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NICHT SCHLAFEN
(Alain Platel)
Besuch am
21. März 2017
(Premiere am 1. September 2016)
Der belgische Choreograph und Regisseur Alain Platel ließ sich für nicht schlafen von der Musik Gustav Mahlers und dem Zeitgeist seiner Epoche inspirieren. Das Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist geprägt von Krisen und Verunsicherung. Die eindrückliche und unorthodoxe Beschreibung dieser Zeit im Buch Der taumelnde Kontinent vom Historiker Philipp Blom nutzt Platel als Ausgangspunkt für die Arbeit am Stück. Dabei zieht er eine wundersame Verbindung von Ideen und Beiträge, gleichsam an feinen Strängen verwoben, auf der Bühne zusammen.
In Kooperation mit dem belgischen Komponisten Steven Prengels nutzt der Choreograph Auszüge aus Mahlers spätromantischen Sinfonien und Liedern, um hieraus Soundcollagen zu weben, die das chaotische Bühnentreiben auditiv erweitern. Kuhglocken und die Laute schlafender Tiere durchweben die bedeutungsschwangere Musik Mahlers. Später im Stück wird afrikanische Pygmäen-Musik als Kontrapunkt vom Ensemble etabliert.
| Musik | ![]() |
| Tanz | ![]() |
| Choreografie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Das Bühnenbild von Berlinde De Bruyckere besteht aus genau genommen zwei und ein Viertel ausgestopften Pferdekadavern, die auf einem Holzwagen übereinandergeschichtet sind. Dramatisch recken sich die Beine der Tiere in die Höhe, während die Torsi stellenweise aufgeschlitzt scheinen. Im Hintergrund sind stockfleckige Leintücher mit großen Löchern aufgehängt. Assoziationen zu einem Kriegsschauplatz entstehen.
Die hierin für über eineinhalb Stunden wütenden acht Tänzer und eine Tänzerin leisten einen ebenso eigenständigen und ergreifenden Beitrag zum Stück. Keiner klaren Handlungslinie folgend, zeigen sie die Abgründe und Verwirrtheit von Menschen, die mit dem Rücken zur Wand stehen. Gleichsam haltlos und rastlos arbeiten sie sich aneinander ab. Gnadenlos und aggressiv eröffnen sie den Abend mit einer einem Gemetzel gleichkommenden Szene, in der sie sich die Klamotten vom Leibe reißen. Es wird geschlagen, gespuckt und geschrien, ohne dass es aufgesetzt oder angestrengt wirkt. Dem Kampf aller gegen alle folgen später versöhnliche Bilder, in denen die Tänzer einander Vertrauen schenken und aneinander emporsteigen.

Immer wieder blitzt Situationskomik durch, wenn die Tanzenden in ihrer Überspanntheit das klassische Bewegungsrepertoire zitieren, sich verrenken oder Kleiderfetzen ins Publikum fliegen. Eine sich vorzeitig aus dem Zuschauerraum Davonstehlende wird von einem flinken Tänzer eingefangen und inbrünstig umarmt. Die Trennlinie zwischen Zuschauerraum und Bühne wird spielerisch aufgelöst.
Der Zeitgeist am Vorabend der Weltkriege wird in nicht schlafen spürbar, und gleichzeitig dient die Präsenz des Ensembles dazu, einen Bogen zum Hier und Jetzt zu schlagen. Dazu tragen nicht nur die Kostüme von Dorine Demunck bei, die die Tanzenden zeitweise in knallige Polyester-Trainingsjacken steckt. Durchweg sind Markenlogos der großen Kapitalisten auf der Bühne vertreten. Ein Tänzer trägt zeitweise einen langen Mantel und Kopfbedeckung, die an einen muslimischen Geistlichen erinnern. Unterhosen und Socken als Kostüm wirken zeitlos und doch sind es Zeitgenossen, die sich da auf der Bühne winden.
Der Tod als omnipräsentes Phänomen dieses Stückes manifestiert sich wiederholt in der Umkreisung der Kadaver, deren Anwesenheit Unwohlsein verbreitet. Später im Stück erfinden die Tanzenden ihre eigenen Todesrituale, wenn sie einen aus ihren Reihen scheinbar opfern. Er wird gehäutet, herumgetragen, der Körper in alle Richtungen verdreht und schlussendlich auf dem Haufen toter Pferde gelegt.
Auch wenn nicht schlafen als zeitgenössisches Tanztheater von der Anlage her eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den angesprochenen Themen vorauszusetzen scheint, so funktioniert das Stück ebenso im direkten Erlebnis. Zuschauer müssen nicht zwingend alle Anleihen, Zitate und Ideengeber des Stückes entziffern können, um erspüren zu können, was der Abend offeriert.
Das durchweg homogene Bildungspublikum des Karlsruher Tollhauses kann dem Abend etwas abgewinnen und bedankt sich zufrieden mit stehenden Ovationen.
Jasmina Schebesta