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Die Reihen im Herforder Stadttheater weisen beträchtliche Lücken auf. Offensichtlich kann das Gastspiel des Nordharzer Städtebundtheaters vom Publikumsandrang zu den ehrgeizigen ostwestfälischen Wagner-Produktionen in dieser Spielzeit nicht profitieren: der Walküre als Bestandteil des sich noch bis 2018 erstreckenden Mindener Rings und den Meistersingern in Detmold. Das ist zu bedauern, weil die Nordharzer in Herford ihre hörens- und im Blick auf Regie und Kostüme auch sehenswerte Produktion zeigen, mit der sie das 25jährige Jubiläum des Zusammenschlusses der Häuser in Halberstadt und Quedlinburg begehen.
Oliver Klöter siedelt das Werk in einem Mittelgebirgs-Kleinstaat an, der den Wiener Kongress überlebt hat. Die Zeichen stehen auf Restauration und damit auf Zwang. Einzig die Kunst bietet ein Ventil, doch nur, wenn sie am gesellschaftlichen Grundkonsens nicht rüttelt. Es ist daher auch für die Kreativen besser, die Zensurschere im Kopf zu haben. Tannhäusers Minnesängerkollegen fahren gut damit. Gesellschaftliche Stellung und materielles Auskommen sind gesichert. Vermeintliche Nestbeschmutzer wie Tannhäuser werden ausgesondert, niedergemacht gar. Einzig um des Serenissimus‘ Nichte davor zu bewahren, kompromittiert zu werden, wird der Aufrührer nicht wie ein Hund erschlagen. Latente Aggressivität und offenen Gewaltausbruch der Restaurationsgesellschaft zeigt Klöter mit einer Vehemenz, die nicht allein auf die Titelfigur eindringt, sondern von der sich auch die Zuschauer geradezu körperlich bedroht fühlen müssen. Elisabeth ist in dieser Sichtweise alles andere als eine romantisierte Heilige. Ihr Einsatz zur Rettung Tannhäusers ist massiv. Sie wirft sich der randalierenden Sängerbande samt übrigem Hofstaat geradezu entgegen. Elisabeth verweigert sich der Alternative und den Klischees von Heiliger oder Hure. Sie weicht erst vom rebellischen Geliebten, als feststeht, dass sein Leben gerettet ist und er nach Rom ziehen darf. Wie sie ihre Hand von der seinen löst, hat etwas tief Berührendes. Körpersprache und Mimik bezeugen im dritten Aufzug die bis ins Innerste reichende Erschütterung und existentielle Traurigkeit der weit über jede Konvention hinaus empfindungsfähigen Frau. So wahrhaftig wie in dieser Produktion aus dem Nordharz ist das selten zu sehen.
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Das Bühnenbild von Andrea Kaempf lenkt ab. Im Hörselberg züngeln nervös, aber harmlos Video-Höllenflammen. Die Residenz des Kleinstaat-Potentaten wurde von einem zu Recht wohl bald vergessenen Landschaftsmaler dekoriert. Die Wände zieren biedermeierlich-brave, doch detailverliebte Aussichten ins Mittelgebirge. Das Wartburgtal erstarrt final zur fototapetenhaften Eiswelt. Grund- und Aufriss des Bühnenbildes bleiben in allen drei Aufzügen im Wesentlichen unverändert: ein Trapez aus drei Stellwänden auf waagerechter Grundlinie, dessen entscheidende Qualität darin besteht, platzsparend transportiert werden zu können.
Kaempf, die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, trägt vor allem zur Profilierung der Männer bei. Die Biedermeierwelt des Hofstaates im Duodezfürstentum ist geradezu dokumentarisch eingefangen. Durch die teilweise grellen Fräcke und eigenwillig gemusterten Westen und Hosen der Minnesänger wird augenfällig, dass die modischen Extravaganzen ins Kraut schießen, wo es an tatsächlicher Freiheit gebricht. Tannhäuser setzt sich bereits in der Kleiderfrage deutlich von der Wartburggesellschaft ab. Im Hörselberg trägt er existentialistisches Schwarz, im Sängersaal einen weißen John-Travolta-Anzug.
Der von Jan Rozenahl einstudierte hauseigene Chor, verstärkt durch Extrachor und Coruso-Chor, singt gediegen, klingt aber etwas trocken.
Das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters unter Musikdirektor und Intendant Johannes Rieger musiziert hoch achtbar. Dass die nicht üppig besetzten Streicher den Ton gelegentlich treiben, liegt in der Natur der Sache. Dafür entschädigen kammermusikalisch nuanciert ausgehörte Stellen. Die Bläser können an Präzision gewinnen.

Wertzuschätzen ist die sängerische Intelligenz und Ökonomie, mit der Raymond Sepe die Titelpartie angeht. Sepe operiert fortwährend auf der Grenze seiner Möglichkeiten. Aber das höchst bewusst. Das feit ihn vor dem Scheitern. Er verfügt daher final über Reserven, um Spannung und Emphase in die Rom-Erzählung zu legen. Die Elisabeth von Annabelle Pichler gebietet sowohl über lyrische Qualitäten als auch dramatische Attacke. Pichler zeichnet ein stimmlich starkes und darstellerisch beinahe emanzipiertes Rollenporträt. Die sinnlich timbrierte Gerlind Schröder entlockt ihrer Venus eine geradezu südliche Note. Juha Koskelas Wolfram nimmt durch samtiges Timbre für sich ein. Koskela hält sich erst einmal vornehm zurück, um schließlich mit einem bezwingend elegant phrasierten Lied an den Abendstern aufzuwarten. Gijs Nijkamp als Landgraf und Tobias Amadeus Schöner als Walther von der Vogelweide bewähren sich rollendeckend. Der Biterolf von Norbert Zilz klingt leicht brüchig. Aufhorchen lässt der jubelnde junge Hirt von Bénédicte Hilbert.
Der Applaus setzt alles daran, die Akteure für die lichten Reihen zu entschädigen.
Das 1961 eingeweihte, denkmalgeschützte Herforder Stadttheater ist in der Regel weitaus besser ausgelastet als an diesem Abend. Es besteht allerdings erheblicher Sanierungsbedarf. Wasserleitungen, Lüftungssystem und Heizung sind altersschwach. Auch Feuchtigkeitsschäden setzen dem Bau zu. Ein Antrag der Stadt auf Zuschuss aus Bundesmitteln wurde abgelehnt. Der Magistrat hat gleichwohl signalisiert, er werde zum Haus stehen. Die dauerhafte bauliche Sicherung des Spielbetriebs soll etwa sieben Millionen Euro erfordern. Für die kommende Spielzeit sind unter anderem der Fliegende Holländer und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny vorgesehen.
Michael Kaminski