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Foto © Stiftung Creative Kirche

Luther rockt das Stadion

POP-ORATORIUM LUTHER
(Dieter Falk)

Besuch am
11. März 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Gerry-Weber-Stadion, Halle/​Westfalen

Luther – Wer ist Martin Luther? Wie ein Leitmotiv skandieren, singen oder rufen Solisten, das gesamte Ensemble auf der Bühne oder die gut 1600 Sänge­rinnen und Sänger auf den Rängen diese Frage – immer wieder. Und sie erhalten genau so viel Antworten, wie sie Fragen stellen. Für seinen Sohn ist Luther der gefürchtete und fraglos respek­tierte Tyrann der Familie Luther, dem man besser nicht in die Quere kommt. Für seine Ordens­brüder ist Luther ein ungehor­samer, größen­wahn­sinnig gewor­dener Mönch, für den Abt ein abtrün­niges, schleu­nigst wieder einzu­fan­gendes, verirrtes Schäfchen, für den Fürsten ein nützliches Instrument in den politi­schen Querelen mit den Bischöfen, für den Kaiser ein willkom­mener Kritiker des Papstes und des gesamten Systems Kirche … Nein, dieser Martin Luther ist nicht nur ein tiefsinnig christ­licher Mönch, ein liebender Vater oder Ehemann, ein politi­scher Rebell und Umstürzler oder gar Religi­ons­kämpfer – und doch ist er von allem etwas. Die Folgen seiner persön­lichen und kirchen­po­li­ti­schen Aktionen sind bis heute zu finden, sie sind unübersehbar.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Publikum  
Chat-Faktor  

Eine solch vielseitige, schil­lernde, wider­sprüch­liche Figur der Geschichte wartet geradezu auf eine drama­tische Verar­beitung, auf ihre Bühnen­dar­stellung. Aber ausge­rechnet als Musical, das sich Pop-Oratorium nennt? In der Form des Orato­riums der Aufgabe enthoben, Entwick­lungen, Gedanken und Gefühle wie in einer Oper bildlich darstellen zu müssen, greift Komponist Dieter Falk musika­lisch in die Vollen. Falk und sein Librettist Michael Kunze sind gut beraten, einen kurzen Ausschnitt aus der bunten Biographie des Refor­mators zu wählen. In zwanzig musika­lisch angedeu­teten Szenen konzen­trieren sie sich – quasi symbo­lisch – auf die drei Tage vor dem Auftritt Luthers auf dem Reichstag zu Worms 1521, auf dem er seine Kirchen- und Papst- Kritik wider­rufen soll. In kurzen Rückblenden werden histo­rische Fakten angedeutet, Luthers innerer Kampf geschildert und politisch-kirch­liche Ereig­nisse gestreift – genug, um den Kontext herzu­stellen. Dazwi­schen immer wieder emotionale bis rührselige Inter­pre­ta­tionen des religiösen Kampfes Luthers, von Frank Winkels als Luther glaubhaft und stimm­stark in heller Baritonlage auf die Bühne gebracht. Als Gegen­spieler überzeugen Andreas Wolfram in der Rolle des Faber und Stefan Poslovski als Ablass­pre­diger, heraus­ragend in der Rolle der Lara, singt Sophie Berner ergreifend authen­tisch. Eine Beson­derheit dieses Orato­riums sind zweifellos die zahlreichen Chöre, die aus Ost-Westfalen und Nieder­sachsen zusam­men­ge­rufen wurden zu diesem Mega-Chor mit etwa 1600 Sängern, die ganz ohne Mühe das gewaltige Gerry-Weber-Stadion musika­lisch und optisch füllen.

Foto © Stiftung Creative Kirche

Das seit 1985 bestehende Junge Orchester NRW zeigt sich bei den Popklängen in seinem Element und reicht seinen flotten Sound mehrfach direkt in die Zuschau­er­arena weiter.  Christoph Spengler als Haupt­di­rigent und Matthias Nagel und Hartmut Naumann als zwei Chordi­ri­genten überra­schen und überzeugen mit präzisem, synchronem Dirigat und einer guten Abstimmung zwischen Orchester und den Chören. Warum dabei die Lautstär­ke­regler bis zum Anschlag aufge­dreht sein müssen, ist unver­ständlich. Mehr als einmal verliert dabei die Musik ihren Klang und wird zum Lärm. Erfreulich, dass Falk auch Luther-Choräle in das Musik­pro­gramm eingebaut hat und variiert. So überra­schen die vielfäl­tigen und bunten Varia­tionen zu Nun freut euch, liebe Chris­tengmein…, und die Bearbeitung des Luther-Hits Ein feste Burg … bringt die Halle zu fröhlichem Klatschen und Swingen.

Mehr als einmal gelingt es Spengler und den Chören, eine emotional aufge­ladene Stimmung zu erzeugen, die durchaus an Kirchen­tags­emo­tionen erinnert. Wenn dann in einer Bekenntnis-Passage die Chöre immer wieder mit einem empha­ti­schen „Amen“ die Songs akustisch unter­streichen, läuft manchem ein leichtes Frösteln über die Haut – einigen vor Ergrif­fenheit, anderen, weil ihnen die Nähe zu einem Erweckungs­event zu eng wird.

Eine weitere Beson­derheit dieser Show sind die Projek­tionen, die Michael Grundner mit raffi­nierter Laser­technik auf eine trans­pa­rente Projek­ti­ons­fläche zaubert.

Eine Großver­an­staltung wie das Luther-Oratorium, das die Stiftung Creative Kirche das „größte Musik­event zum Luther-Jahr in Westfalen“ nennt, folgt anderen Maßstäben als ein Kammer­spiel zu Martin Luther oder ein Lieder­abend. Ob es die durch­gängige elektro­nische Verstärkung aller Stimmen ist, die Licht- und Schein­wer­fer­bat­terien und Licht­orgeln oder der unver­meid­liche, obwohl oft überflüssige Bühnen­nebel – Großver­an­stal­tungen dieser Art folgen eigenen Gesetzen, anderen, als viele Besucher sie vom Musik­theater oder von Konzert­be­suchen gewohnt sind. Doch dieses Spektakel erreicht seine Zuhörer, die stehend die Zugaben mitklat­schen, zum Teil fröhlich mitsingen, letztlich keine Eile haben, die Halle zu verlassen. Ob Dieter Falk das meinte, als er im Vorge­spräch von der Notwen­digkeit sprach, neue Impulse und Formen für die Kirchen­musik, für eine Kirchen­kultur zu finden? „Luther hat gerockt.“ Ob Luther das meinte, als er verlangte, „dem Volk aufs Maul“ zu schauen? Zweifelhaft, ob den begeis­terten Zuhörern, die sich durch ein gelun­genes Pop-Konzert bestens unter­halten fühlen, bewusst bleibt, einen Abend über Martin Luther erlebt zu haben und mit zentralen religiösen Fragen konfron­tiert worden zu sein.

Horst Dichanz

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