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Singende Madonna aus dem fernen Osten

STABAT MATER
(Giovanni Battista Pergolesi)

Besuch am
21. Juli 2017
(Premiere)

 

Herren­chiemsee-Festspiele, Schloss Herrenchiemsee

Ihre Auftritte sind noch kostbare Raritäten. Julia Lezhneva stammt aus dem fernsten Winkel Sibiriens. Als Tochter eines russi­schen Forscher­ehe­paars wuchs sie auf der Halbinsel Kamtschatka auf. In der Abgeschie­denheit fand sie zum Gesang und schnell wurde das Wunder ihrer makel­losen Natur­stimme erkannt und ihr Talent gefördert. Früh hat sie sich für ihr Fach als Sängerin geist­licher Werke entschieden und hierin ihre Technik und Reper­toire entwi­ckelt und ausgebaut.

Den Festspielen Herren­chiemsee ist es nun gelungen, einen beson­deren barocken Abend mit der Ausnah­me­künst­lerin und dem Counter­tenor Max Emanuel Cencic mit Werken von Georg Friedrich Händel, dem in Verges­senheit geratenen Münchner Kompo­nisten Johann Adolph Hasse, Joseph Haydn und, als Höhepunkt des Abends, dem Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi zu veranstalten.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Publikum
Chat-Faktor

Die Vorfreude der zahlreich angereisten Anhänger der beiden Solisten steigt schon auf der maleri­schen Anreise mit der Edeltraud, dem betagten Fährschiff, von Prien nach Herren­chiemsee. Ein barockes Schau­spiel von Natur­stim­mungen wird geboten, schwarze Gewit­ter­wolken, die sich im Hinterland des Chiemsees ausregnen, am Horizont strahlt schon wieder Sonnen­schein, dazu eine kräftige Brise, die die Wasser­ober­fläche zu einem munteren Spiel kleiner Wellen einlädt. Schloss Herren­chiemsee liegt bei Ankunft in der Abend­sonne, kurz darauf konkur­rieren schwere Regen­tropfen mit den wuchtigen Wasser­fon­tänen der aufwän­digen Brunnen im Schlosspark. Den langge­streckten Spiegelsaal zieren bunte Decken­ge­mälde mit munteren Motiven, in üppigem Gold gerahmt.

Foto © Jakob Steiner

Die Münchner Hofka­pelle wurde 2009 in Erinnerung an die bayerische Hofka­pelle des Kurfürsten Karl Theodor gegründet und hat sich der histo­ri­schen Auffüh­rungs­praxis verschrieben. Am Pult steht Rüdiger Lotter, selbst gefei­erter Violinist und Gründer des Ensembles. Sein ausge­prägter Sinn und Verständnis für die barocke Klangwelt ist spürbar. Einfühlsam begleitet er mit der Hofka­pelle die Solisten, unauf­dringlich, aber präsent ist der orches­trale Unterbau, auf dem die ihre gesang­liche Inter­pre­tation gestalten können. Im Salva Regina von Georg Friedrich Händel zeigt Lezhneva die bewegende Reinheit und Raffi­nesse ihres anscheinend makel­losen Soprans, dessen Kraft und Volumen so im Gegensatz zu ihrer kleinen und zierlichen Gestalt steht. Ihre Art zu Singen berührt durch madon­nen­hafte Unschuld und Verklärung, ideal für die hier gewählte Andachts­musik. Max Emanuel Cencic veran­schau­licht das Talent Johann Adolph Hasses als Opern­kom­ponist für stimm­liche Bravour­stücke mit ausge­feilten Melodien. Anspruchsvoll ist die Arie Siam navi all’onde aus der Oper L’Olim­piade, für Counter­tenöre umso mehr, die gewagten Sprünge in der Höhe und stürmi­schen Wechsel in den Lagen auszu­führen. Das gelingt ihm nach anfäng­licher Einge­wöhnung mit Bravour und edler Stimmführung.

Zentrales Werk des Abends ist das letzte Werk des viel zu früh verstor­benen Giovanni Battista Pergolesi. In seiner musika­li­schen Gestaltung des mütter­lichen Schmerzes über den gekreu­zigten Sohn dominieren ehrfurchts­volle Trauer und verklärte Gefühle der Liebe. Ruhig und diszi­pli­niert wird die schmerz­hafte Erfüllung des göttlichen Auftrages umgesetzt, erlösend das Amen im Schluss­gesang. Die beiden Solisten verin­ner­lichen Worte und Musik, die Strahl­kraft der beiden Stimmen umhüllen andächtig Text und Melodie. Fein abgerundet und sicher intoniert sind die Höhen, leuchtend die Mittellage und warm erlösend die Tiefe.

Verzaubert ergriffen lauscht das Publikum dieser schnör­kel­losen, stilvollen Inter­pre­tation ohne jegliche Effekt­ha­scherei. Bedächtige Stille am Ende bevor ein tosender Applaus die Stimmung bricht. Eine Wieder­holung des Schluss­ge­sanges als Danke­schön beendet diesen stimmungs­vollen Abend, bevor Fährschiff Edeltraud alle wieder heil ans Festland bringt.

Helmut Pitsch

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