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ADRIANA LECOUVREUR
(Francesco Cilèa)
Besuch am
1. April 2017
(Premiere)
Cilèas 1902 am Mailänder Teatro Lirico uraufgeführtes Hauptwerk führt im Repertoire eine bloße Randexistenz. Die Karlsruher Produktion plädiert entschieden dafür, eines der Schlüsselwerke des Verismo dorthin zu rücken, wo sein angemessener Platz ist, ins Zentrum.
Die Titelheldin war eine der großen Tragödinnen des französischen Sprechtheaters im 18. Jahrhundert. Die im Milieu der Comédie-Française angesiedelte Oper kreist um der Heroine Liebe zum Grafen Moritz von Sachsen, einem illegitimen Spross Augusts des Starken, der in Frankreich auf eine militärische Karriere spekuliert. Adriana wird von der vor Eifersucht rasenden Fürstin Bouillon, mit der sich Moritz aus politischen Gründen eingelassen hatte, mittels eines vergifteten Veilchenstraußes ermordet.
Die Oper beruht auf einem um die Mitte des 19. Jahrhunderts uraufgeführten Zugstück aus der Dramenmanufaktur Eugène Scribes, das von Arturo Colautti effektsicher in den veristischen Lapidarstil übertragen wurde.
Cilèa, der als vierzehnjähriger Chorknabe in Neapel Richard Wagner die Hand schütteln durfte, blieb von dessen Person und Werk lebenslang geprägt. Er sann darauf, Wagnerismo und Italianità zu verschmelzen. Während daher in Cilèas musikdramatischer Faktur das Orchester Leitmotive entfaltet und verknüpft, dürfen die Sänger in Kantilenen schwelgen, die sich deutlich aus des Komponisten neapolitanischer Herkunft speisen.
| Musik | ![]() |
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Katharina Thoma kontrastiert die Spielweise der französischen Hohen Tragödie des 18. Jahrhunderts mit ganz und gar heutigen Situationen hinter und jenseits der Bühne. Dass die historisch informierte Aufführungspraxis auf der Szene restlos museal wirkt, nimmt Thoma billigend in Kauf, um dem aus dem Missverhältnis sich stracks einfindenden Affen Ironie reichlich Zucker zu geben. Adriana selbst wird von humoristischen Anwandlungen verschont. Thoma inszeniert indessen weniger die Liebestragödie der großen Schauspielerin als die Künstlertragödie einer überdies Liebenden. Folgt man der Regisseurin auf dieser Spur, so empfindet die Lecouvreur final, wie sehr sie sich in Kunst und Liebe verausgabt hat. Die Rückkehr auf die Bühne erscheint ihr illusionär. Sie wird daher nicht – wie das Libretto vorgibt – von der Nebenbuhlerin um die Liebe des sächsischen Grafen umgebracht, sie tötet sich eigenhändig. Thomas Sichtweise widerspricht Cilèas ganz offensichtlicher Absicht, ein italienisches Gegenstück zu Isoldes Liebestod zu schreiben. Freilich ignoriert Thoma das Streben des Komponisten auf genial unverfrorene Weise. Denn sie schafft die Voraussetzung, um den Schlussakt davor zu bewahren, in bloßes Sentiment zu versinken. Thoma verweigert dem sächsischen Grafen, in Fleisch und Blut zu der seelisch Moribunden zurückzukehren, um sich über den Standesunterschied hinweg zu ihr zu bekennen. Moritz erscheint als Fiebervision der todwunden Seele. Das ist weitaus glaubhafter als jede Realpräsenz, denn bei Licht betrachtet ist der Graf ein Windhund. Auch entlarvt Thoma die vermeintlichen militärischen Erfolge des Offiziers auf dem Bühnenball im dritten Akt als Aufschneidereien, wie sie sonst der Capitano aus der Commedia dell’arte von sich gibt. Passend feuert der Prahlhans dazu aus einer kleinkalibrigen Kanone einen Salut aus goldfarbenem Konfetti ab.

Dirk Beckers Bühne teilt die Szene in eine Barockkulisse, für die der Malersaal ganze Arbeit geleistet hat, und Gegenwart signalisierende Umgebungsräume. Die Drehbühne sorgt für reizvolle Überschneidungen und Durchblicke. Der genius loci aber hindert die Kulissenbühne, als Schauplatz für die Tragödien eines Racine zu fungieren. Erinnerungen an Bühnenbilder, wie sie in Karlsruhe in den 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts bei den Händel-Festspielen zu sehen waren, schieben sich vor die klassische Dramatik der Franzosen.
Irina Bartels kleidet die Akteure der Barockbühne so, wie zeitgenössische Stichwerke es zeigen. Die Fürstin Bouillon hingegen trägt beim Bühnenball eine tiefblaue Robe, die auf jedem Laufsteg reüssieren würde.
Die Choreografie von Héléne Verry zeigt, wie stark tänzerische Elemente die historische Aufführungspraxis der Hohen Tragödie prägten.
Der von Ulrich Wagner einstudierte Badische Staatsopernchor entledigt sich versiert einer überschaubaren Aufgabe.
Die Badische Staatskapelle unter Johannes Willig akzentuiert die leitmotivischen Verknüpfungen der Partitur mit ihren Tristan- und Rheingold-Zitaten so, dass Spielraum für Prägnanz und Durchhörbarkeit bleibt.
Wenn eine Tragödin vom Rang Barbara Dobrzanskas zum Ensemble zählt, besteht aller Grund, Adriana anzusetzen. Ob als emphatisch Liebende oder die Kunst hymnisch Preisende, Verismo und Noblesse vereinend, umreißt Dobrzanska ihre Partie mit straffer Kontur. Die Agonie der Heroine gestaltet sie zum Liebestod aus dem Geist der Italianità. Solch phänomenaler Leistung hält Rodrigo Porras Garulo nicht ganz Stand. Seinem Tenor fehlt die letzte Durchschlagskraft. Dafür nimmt er mit einer nicht oft zu hörenden Pianokultur für sich ein. Fredrika Brillembourgs Fürstin Bouillon tönt, noch wenn sie von Eifersucht überwältigt wird, substantiell warm und strahlkräftig. Konstantin Gorny als ihr auf Liebesabenteuer mit Schauspielerinnen erpichter Gemahl renommiert mit basssatter Jovialität, hinter der die brutale Pranke lauert. Der zweifelhafte und durchtriebene Abbé Chazeuil von Klaus Schneider als Kreatur an seiner Seite schmeichelt sich, wie es die Situation gerade erfordert, tenoral ein oder setzt auf schneidend zynische Invektive. Seung-Gi Jung liefert als der still, bescheiden, loyal und heimlich Adriana liebende Spielleiter der Comédie-Française Michonnet ein berührendes Rollenporträt voll Lyrik, Lebensklugheit und gezügelter Leidenschaft, bei der indessen kein Zweifel besteht, zu welchen Ausbrüchen sie fähig ist. Cameron Becker, Tiny Peters, Kristina Stanek und Yang Xu setzen gekonnte Akzente, um das Theatermilieu glaubhaft zu zeichnen.
Tosende, nicht zu steigernde Ovationen für Barbara Dobrzanska. Beifallstürme auch für alle übrigen Akteure, in die das Team um Katharina Thoma einbezogen wird. Boris Kehrmann, der Operndramaturg des Hauses, sollte sich für sein hochinformatives Programmheft einen Teil des Applauses gutschreiben.
Es ist einer jener seltenen Abende, an denen Theater den utopischen Blick freigibt.
Michael Kaminski