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Kristine Larissa Funkhauser als Isa und Andrew Finden als Maik - Foto © Klaus Lefebvre

Nachdenklicher Hauch von Glück und Abenteuer

TSCHICK
(Ludger Vollmer)

Besuch am
26. April 2017
(Premiere am 24. März 2017)

 

Theater Hagen

Munter geht es zu im Hagener Theater, wenn Ludger Vollmers neueste Oper erfreulich viele junge Besucher anzieht. Mit Tschick ist dem Kompo­nisten nach den Erfolgen von Gegen die Wand und Lola rennt erneut eine geschickte Vertonung eines auch bei jungen Leuten beliebten Stoffs gelungen. Der Roman Tschick des 2013 verstor­benen Schrift­stellers, Malers und Illus­trators Wolfgang Herrndorf ist zwar ebenso wenig wie das entfernte Vorbild, Mark Twains Geschichten um Huckle­berry Finn und Tom Sawyer, als reines Jugendbuch gedacht, doch trifft er mit seiner Thematik und seiner bildhaften Sprache den Nerv der Teenager. Und seine Bühnen­tauglickkeit hat der Roman bereits in ebenfalls erfolg­reichen Versionen als Theater­stück und Filmvorlage unter Beweis stellen können.

Einen schla­genden Beleg für die Eignung als Opern­stoff muss das freilich nicht bedeuten, schließlich haben sich selbst an so grandiosen Drama­tikern wie Kleist oder Tschechow auch renom­mierte Kompo­nisten wie Henze, Kelterborn oder Eötvös mit mäßigem künst­le­ri­schem Erfolg die Zähne ausgebissen.

Ludger Vollmer bleibt bei Tschick seiner Methode des Stilmixes treu und fährt gut damit. Für die 29 kurzen Szenen findet er pointierte Lösungen, die die Atmosphäre des Milieus oder die Stimmung der Figuren recht treff­sicher ausdrücken. Dafür arbeitet er mit raffi­nierten Klang­mischungen, wenn es um bedroh­liche oder weltent­rückte Hinter­grund­klänge geht und mit Anleihen an Rock, Jazz und Hip-Hop, wenn ganz tief in die Welt der jungen Leute einge­taucht wird.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Die Handlung in Kürze: Tschick, Spross russi­scher, auf der unteren sozialen Sprosse angesie­delter Einwan­derer, trifft auf Maik, den Sohn aus reichem, aber nicht weniger entwur­zeltem Elternhaus. Die Mutter ist alkohol­ab­hängig, der Vater beschäftigt sich ausschließlich mit seinen Immobi­li­en­ge­schäften und seiner adretten Freundin. Beide Jungen gelten als Außen­seiter und beschließen, mit einem gestoh­lenen Auto auszu­brechen und in die „Walachei“ auszu­wandern. Es beginnt eine Odyssee drama­ti­scher, komischer und anrüh­render Abenteuer. Wegen diverser Vergehen kommt es schließlich zur Gerichts­ver­handlung. Tschick muss ins Heim, Maik einen sozialen Dienst ableisten. Das Ende bleibt offen und wird durch ein bizarres Bild in der Schwebe gehalten. Die alkohol­süchtige Mutter Maiks wirft ihren Luxus­schrott in den Swimming-Pool, Maik springt dazu und denkt unter Wasser an die gemeinsame Zeit mit Tschick zurück.

Die Oper, struk­tu­riert als Statio­nen­drama, angesiedelt mit vielen prall charak­te­ri­sierten Figuren, bietet dem in Sachen Vollmer versierten Regisseur Roman Hoven­bitzer ausrei­chend Gelegenheit, für Abwechslung auf der Bühne zu sorgen. Angesichts der vokalen Anfor­de­rungen sind die beiden Haupt­fi­guren zwar älter besetzt als im Roman vorge­sehen, können aber immer noch genügend jugend­lichen Elan für die verrückten Ideen und Abenteuer versprühen. Auf Verschlüs­se­lungen oder abgehobene Überin­ter­pre­ta­tionen verzichtet der Regisseur und erzählt die Geschichte recht brav, aber fanta­sievoll am Libretto von Tina Hartmann entlang. Die grotesken Verhält­nisse in Maiks Familie werden ebenso deutlich gezeichnet wie die Feind­schaft der „normalen“ Gesell­schaft gegenüber den Outlaws. Dafür tritt der Chor meist mit anonymen Masken in Erscheinung. Auch die vielen Neben­fi­guren erhalten Profil und Genre-Szenen wie die Schüler-Fete mit fetzigen Tanzrhythmen genügend Schwung. Gelegentlich öffnet sich die Bühne zu visio­nären Ausblicken, bei denen die reich verwendete Bühnen­technik das Sagen hat.

Foto © Klaus Lefebvre

Bühnen­bildner Jan Bammes begnügt sich mit wenigen Versatz­stücken und illus­triert die vielen Szenen­wechsel durch skizzen­hafte Rollbilder, in denen teilweise mit effekt­vollen Schat­ten­rissen gearbeitet wird. Eindrucksvoll gelingt die Illusion der Unter­was­serwelt, in der am Ende die Figuren wie orien­tie­rungslose Fische zappeln. In diesem Kontext verdient auch Licht-Designer Ulrich Schneider ein beson­deres Kompliment.

Dass sich General­mu­sik­di­rektor Florian Ludwig persönlich des Stücks annimmt, spricht für die Bedeutung, die das Theater Hagen dem Jugend­theater beimisst. Dass der verstärkte Chor des Theaters und das Philhar­mo­nische Orchester der Stadt ebenso viel Engagement hören und erkennen lassen, trägt wesentlich zum Erfolg der Produktion bei.

Gesanglich wird freilich auf recht beschei­dener Flamme gekocht. Karl Huml als Tschick und Andrew Finden als Maik bieten solide Leistungen wie die Sänger der meisten kleineren Rollen. Dazu gehört Kristine Larissa Funkhauser in der für sie etwas unglücklich hoch gelegenen Partie der Isa. Positiv stechen Rainer Zaun als Maiks Vater und Heikki Kilpel­äinen in gleich drei Rollen mit seinem auch in den Tiefen kernge­sunden Bariton hervor.

Das junge Publikum reagiert äußerst lebhaft auf die turbu­lente Vorstellung, die an sprach­licher Drastik keine Wünsche offen­lässt und auch szenisch für manchen Knaller sorgt, wenn die attraktive Isa ihren Busen blank­zieht. Mit anderen Worten: Auch, wenn sich die Produktion jedem Mainstream entzieht, hat sie ihre Wirkung auf das Publikum nicht verfehlt. Und das ist nicht wenig.

Pedro Obiera

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