Dem Regieteam geht es um Aberglaube und Ängste. Sie erzählen eine Gespens­ter­ge­schichte, aber eine, die aus der Gemein­schaft geboren wird. Der Holländer taucht in der Masse des Chores auf, ein Produkt ihrer Fantasie, geschürt durch Sagen. Ein Bestandteil der Holländer-Sage ist, dass die Frau, die ihren Treue­schwur bricht, die ewige Verdammnis ereilt. „Zahllose Oper fielen diesem Fluch durch mich“, klagt der Holländer am Ende der Oper, was Bühnen­bildner Peer Palmowski auf die Idee bringt, den Bilder­rahmen, der das Bühnen­portal umgibt, mit einer umfang­reichen Zählung zu versehen. Das erinnert aller­dings mehr an Don Giovannis Register von Erobe­rungen, als an die verdammten Frauen des Holländers.

Dabei sind die Geister der Vergan­genheit doch weitaus besser einge­bunden. Schon in der Ouvertüre finden Kinder eine Wasser­leiche. Und in Hagen treibt sie wirklich im Wasser, denn Palmowski hat die Bühne in ein schwarzes Becken verwandelt. Verbindet man sonst das Element beim Holländer vor allem mit dem Sturm, ist hier das Wasser ein träges Symbol der Masse, wo jeder schwere Schritt eine Reaktion hervorruft. Die Kostüme, ebenfalls von Palmowski entworfen, sind daher bestimmt von Gummi­stiefeln und von folklo­ris­ti­scher Arbeitsmode. Dazu der Holländer in schwarz, Daland, der Kapitän, in blau, der Jäger Erik in grün. Das Schema funktio­niert. Das Bühnenbild fällt ansonsten sparsam und fokus­siert aus. Die Taue der Seefahrer werden im ersten Akt gespannt, im zweiten Akt von den Frauen gesponnen. Kleine Requi­siten werden in eine insgesamt sehr deutliche Perso­nen­führung einge­bunden, in der die Charaktere und ihre Absichten, aber auch das Verhältnis zur Gemein­schaft klar heraus­ge­ar­beitet werden.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Das perma­nente Spiel im Wasser hinter­lässt einen zwiespäl­tigen Eindruck, bei dem die positive Seite etwas überwiegt. Denn mit Hilfe von Trocken­nebel und der Licht­regie von Hans-Joachim Köster lassen sich unheim­liche Bilder herauf­be­schwören. Statisten tauchen als Geister im Wasser auf. Auch die Sänger tauchen schon mal für einen überra­schenden Auf-oder Abtritt unter, dessen Effekt aber auch sitzplatz­ab­hängig ist. Das dauer­prä­sente Platschen der Sänger ist an manchen Stellen absolut passend, über zweieinhalb Stunden aber auch mal nervig. Und für die Sänger macht das kalte Nass weder das Schau­spielern noch das Singen einfacher. Letzteres wird durch die an den Seiten offene Bühne noch zusätzlich erschwert.

Da sich viel auch im Bühnen­hin­ter­grund abspielt, muss Kapell­meister Mihhail Gerts unter diesen Bedin­gungen stark aufpassen, die Lautstärke des Orchesters anzupassen. Das gelingt am Premie­ren­abend nicht immer. In der Ouvertüre und im ersten Akt ist das Philhar­mo­nische Orchester Hagen noch zu sehr auf Kraft­einsatz getrimmt. Mit dem zweiten Akt kommen dann die Feinheiten dazu, und das Spiel der Musiker gewinnt auch an Präzision, die stürmi­schen Momente werden diffe­ren­zierter und effizi­enter aufgebaut. Da entstehen zusammen mit der Bühnen­at­mo­sphäre schön schaurige Bilder. Die letzte fehlende Sicherheit wird sich in den nächsten Vorstel­lungen einstellen. Ähnlich läuft es auch bei der Chormasse aus Haus und Extrachor, die von Wolfgang Müller-Salow einstu­diert werden. Die Herren kommen im ersten Aufzug zwar schön kräftig, aber auch sehr ungeschliffen daher. Mit den Spinne­rinnen kommt weiblicher Witz und mehr Klang ins Spiel. Im Steuer­mann­schor entlädt sich dann die volle Kraft der Stimmen. Schön derbe wird gesungen, voller Wortwitz und trotzdem noch musika­lisch schön.

