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Foto © Klaus Lefebvre

Befriedigung zum Abschied

SATISFACTION
(Cayetano Soto, Ricardo Fernando,
Stephen Delattre)

Besuch am
27. April 2017
(Premiere am 8. April 2017)

 

Theater Hagen

Satis­faction: Ein doppel­deu­tiger, hinter­grün­diger Titel für ein Tanzpro­gramm, wenn „Stones“-Fan Ricardo Fernando das Theater Hagen nach vierzehn Jahren mit gemischten Gefühlen verlässt, dessen einst marode Ballett­szene er mit seiner Frau Carla Silva zu überre­gio­naler Bedeutung führen konnte. Vom Publikum anerkannt, gibt er mit Ende der Saison auf, genervt von dem Gefühl, von der Stadt als lästiger Kosten­faktor geduldet zu werden. Ein Grund, die Freude am Tanz zu verlieren, ist das freilich nicht, wie sein letzter Ballett­abend am Theater Hagen zeigt. Ein dreitei­liges Programm mit hohem Unter­hal­tungswert und einem Ensemble, das mit hochmo­ti­vierten Leistungen zeigt, dass es sich nicht vor den Compa­gnien größerer Häuser an Rhein und Ruhr zu verstecken braucht.

Satis­faction bildet den Abschluss der Trias, eine Hommage an die bekann­testen Hits der Rolling Stones und ein Tummelfeld für die Spiel­freude der Hagener Tänzer, die in dieser halbstün­digen Arbeit wunderbare Chancen erhalten, sich mit dankbaren Ensemble- und Solo-Szenen präsen­tieren zu können. In stili­siert schlichten Kleidchen in Anlehnung an die Mode der 1960-er und 70-er Jahre und der überwiegend dunklen Szenerie bildet sich ein reizvoller Kontrast zu den lebens­starken, inten­siven und teilweise ausge­las­senen Bewegungs­for­ma­tionen. Ein bewegter Bilder­bogen vor alten Telefon­zellen, die für raffi­nierte Auftritte und lebende Bilder genutzt werden. Zugleich eine vitale Abschieds­geste des verdienten Choreo­grafen, der hier vor allem gute Laune versprühen will, weniger innova­tives Problem-Theater.

POINTS OF HONOR

Musik  
Tanz  
Choreo­grafie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Das sei dem gebür­tigen Brasi­lianer auch gegönnt, der mit Cayetano Sotos Choreo­grafie Malas­ombra als Mittelteil des Programms bereits latein­ame­ri­ka­nische Gefilde ansteuert. Zu eindrucks­vollen, teils melan­cho­li­schen, teils ausge­las­senen Songs der exzen­tri­schen, kubani­schen Sängerin La Lupe kleidet der spanische Choreograf das karibische Flair in strengere Bewegungs­formen. Präzise, rhyth­misch scharf, teilweise hart akzen­tuiert, vollführen die weißge­klei­deten Tänzer – die Männer in exoti­schen Röcken, die Frauen teilweise in Hemd, Slip und hohen Stiefeln – Lebens- und Liebes­kämpfe in rituell struk­tu­rierten Abläufen von origi­neller Vielfalt. Der nostal­gische Hauch, der auch Fernandos Satis­faction überzieht, wird hier durch herbst­liches, über die Bühne fegendes Laubwerk intensiviert.

Foto © Klaus Lefebvre

Einen nachdenk­lichen Auftakt liefert Stéphen Delattre mit seiner Choreo­grafie Black Snow. In ungewöhn­licher Klarheit lässt Delattre das Leben eines Drogen­ab­hän­gigen von der Geburt bis zu dessen einsamen Tod ablaufen. Hier läuft nicht nur Miguel Esteves in der Rolle des jungen Mannes zur Hochform auf, wenn er den körper­lichen Verfall und den Verlust der sozialen Bindungen gegenüber der Freundin, der Familie und den Freunden intensiv, aber ohne theatra­lische Pathetik zum Ausdruck bringt. Auch Tal Eitan als Mutter und Eunij Yang als Freundin bieten eindrucks­volle Psycho­gramme hilfloser Menschen, die den Tod des geliebten jungen Mannes nicht aufhalten können.

Peer Palmowski, der für alle drei Stücke exzel­lente Bühnen­bilder schuf, arbeitet in Black Snow mit gläsernen, mobilen Stell­wänden, die sich im Verlauf des Stücks als Trenn­wände entpuppen und sich am Ende zu einer kleinen, für die Außenwelt undurch­dring­lichen Zelle zusam­men­schieben, in die nur noch dem Tod Zutritt gewährt wird. Ob der „Koks“ so reichlich vom Himmel schneien muss wie hier, darüber lässt sich streiten. Am hohen Niveau der trotz aller Eindring­lichkeit taktvollen und sensiblen Umsetzung des Themas gibt es jedoch keinen Zweifel. Davidson Jaconello steuert eine neutrale, minima­lis­tisch gefärbte Klang­ku­lisse bei.

Begeis­terter Beifall für alle Betei­ligten. Beifall, der Ricardo Fernando gewiss das Gefühl einer gewissen „Satis­faction“ gibt, aller­dings keiner ungetrübten. Da auch Intendant Norbert Hilchenbach, General­mu­sik­di­rektor Florian Ludwig und der Leiter des Kinder- und Jugend­theaters das Haus Ende der Saison verlassen werden, müssen alle Führungs­po­si­tionen des Theaters neu besetzt werden. Sie alle haben sich den einschnü­renden finan­zi­ellen Vorgaben der Stadt über Jahre gestellt und unter schlechten Voraus­set­zungen erstaunlich gute Arbeit geleistet. Keine leichte Hypothek für die neuen Leitungs­kräfte, auch nicht für den neuen Ballettchef Alfonso Palencia.

Pedro Obiera

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