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Wenn der Regisseur im Programmheft den Inhalt der Oper nach seiner Inszenierung beschreibt, dann erweckt das den Anschein, als würde der Regisseur seiner eigenen Inszenierung oder dem Intellekt der Zuschauer nicht trauen. Die beiden Schwestern Beverly und Rebecca Blankenship sowie Dramaturgin Corinna Jarosch hätten da ruhig die Interpretation der Zuschauer zulassen dürfen. Denn es sind vor allem die suggestiven Momente des Abends, die unter die Haut gehen. Dem Regieteam geht es um Aberglaube und Ängste. Sie erzählen eine Gespenstergeschichte, aber eine, die aus der Gemeinschaft geboren wird. Der Holländer taucht in der Masse des Chores auf, ein Produkt ihrer Fantasie, geschürt durch Sagen. Ein Bestandteil der Holländer-Sage ist, dass die Frau, die ihren Treueschwur bricht, die ewige Verdammnis ereilt. „Zahllose Oper fielen diesem Fluch durch mich“, klagt der Holländer am Ende der Oper, was Bühnenbildner Peer Palmowski auf die Idee bringt, den Bilderrahmen, der das Bühnenportal umgibt, mit einer umfangreichen Zählung zu versehen. Das erinnert allerdings mehr an Don Giovannis Register von Eroberungen, als an die verdammten Frauen des Holländers.
Dabei sind die Geister der Vergangenheit doch weitaus besser eingebunden. Schon in der Ouvertüre finden Kinder eine Wasserleiche. Und in Hagen treibt sie wirklich im Wasser, denn Palmowski hat die Bühne in ein schwarzes Becken verwandelt. Verbindet man sonst das Element beim Holländer vor allem mit dem Sturm, ist hier das Wasser ein träges Symbol der Masse, wo jeder schwere Schritt eine Reaktion hervorruft. Die Kostüme, ebenfalls von Palmowski entworfen, sind daher bestimmt von Gummistiefeln und von folkloristischer Arbeitsmode. Dazu der Holländer in schwarz, Daland, der Kapitän, in blau, der Jäger Erik in grün. Das Schema funktioniert. Das Bühnenbild fällt ansonsten sparsam und fokussiert aus. Die Taue der Seefahrer werden im ersten Akt gespannt, im zweiten Akt von den Frauen gesponnen. Kleine Requisiten werden in eine insgesamt sehr deutliche Personenführung eingebunden, in der die Charaktere und ihre Absichten, aber auch das Verhältnis zur Gemeinschaft klar herausgearbeitet werden.
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Das permanente Spiel im Wasser hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, bei dem die positive Seite etwas überwiegt. Denn mit Hilfe von Trockennebel und der Lichtregie von Hans-Joachim Köster lassen sich unheimliche Bilder heraufbeschwören. Statisten tauchen als Geister im Wasser auf. Auch die Sänger tauchen schon mal für einen überraschenden Auf-oder Abtritt unter, dessen Effekt aber auch sitzplatzabhängig ist. Das dauerpräsente Platschen der Sänger ist an manchen Stellen absolut passend, über zweieinhalb Stunden aber auch mal nervig. Und für die Sänger macht das kalte Nass weder das Schauspielern noch das Singen einfacher. Letzteres wird durch die an den Seiten offene Bühne noch zusätzlich erschwert.
Da sich viel auch im Bühnenhintergrund abspielt, muss Kapellmeister Mihhail Gerts unter diesen Bedingungen stark aufpassen, die Lautstärke des Orchesters anzupassen. Das gelingt am Premierenabend nicht immer. In der Ouvertüre und im ersten Akt ist das Philharmonische Orchester Hagen noch zu sehr auf Krafteinsatz getrimmt. Mit dem zweiten Akt kommen dann die Feinheiten dazu, und das Spiel der Musiker gewinnt auch an Präzision, die stürmischen Momente werden differenzierter und effizienter aufgebaut. Da entstehen zusammen mit der Bühnenatmosphäre schön schaurige Bilder. Die letzte fehlende Sicherheit wird sich in den nächsten Vorstellungen einstellen. Ähnlich läuft es auch bei der Chormasse aus Haus und Extrachor, die von Wolfgang Müller-Salow einstudiert werden. Die Herren kommen im ersten Aufzug zwar schön kräftig, aber auch sehr ungeschliffen daher. Mit den Spinnerinnen kommt weiblicher Witz und mehr Klang ins Spiel. Im Steuermannschor entlädt sich dann die volle Kraft der Stimmen. Schön derbe wird gesungen, voller Wortwitz und trotzdem noch musikalisch schön.