Foto © Klaus Lefebvre

Eine Oper wie den Holländer kann Hagen leider nicht völlig aus den eigenen Reihen besetzen, aber immerhin hat das Theater mit Veronika Haller eine eindrucks­volle Senta im Ensemble. Dass sie manchen Ton von unten anschleift, trübt etwas den Gesamt­ein­druck. Aber ihre Stimme mit dem hellen Timbre bleibt in der gesamten Vorstellung frei von Schärfen, sie traut sich in der Ballade viel Ruhe zu, was den emotio­nalen Wert dieses Momentes noch steigert. Und ihren finalen Treue­schwur zum Holländer meißelt sie voller Leiden­schaft und mit einer wunder­schönen Höhe nahezu in Stein. Auch ihr selbst­be­wusstes Spiel als Ausbre­cherin aus dem abergläu­bi­schen Volk lässt keine Wünsche offen. Rainer Zaun, wie immer ein zuver­läs­siger Baustein im Ensemble, setzt beim Daland viel auf die Sprache, bringt die gierige Seite des Vaters, der seiner Tochter sogar schnell den alten Verlo­bungsring abzieht, klar zum Vorschein. Einziger Schwach­punkt im Ensemble ist leider Kejia Xiong, der die Rolle des Steuer­manns gefühlt einen Halbton zu hoch anlegt.

Wenn man sich Gäste dazuholt, müssen sie punkten und das passiert hier auf der ganzen Linie. Da ist einer­seits Rena Kleifeld, die mit einem schönen dunklen Timbre eine inter­es­sante, sehr deutliche Mary singt. Dazu kommen zwei Herren, die in der Publi­kums­gunst ganz oben rangieren. Zu Recht! Mit seinem gelun­genen Rollen­debüt als Erik geht Mirko Rosch­kowski noch einen Schritt weiter in das etwas schwerere Tenorfach. Seine lyrischen Quali­täten hört man aber immer noch: Die Kavantine im dritten Akt ist eine einzige wunderbare Linie mit einem schön einge­bun­denen Spitzenton darin. Ein schöner Kontrast zu seiner szeni­schen Darstellung, wo er durchaus auch die unange­nehmen Seiten des hitzigen Jägers zu zeigen weiß. In seiner voran­ge­gan­genen, inten­siven Traum­er­zählung schimmert sein Tenor durch den unheim­lichen Trocken­nebel hindurch. Ein Höhepunkt des Abends. Ein anderer ist das Innehalten des Holländers. „Wie aus der Ferne längst vergan­gener Zeiten“ klingt bei Joachim Goltz nach einer tief empfun­denen Reflexion, ist dazu noch sehr sauber intoniert und kraftvoll gesteigert. Dieser Holländer ist kein Dämon, der aus helden­ba­ri­to­nalen Tiefen aufsteigt, sondern eine verletzte Gestalt mit heller, lyrischer Tongebung und der dazuge­hö­rigen Portion Power, um sich über das Orchester zu schwingen.

Ein vehement buhender Zuschauer, dessen Unmut der Regie gilt, nutzt den Applaus als Bühne für seine Enttäu­schung. Ansonsten wird diffe­ren­ziert geklatscht und vor allem in einem langen Applaus gelobt, so dass man auf der Bühne viele dankbare und glück­liche Gesichter nach einem anstren­genden Abend sieht. Als kleiner Tipp für die Zuschauer der weiteren Vorstel­lungen: Der Holländer wird ohne Pause und im plätschernden Wasser gespielt. Daher empfiehlt sich der Toilet­ten­besuch vor der Vorstellung, um die anderen Zuschauer nicht zu stören.

Rebecca Hoffmann

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