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Nachdem die letzte Otello-Produktion an der Staatsoper Hamburg 1975 noch vom seligen August Everding herausgebracht worden war und tapfer bis ins Jahr 2013 gespielt wurde, hat sich Intendant George Delnon entschlossen, eine Inszenierung aus seiner vorangegangenen Wirkungsstätte Basel nach Hamburg zu übernehmen: die Sichtweise von Calixto Bieto, die dieser vor rund zwei Jahren in der Schweiz realisiert hat.
Es ist eine düstere Umsetzung ohne menschliche Hoffnung und Perspektive. Die Szene im Bühnenbild von Susanne Gschwendner mit den Kostümen von Ingo Krügler und der Lichtgestaltung von Michael Bauer zeigt einen schwarzen Raum mit lediglich einem gewaltigen, industrie-gelben Kran als Einheitsobjekt in der Mitte. Auf diesem Kran wird gehofft, gesungen, auf ihm wird gestorben und auch mal ein zum Tode verurteilter Delinquent erhängt.
Eine konzise, schnörkellose, auch in der Personenführung schonungslose und teilweise statische Inszenierung. Menschliches Handeln und Empfinden ergibt sich ganz durch den Dienst an der kolonialen Aufgabe von Unterdrückung und Handel mit anderen Menschen und Völkern. Stacheldraht hält die besiegten Völker in Schach. Der Umgang in den Feierszenen nach der erfolgreichen Landung Otellos beschränkt sich auf aggressive Verhaltensszenen mit Sektduschen und Drohgebärden der Sieger gegen die Besiegten.
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Einzig Desdemonas Weidenarie und Ave Maria werden verinnerlicht gespielt und gesungen, als ob es in der menschlichen Psyche doch den letzten einen Funken Zuneigung, Trauer, Mitgefühl und Verlustangst gäbe, der trotz des entmenschten Umfeld nicht erloschen ist.
Eine Interpretation ganz aus dem Geist von Jagos Credo, das sich Verdi vom Textdichter Boito im Zentrum des Stücks gewünscht hat, und in welchem er die stilistische Weiterentwicklung seiner musikalischen Mittel nach der der Aida folgenden 16-jährigen Pause am weitesten vorantreibt. Noch nie jedoch hat man eine solch fokussierte, reduzierte und ökonomisch konzentrierte szenische Umsetzung dazu gesehen. Bieito – so scheint es – übertrifft Verdi geradezu in den Mitteln der Reduktion und Konzentration. So wie Verdi die Musik fokussiert und destilliert, führt Bieito die szenische Umsetzung in einer erschütternden Engführung der Mittel mit großer Wirkung in ein nachtschwarzes Konzept ohne menschliche Hoffnung und Perspektiven.

Der relativ kurzfristig eingesprungene Marco Berti als Otello wird der Partie eindrucksvoll gerecht. Strahlende Höhe, Stimmkraft und langer Atem zeichen seine überlegene Gesangskunst aus.
Die Desdemona der Svetlana Aksenova besticht durch eine unverbrauchte Stimme und Gestaltung abseits engelhafter Abziehbilder, wie sie in dieser Rolle so gerne von stimmakrobatischen Soprandarstellerinnen angestrebt werden. Wir erleben eine junge Frau, deren einsames Leiden und Sehnen glaubhaft zur Geltung kommt. Ihr verinnerlichtes Spiel im vierten Akt rundet die Rollengestaltung eindrucksvoll ab.
Auch der Jago von Claudio Sgura vermeidet stimmlich und darstellerisch jedwede klassisch opernhafte Schurkengestaltung. Die Stimmführung ist äußerst diszipliniert und geht jeder Forcierung aus dem Wege.
Die kleineren Partien sind mit Nadezhda Karyazina als Emilia, Markus Nykänen als Cassio, Peter Gaillard als Roderigo und Alexander Roslavets durchweg hervorragend besetzt.
Den Sängern kommt das Dirigat Paolo Carignanis sehr entgegen. Rhythmisch präzise, ohne überzogene akustische Knalleffekte zur vermeintlichen Wirkungssteigerung, ohne unangemessene Temporückungen zum Beispiel zu den Aktschlüssen. Carignani weiß mit einfühlsamer und klarer Zeichengebung eine präzise Balance zwischen Bühne und Graben auch im intrikaten Ensemble des dritten Aktes zu gewährleisten.
Darin überzeugt auch der Chor unter der bewährten Leitung von Eberhard Friedrich stimmlich hervorragend trotz der szenisch zurückgenommenen Positionierung und Bewegungsdynamik.
Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg glänzt, als ob es seit je nichts lieber und besser spielt als den späten Verdi. Carignani vermag in dieser Produktion eine Klangkultur, nicht zuletzt auch in den Solopartien über alle Instrumentengruppen hinweg zu entfachen, die man an diesem Hause in den letzten Jahren bei Verdi nicht oft gehört hat. Es könnte der nachhaltigen Ausprägung eines überragenden Spiels im italienischen Fach gar nicht schaden, wenn man mit einigen wenigen festen Dirigenten die Opern dieser Epoche weiter ausprägt und kultiviert. Carignani sollte ganz sicher dazugehören.
Das Publikum feiert alle Sänger, Chor und Orchester mit langem Applaus und vielen Bravi. Buhrufe und Missfallen beim Regieteam, insbesondere für Calixto Bieito. Man mag die Düsternis der szenischen Umsetzung nicht annehmen wollen. Man mag auch die humane Perspektivlosigkeit des Konzeptes vor dem Hintergrund eines anderen Shakespeare- und Verdi-Bildes letzten Endes nicht teilen. Es bleibt aber doch erstaunlich, dass in einem Haus mit großer Tradition im modernen Musiktheater ein so stimmiges und geschlossenes Konzept auch heute noch auf solch vehemente Ablehnung stößt. Delnon hat ganz Recht getan, die Produktion nach Hamburg zu holen – wie schön, dass man das hiesige Publikum damit noch immer herausfordern kann.
Achim Dombrowski