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Rabenschwarzes Juwel

DER JUNGE LORD
(Hans Werner Henze)

Besuch am
2. September 2017
(Premiere)

 

Staatsoper Hannover

Nicht selten fordert gerade das Courage, was doch selbst­ver­ständlich sein sollte.  Mut beweist die Staatsoper Hannover, indem sie Henzes komische Oper aus dem Jahr 1965 als Eröff­nungs­pre­miere der neuen Spielzeit heraus­bringt.  Denn trotz des Berliner Urauf­füh­rungs­er­folgs hängt dem Jungen Lord noch immer nach, dass die raben­schwarze Komödie um den zum Salon­helden dressierten Affen von den Vertretern der musika­li­schen Avant­garde als Verrat betrachtet wurde, während das Publikum den Kompo­nisten mit eben jenen Neutönern in Zusam­menhang brachte, deren Abscheu er erregte. Henzes und der Bachmann Werk operiert also just dort, wo große Kunst oft hingehört, zwischen den Fronten.  Desto anerken­nens­werter ist, wie engagiert die Staatsoper Hannover zum wieder­holten Mal auf die Musik­dra­matik des zwischen Verlassen und Rückkehr zur Tonalität elegant changie­renden Kompo­nisten baut. Denn schon die vergangene Spielzeit punktete mit Die englische Katze.

Bernd Mottl positio­niert Chor und Solisten meist frontal oder im Profil zum Publikum. Trotz Staffelung und Gruppie­rungen wirken solis­tische wie Massen­szenen daher zweidi­men­sional wie aus einem bieder­mei­er­lichen Papier­theater heraus­ge­schnitten. Die restau­rativ geson­nenen Honora­tioren von Hülsdorf-Gotha bewegen sich als substanzlose Popanze über die Szene. Jedes dressierte Vieh, vor dem mit Kratz­füßen zu scharren ökono­mische und Presti­ge­vor­teile verspricht, kommt ihnen gerade recht.  Die exotische Entourage um Sir Edgar mag um einiges leben­diger wirken, angesichts ihres Chefs, der die Peitsche schwingt, um die Kreatur zum Menschen abzurichten. Es wird aber rasch deutlich, dass britische Exzentrik und koloniales Personal die brutale Kehrseite der verbies­terten Bieder­mei­erwelt abgeben. Indem er den Spuk in Schabernack verwandelt und ihn dem Amüsement des Publikums ausliefert, spielt Mottl die Klischees, mit denen Text und Musik in frivoler Weise hantieren, voll aus. Der farbige Lakai wird ungewollt zum Kinder­schreck, die Köchin zum Abziehbild einer karibi­schen Schnaps­drossel. Mottls szenische Fantasie hat sich noch nicht jene Zensur­schere implan­tieren lassen, die im Mai auf dem Berliner Theater­treffen das N‑Wort auf Weisung der Festspiel­leitung und zunächst unter Duldung des Regie­teams aus der dort einge­la­denen Produktion 8990 des Leipziger Schau­spiels entfernt hat.  Die Menschen mit schwarzer Hautfarbe im Hanno­ver­schen Premie­ren­pu­blikum sind viel zu intel­ligent, humorvoll und stilsicher, um nicht mit souve­räner Gelas­senheit ins Gelächter einzu­stimmen. Rasch reali­sieren sie, wie sich das Hülsdorf-Gothaer Bieder­meier durch seine Vorur­teile selbst dekuvriert.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Schwarz-weiß dominiert das Bühnenbild von Friedrich Eggert. Der Boden ist ein Schach­brett. Die perspek­ti­visch gestaf­felten, schwarzen Wände sind mit Bordüren aus aufge­malter Spitzen­klöp­pelei besetzt, war doch Handarbeit der boshaft- bieder­mei­er­lichen Damen sittsames Vergnügen.  Räumlichkeit stellt sich nicht ein, doch abgrün­digster Humor. Als bewege ein Kind die Kulissen auf seinem Papier­theater, führen Ober- wie Unter­ma­schi­nerie lustvolle Manöver aus.  Sir Edgars Haus wird durch das geschickt segmen­tierte, lebens­große Skelett eines Tyran­no­saurus und zweier weiterer Riesen­tiere zur Kulisse für eine reaktionäre Version von Nachts im Museum.

Tiefschwarz wie die Komik des Stücks sind auch Alfred Mayer­hofers vor Spitze und necki­schen Details schier überbor­dende Kostüme. Modischer Schnick­schnack soll große Welt sugge­rieren und zeigt gerade daher die hinter­wäld­le­rischste Provin­zia­lität der Hülsdorf-Gothaer desto drasti­scher vor. Wenn Baronin Grünwiesel, die Paris und London heimge­sucht haben will, mit ihrer riesigen Perlen­kette wie mit einer überdi­men­sio­nalen Boa posiert, dann präsen­tiert sich die ehrgeizige Nieder­adlige als geschmack­loses Abziehbild der großen Welt. Lord Barrat, der zum Liebling der Salons dressierte Affe, entzückt die klein­städ­ti­schen Damen als Michael-Jackson-Verschnitt.

Foto © Jörg Landsberg

Angeleitet von Dan Ratiu, kostet der Chor der Staatsoper Hannover seine Haupt­rolle voll aus. Das musika­lische Idiom Henzes sitzt wie angegossen. Seine mecha­nisch repetierten Wort- und Tonwie­der­ho­lungen unter häufigen Quart- und Quint­sprüngen samt leerer Inter­valle verei­nigen sich musika­lisch zu einem Gemein­wesen, dessen Zivili­sation andres­siert ist wie die Bildungs­floskeln des in die Salon­kultur hinein­ge­prü­gelten Affen.

Der Kinderchor der Staatsoper droht den Erwach­senen mitunter die Schau zu stehlen.  Von Heide Müller und Ratiu präpa­riert, sind die Mädchen und Jungen nicht nur musika­lisch auf dem Punkt. Sie legen sich zudem darstel­le­risch bezwingend ins Zeug.

Mark Rohde lässt das Nieder­säch­sische Staats­or­chester allzu massiv aufspielen. Der Feinschliff der Partitur, ihre rhyth­mische und melodische Delika­tesse, Pointen und intel­li­gente Seiten­hiebe, nicht zu vergessen die seltenen doch eindring­lichen Lyrismen gehen dabei häufig verloren.

Das Ensemble agiert höchst engagiert. In der Titel­rolle verleiht Sung-Keun Park hinter der Szene den Schmer­zens­kan­ti­lenen der Affen­dressur den erschüt­ternden Jammer der gequälten Kreatur, die andres­sierten Bildungs­phrasen repetiert er mit geläu­figer Gurgel. Rebecca Davis als Luise verfügt über einen eindringlich geführten, leucht­kräf­tigen Sopran.  Der Spiel­tenor ihres Verehrers Wilhelm in Gestalt von Simon Bode ist von der überschlanken Sorte. Julie-Marie Sundal versteht das Exaltierte ihrer Partie nicht immer glaubhaft zu machen.  Stefan Adam als Sir Edgars Sekretär klingt seltsam unbestimmt. Franz Mazura in der stummen Rolle des Sir Edgar gibt der Figur jene Großar­tigkeit mit, die aus virtuoser Zurück­haltung ersteht.  Die kleineren Rollen zeichnen sich sämtlich durch stimm­liche wie darstel­le­rische Präsenz aus.

Anhaltend starker, von bravi durch­setzter Applaus für alle Betei­ligten. Die Staatsoper Hannover beweist mit dieser Produktion, dass Der junge Lord ins Kernre­per­toire gehört.

Michael Kaminski

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