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DIDO UND AENEAS/
RIDERS TO THE SEA
(Henry Purcell, Ralph Vaughan Williams)
Besuch am
28. Mai 2017
(Premiere)
Hochschule für Musik und Theater Hamburg,
Junges Forum Musik und Theater, Gaußstraße
Zwei englische Komponisten zu Gast bei der Großen Sommeroper der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg: es gibt zum einen eine neue Produktion von Henry Purcells Dido and Aeneas aus dem Jahre 1689 sowie den wenig bekannten Einakter von Ralph Vaughn Williams Riders to the Sea aus dem Jahre 1937. Zwei inzwischen bereits längere Zeit renommierte Regisseure der Hamburger Hochschule, noch aus der Klasse von Götz Friedrich, führen Regie: Philipp Himmelmann bei Purcell und Thilo Reinhardt bei Williams.
Beide Werke sind tiefe Auslotungen der Trauer und des Abschieds, letztendlich Begegnungen mit dem Tod. Sie sind insoweit auch besondere Herausforderungen an junge Darsteller, die bei aller Jugend erst einmal überzeugend eine Aura der Stille und des Abschieds auf die Bühne bringen müssen.
Das für beide Werke einheitliche Bühnenbild und die Videoprojektionen stammen von David Hohmann. Es ist im Wesentlichen durch einen nach hinten offenen, quasi wie zu einem ewigen Zeittunnel geformten Gazevorhang geprägt. Alle Protagonisten umkreisen ihn, kriechen unter ihm hindurch oder sind wie in einem unausweichlichen Schicksalskanal darin gefangen. Projektionen und wenige weitere Utensilien deuten im zweiten Teil verloren gegangene Schwimmwesten, wie mit Seetang übersäte Uferstrukturen oder im ersten Teil das durch Videoprojektion simulierte All an, in denen Dido sich wie eine frühe Isolde im imaginären Sternenhimmel zu verlieren scheint. Eine mit wenigen Mitteln eindrucksvolle Raumgestaltung, die recht überraschend zu beiden Sujets stimmungsvoll passt.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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In beiden Teilen ist jeweils links außen dieses Kanals entlang das Orchester, die Hamburger Symphoniker, platziert. Bei Purcell zudem rechts außen der Schicksalssäule das Continuo.
Dennis Peschke zeichnet für die Kostüme verantwortlich. Er kleidet Dido in eine Art weißen, weit, doch klar geschnittenen Hosenanzug, der die nicht kleine Statur der Sängerin noch weiter vergrößert und zum optischen Zentrum der Aufführung macht. Wenig überzeugend wirkt ein im Zentrum der Bühne positionierter Stuhl wie ein Hochsitz, ein wenig an den Behandlungsraum beim Zahnarzt erinnernd, den Dido gelegentlich einnehmen muss.
Dido ist Freja Sandkamm. Sie vermag in außerordentlicher Form in Stimmführung und ‑gestaltung die durch Enttäuschung und Verlust reifende, verlassene Frau zu personifizieren, die in aller Gefasstheit ihr Schicksal annimmt. Die innere Überzeugung und Größe des Charakters kommt durch einen in äußerlich großer Ruhe gestalteten Vortrag zur Geltung. Es ist eine eindrucksvolle Leistung, all die nach innen gerichteten Facetten in Gesang und Darstellung so konzentriert zum Vortrag zu bringen.
Der Aeneas von Andreas Heinemeyer ist zu Beginn der Handlung oft im Dunkel und im Hintergrund positioniert. Sein schwarzes Kostüm und die zurückhaltende, zärtlich und manchmal fast ängstlich erscheinende Annährung an die hohe Frau stehen im Kontrast zu seinem schönen und bestimmten Gesangsvortrag. Auch Aeneas ist von einer hohen Idee erfüllt, die er schicksalhaft zu erfüllen hat. Und auch Heinemeyer vollbringt die Kunst einer intensiven und ruhigen Darstellung durch innere Bestimmung. Jugend und die gewachsene, feste Überzeugung für eine Idee oder Bestimmung sind bei ihm kein Widerspruch.