Eine Oper wie den Holländer kann Hagen leider nicht völlig aus den eigenen Reihen besetzen, aber immerhin hat das Theater mit Veronika Haller eine eindrucksvolle Senta im Ensemble. Dass sie manchen Ton von unten anschleift, trübt etwas den Gesamteindruck. Aber ihre Stimme mit dem hellen Timbre bleibt in der gesamten Vorstellung frei von Schärfen, sie traut sich in der Ballade viel Ruhe zu, was den emotionalen Wert dieses Momentes noch steigert. Und ihren finalen Treueschwur zum Holländer meißelt sie voller Leidenschaft und mit einer wunderschönen Höhe nahezu in Stein. Auch ihr selbstbewusstes Spiel als Ausbrecherin aus dem abergläubischen Volk lässt keine Wünsche offen. Rainer Zaun, wie immer ein zuverlässiger Baustein im Ensemble, setzt beim Daland viel auf die Sprache, bringt die gierige Seite des Vaters, der seiner Tochter sogar schnell den alten Verlobungsring abzieht, klar zum Vorschein. Einziger Schwachpunkt im Ensemble ist leider Kejia Xiong, der die Rolle des Steuermanns gefühlt einen Halbton zu hoch anlegt.
Wenn man sich Gäste dazuholt, müssen sie punkten und das passiert hier auf der ganzen Linie. Da ist einerseits Rena Kleifeld, die mit einem schönen dunklen Timbre eine interessante, sehr deutliche Mary singt. Dazu kommen zwei Herren, die in der Publikumsgunst ganz oben rangieren. Zu Recht! Mit seinem gelungenen Rollendebüt als Erik geht Mirko Roschkowski noch einen Schritt weiter in das etwas schwerere Tenorfach. Seine lyrischen Qualitäten hört man aber immer noch: Die Kavantine im dritten Akt ist eine einzige wunderbare Linie mit einem schön eingebundenen Spitzenton darin. Ein schöner Kontrast zu seiner szenischen Darstellung, wo er durchaus auch die unangenehmen Seiten des hitzigen Jägers zu zeigen weiß. In seiner vorangegangenen, intensiven Traumerzählung schimmert sein Tenor durch den unheimlichen Trockennebel hindurch. Ein Höhepunkt des Abends. Ein anderer ist das Innehalten des Holländers. „Wie aus der Ferne längst vergangener Zeiten“ klingt bei Joachim Goltz nach einer tief empfundenen Reflexion, ist dazu noch sehr sauber intoniert und kraftvoll gesteigert. Dieser Holländer ist kein Dämon, der aus heldenbaritonalen Tiefen aufsteigt, sondern eine verletzte Gestalt mit heller, lyrischer Tongebung und der dazugehörigen Portion Power, um sich über das Orchester zu schwingen.
Ein vehement buhender Zuschauer, dessen Unmut der Regie gilt, nutzt den Applaus als Bühne für seine Enttäuschung. Ansonsten wird differenziert geklatscht und vor allem in einem langen Applaus gelobt, so dass man auf der Bühne viele dankbare und glückliche Gesichter nach einem anstrengenden Abend sieht. Als kleiner Tipp für die Zuschauer der weiteren Vorstellungen: Der Holländer wird ohne Pause und im plätschernden Wasser gespielt. Daher empfiehlt sich der Toilettenbesuch vor der Vorstellung, um die anderen Zuschauer nicht zu stören.
Rebecca Hoffmann