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Foto © Daniel Dittus

Chorgewalt meistert Gegenwartsmusik

ORCHESTER ZU GAST
(Luciano Berio, György Ligeti, Claude Vivier)

Besuch am
29. Mai 2017
(Einma­liges Gastspiel)

 

Elbphil­har­monie Hamburg

Zurzeit erscheint der Name von Teodor Currentzis auf allen Plakaten und Programmen der führenden Festspiele, Konzertsäle und Opern­häuser. Seit er mit seinem Da-Ponte-Zyklus in Perm im fernen Sibirien die klassische Musikwelt zu recht begeistert hat, ist er ein viel gefragter Dirigent und Interpret eines sehr breit angelegten Programmes. In Salzburg darf es nochmals Mozart sein, La Clemenza di Tito, in Zürich Verdi mit Macbeth und so wird es in der Karriere des Ausnah­me­künstlers weiter­gehen. Mit seinem vergeis­tigten Erscheinen, seinem stetig zum Lächeln geöff­neten Mund und seinem ruhigen, zurück­hal­tenden Auftreten wirkt er ewig jugendlich in seine Welt abgehoben, ausge­glichen und sicher. Aber die Ausein­an­der­setzung mit dem musika­li­schen Werk sitzt tief in ihm, jede Note der Partitur ist ihm klar vor Augen, und wie er das Orchester spielen lassen will, weiß er auch und zeigt es den Musikern an. Für diesen Abend haben er und seine Mitwir­kenden, sein von ihm gegrün­deter und musika­lisch weiter­ent­wi­ckelter Chor Musica Eterna, das Mahler Chamber Orchestra und die Solistin Sophia Burgos ein außer­or­dentlich anspruchs­volles, farbiges Programm von ausnahmslos zeitge­nös­si­scher Musik ausgewählt.

POINTS OF HONOR

Musik   
Gesang  
Publikum   
Chat-Faktor  

Die Elbphil­har­monie scheint derzeit im Mittel­punkt der Klassik-Konzerte zu stehen, die Karten sind heißbe­gehrt, und so ist auch ein so außer­ge­wöhn­liches Konzert ausver­kauft. Dunkel ist es im Saale, die Sessel des Orchesters sind leer, trotzdem startet Trommel­wirbel, und Bläser setzen zur Fanfare an. Luciano Berio hat sein Werk Call oder die St. Louis Fanfare immer wieder überar­beitet. Der Italiener ist in der klassi­schen Musik­ge­schichte verhaftet, testet aber Grenzen in seinen Kompo­si­tionen. Insbe­sondere das Hauptwerk des Abends, sein Coro, wirft sich mit einer Klang­vielfalt und wuchtigen Ausein­an­der­setzung von Harmonik und Rhythmik wahrlich auf den Zuhörer. Jede einzelne Chorstimme tritt in Wettstreit oder Gleich­klang zu einem musika­li­schen Instrument. Eine unglaub­liche Heraus­for­derung für die Sänger, die einzelnen Töne sicher zu treffen und eine elegante Intonation zu halten.

Sophia Burgos und Teodor Currentzis – Foto © Daniel Dittus

Aber darauf scheinen die Sänger und Sänge­rinnen von ihrem „Meister“ Teodor Currentzis trainiert zu werden. Schon beim Werk Lux Aeterna von György Ligeti vor der Pause begeistern die Sänger mit ihrem Können. Halbton­schritte mit auffällig angelegten Disso­nanzen, die sich in Steige­rungen zu harmo­ni­schen Auflö­sungen entwi­ckeln, meistern jeder einzelne Sänger und Sängerin zumeist im Solo mit Bravour in voller Konzen­tration. Ein ungeahntes Gefüge von Tonfolgen eröffnet sich dem Zuhörer. Die nach wie vor umstrittene Akustik der Elbphil­har­monie trägt diesen Vielklang trans­parent und klar, ohne die Töne zu umhüllen. Präzision ist erfor­derlich, denn sie verzeiht keine Fehler.

Barbara Hannigan sagt ihre Mitwirkung in diesem Konzert wegen einer unvor­her­ge­se­henen Termin­kol­lision ab. Sophia Burgos übernimmt kurzfristig den Part in Lonely Child, den sie bereits in München inter­pre­tiert hat. Sie zeigt in dem Werk von Claude Vivier einen langen Gesang der Einsamkeit. Eine teilweise erfundene Sprache mit Urlauten sind Teile seiner einzig­ar­tigen Musik­sprache. Sehr tradi­tionell und klassisch im Anschluss der tosende Applaus des Publikums. Eine Zugabe des Chores als Dank schließt das Programm und unter­mauert das musika­lische, aber auch das erzie­he­rische Talent von Currentzis. Sicherlich wird man von ihm noch einiges an spannenden Werkdeu­tungen und Auffüh­rungen erwarten können.

Helmut Pitsch

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