Pia Hansen als Belinda und first witch, Judith Österreicher als second woman/whitch, sowie Jingyi Yan als sorceress und Ascelina Klee als spirit runden die Aufführung des Purcellschen Werkes in jeder Hinsicht überzeugend ab.
Auch in der düsteren und ausweglosen Handlung der Riders kann und will sich der Bruder Barthley seiner Bestimmung der Meerfahrt nicht entziehen, obwohl die Mutter Maurya bereits vier Söhne, ihren Mann und Schwiegervater an die See verloren hat.

Die Regie liegt in diesem Teil des Abends bei Thilo Reinhardt, ebenfalls einem ehemaligen Schüler der Hamburger Hochschule bei Götz Friedrich, auch sie fokussiert auf die innere Haltung der Protagonisten, die der Gewissheit einer Vorbestimmung bedingungslos und gegebenenfalls in den Tod folgen zu müssen.
Die Kostüme verantworten hier Noemi Lara Streber und Berit Schubart. Sie finden für die Umsetzung der in armen Verhältnissen lebenden Familie wesentlich konkretere, gewissermaßen weltlichere Formen.
Die Bühne ist mit kurzen Stoffbahnen, die Algen oder andere angeschwemmte Elemente andeuten mögen, sowie mehreren Schwimmwesten ausgestattet, die in der Vorstellungswelt der Zuschauer unweigerlich an Bilder zur aktuellen Flüchtlingsproblematik gemahnen.
Auch hier sind die Hauptpartien mit Andreas Heinemeyer und Freja Sandkamm in den Rollen der Abschied nehmenden Geschwister besetzt. In stilistisch großer Wandlungsfähigkeit meistern beide Protagonisten auch in diesem Teil des Abends ihre Rollen stimmlich und darstellerisch außerordentlich überzeugend. Erstaunlicherweise können sie sich trotz der Werke aus ganz unterschiedlichen Epochen auf dieselben Stärken ihrer Darstellungskunst stützen.
Eine ebenso innerlich hingegebene, intensive und berührende Leistung bietet Iva Krusi als Mutter. Die Schwester Nora von Sophie Reuter ergänzt das kleine Ensemble gesanglich und darstellerisch in ergreifender Weise.
Die Hamburger Symphoniker unter der engagierten Leitung von Willem Wentzel vermögen die Werke aus ganz unterschiedlichen Epochen – und bei Williams Riders für das nicht kleine Orchester auf engem Raum – überzeugend, engagiert und stilistisch werkgerecht zum Klingen zu bringen.
Bemerkenswert erscheint allerdings die Werkauswahl und Kombination dieses Abends in verschiedener Hinsicht. Natürlich ist es interessant zu sehen, wie bestimmte menschliche Thematiken im Verlauf von fast 250 Jahren unterschiedlich, doch im Kern verwandt erlebt, durchlitten und künstlerisch verarbeitet werden. Auf der anderen Seite provozieren die verinnerlichte Kontemplation und die schicksalsergebene Haltung der Werke gerade über die Realisation durch ein ganz junges Sängerensemble eine Irritation: bräuchten wir nicht gerade die Jugend als Hoffnungsträger, um die Verhältnisse unhaltbar zu finden und gegen sie vorzugehen?
Das Publikum des trotz perfekten Sommerwetters voll besetzten Ausweichquartiers der Hochschule an der Gaußstraße verfolgt die Vorstellungen mit Spannung und großer Aufmerksamkeit. Längere Stille nach den Werkschlüssen spricht dafür, dass die Zuhörer von Inhalt und Stimmung der Werke eingenommen wurden. Danach dankbarer und langanhaltender Beifall für alle Mitwirkenden, Bravorufe für die Sänger der Hauptpartien, bevor es zurück in den milden Sommerabend geht.
Achim Dombrowski