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Von Gott und Göttern – barocke Wege lautet das Motto der diesjährigen Herrenchiemsee-Festspiele. Festspiele, die sich bereits von ihrem Ambiente göttlich schätzen dürfen, soweit der Wettergott mitspielt. Zur diesjährigen Eröffnung war er gnädig und taucht die oberbayrische Landschaft in gleißendes Sonnenlicht mit einer mächtig aufragenden Gewitterfront in den naheliegenden Bergen, eine spiegelglatte Wasseroberfläche ziert den See. Von einem Gott der Musik, Johann Sebastian Bach, wurden für die Anbetung Gottes zwei musikalische Dramen nach der Bibelübersetzung von Martin Luther komponiert, später Passionen genannt. Die Johannes- und die Matthäuspassion sind Meisterwerke der Musikgeschichte, die sich in Ihrer Ge- und Ausgestaltung deutlich unterscheiden und doch auch gleichen.
Freiherr Enoch zu Guttenberg hat sich mit dem Werk Bachs intensiv beschäftigt und auch die unterschiedlichen Aufführungspraktiken studiert. Hier die historische unter Nikolaus Harnoncourt, dort die symphonisch romantische unter Karl Richter. Für sich sucht Enoch zu Guttenberg einen eigenen Zugang zu den barocken Gesamtkunstwerken und greift an diesem Abend im Frauenmünster der Fraueninsel auch auf szenisch gestaltende Details effektvoll zurück, die sich unaufdringlich harmonisch in die musikalische Interpretation einfügen und die beengten Verhältnisse intelligent einbeziehen.
| Musik | ![]() |
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So löst er die übliche statische Anordnung der Mitwirkenden in dem kleinen Kirchenraum auf und lässt die Solisten wie auf einer Bühne auf und abtreten. Franz Xaver Schlecht schreitet als Pilatus im Mittelgang des Kirchenschiffes gebieterisch und spricht mit sonorer eleganter Baritonstimme zu seinem Volke, mischt sich anschließend in den Chor und tritt Jesus von Nazareth gegenüber, der vom Volk der Judäer umringt ist. Der großgewachsene Tareq Nazemi als Jesus steht versteinert da und mit ruhiger, feierlicher, voller Baritonstimme lässt er geduldig seine Leidensgeschichte über sich ergehen. Das bleibt nicht ohne Wirkung und sein erschütternd befreiendes Es ist vollbracht ist eindringlich. Daniel Johannsen, als Evangelist auf der Kanzel thronend, ist der effektvolle, gestalterische Höhepunkt, den der auch auskostet. Mit durchbohrendem Blick und mahnenden Gesten kann sich niemand seinen Worten gleichsam von oben entziehen. Seine Mimik ist filmreif. Dazu besitzt er eine sichere Stimme in allen Lagen und durchzogen mit allen notwendigen Färbungen. Die prägnante musikalische Erzählung der Leidensgeschichte wurde von Bach mit stimmungsvollen barocken Arien ausgeschmückt. Die ausgewählten Solisten bringen breite Erfahrung und internationale Reputation mit.

Sybilla Rubens‘ Sopran ist höhensicher, leicht und geschmeidig, verliert in der Mitte an Kraft und Farbe. Olivia Vermeulen setzt ihren Alt in allen Facetten wohlklingend ein. Werner Güla ist vom Erscheinungsbild alles andere als ein feiner, lyrischer Tenor. Seine Stimme beweist das Gegenteil. Der Bassist Thomas Laske singt ariös und hell. Die Chorgemeinschaft Neubeuern ist von Reinhard Schlee gut vorbereitet, und die langjährige reibungslose Zusammenarbeit mit Enoch zu Guttenberg und seinem Orchester KlangVerwaltung ist spürbar. Der Chor singt im Altarraum und von der Empore, so dass hier ein weiterer gelungener Klangeffekt in der räumlichen Gegenüberstellung passiert.
Der historischen Aufführungspraxis entlehnt Enoch zu Gutenberg den Auftritt eines Passionspredigers. Die Passion ist in zwei Teilen angelegt. Zu Lebzeiten Bachs war es üblich, eine Predigt zu halten und so einen inhaltlichen Bogen zwischen den beiden Teilen der Passion zu schaffen. Johann Jakob Rambach war ein anerkannter und geschätzter Theologe, und seine Predigten wurden auch aufgrund seiner rhetorischen Fähigkeiten populär. 1693 geboren, wollte er ursprünglich das Schreinerhandwerk seines Vaters erlernen, nach einem Unfall studierte er Theologie und übte das Lehramt aus. Seine Predigten zur Passionsgeschichte sind erhalten und wichtige Zeitdokumente. Rudolf Schaffgotsch ist Präpositus des Oratoriums des heiligen Philipp Nerimin Wien und trägt eine dieser authentischen Passionspredigten mit ebenso brillanter Rhetorik beeindruckend und lebendig vor.
So wird der Abend zu einem facettenreichen, einmaligen Erlebnis von hoher musikalischer Qualität. Zu Guttenberg führt Chor und Solisten mit aufmerksamer Hand. Er zieht Spannung aus jedem musikalischen Bild der Leidensgeschichte und fügt im Orchester barocken Originalklang in Soli-Instrumenten ein. Die Tempi sind den Sängern angepasst ruhig und nicht gehetzt, wirken aber nie schleppend. Ebenso ausbalanciert wirken die Volumina. Chorale Massenszenen sind mächtig schallend, aber nie dröhnend oder die Akustik der gotischen Kirche überfordernd.
Es passt alles an diesem Sommerabend für ein Publikum, das elegant oder in Tracht mit viel Vorfreude über den See angereist ist und für die Darbietung viel Beifall spendet. Zum Abschied taucht die Natur den Abendhimmel als Zugabe in ein feurig glühendes Abendrot.
Helmut Pitsch