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Im Wahn zum Dämon stilisiert

WAHNFRIED
(Avner Dorman)

Besuch am
28. Januar 2017
(Urauf­führung)

 

Badisches Staats­theater Karlsruhe

Einmal ist keinmal. Selten verlässt man mit diesem Gefühl eine Urauf­füh­rungs­pro­duktion. Wahnfried, die erste Oper des 41-jährigen Avner Dorman, eines israe­li­schen Kompo­nisten mit deutschen Wurzeln und Wahlheimat in Amerika, ist opulent in der Darstellung, in der Deutung, im Subtext, in der Musik und im Anlass. Kühn bettet das Badische Staats­theater Karlsruhe Wahnfried in den jüngsten Ring-Zyklus ein. Der „5. Ring“, so die Werbe­formel, im Spielplan angesetzt zwischen Walküre und Siegfried, schreibt, so der erste Eindruck, die Götter­däm­merung fort.

„Götter­vater“ Richard ist tot, ein brauch­barer Nachfolger nicht greifbar. Witwe Cosima sucht inmitten der vielen Frauen einen männlichen Unter­stützer, um das Erbe zum Erfolg zu führen. Houston Stewart Chamberlain überzeugt sie durch exakt jenen Grad an Fanatismus, der ihn, den psychisch Labilen, ihr gefügig macht. Gemeinsam formen sie ein nach ihrer Sicht reprä­sen­tables Wagner-Bild und halten den Famili­enclan mit rücksichts­loser Härte und Bruta­lität gegen jeden und alle auf der richtigen Spur, bis Chamberlain endgültig zerbrochen von einem abgelöst wird, der die Ideologie des Wagner-Clans befeuert und das Famili­en­un­ter­nehmen auf sicherere Füße stellt. Soweit die Essenz der knapp dreistün­digen Erzählung.

Eindeutig geht es den Urhebern in diesem Plot aller­dings nicht um histo­risch verbriefte Authen­ti­zität. Dekla­riert als politische Oper, zeigen sie in 22 Szenen am Beispiel des Wagner-Zirkels, welche Tatkraft fanatisch Gläubige an eine Ideologie entwickeln.

Lutz Hübner und Sarah Nemitz verfassten dazu ein Libretto, das Schau­spiel­format und damit alleine Bestand hat. Es ist reich an Zitaten und Anspie­lungen, eine scharf­züngig überspitzte Satire, die kennt­nis­reich kritisch den Wagner-Zirkel einfängt und ein Psycho­gramm von Houston Stewart Chamberlain auf seinem Weg in den inneren Kreis bis zu seinem Ausstoß in einzelnen Szenen aufzeigt. Avner Dorman kompo­nierte dazu eine Musik, die entsteht, wo Verachtung und Verehrung zusam­men­prallen. Immer wieder blitzen Zitate aus Wagners Opern auf, die im Moment des Erklingens grotesk-sarkas­tisch verzerrt fortge­führt werden, um die Wagner-Erben in ihrer Erbärm­lichkeit zu demas­kieren. Dazu ist Dorman jedes Mittel recht. Einzu­ordnen in das weit definierbare Feld der Neomo­derne erklingt alles zwischen Kunst- und Zirkus­musik, Kinder­pfeife und Percussion-Vielfalt, bitterbös witzig, filmdra­ma­tur­gisch spannend oder opern­büh­nenhaft boden­ständig. Gesungen wird halb arios, halb sprechend, harmo­nisch immer orien­tiert. Der Chor stimu­liert Glanz, der in das Chaos stürzt. Nadel­spitze Klang­farben aus dem Orchester lassen die Komple­xität der Partitur einmal mehr erahnen. Schmerzlich verstörend verstärkt Dorman dadurch die Wahrnehmung der Szenerie. Versöhnlich melodiös erklingt nichts in keinem Moment.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Sprache wie Musik beanspruchen an sich die ganze Aufmerk­samkeit, die mit der Insze­nierung so sehr einhergeht, dass sie Gefahr läuft, überhört zu werden. Denn Regisseur Keith Warner erzeugt spekta­kuläre Bilder, die durch Details immer wieder überra­schen und alle Aufmerk­samkeit fordern. In ungeschminkter Direktheit bietet er dem Publikum den Blick hinter die Kulissen. Wenn sich der Bühnen­vorhang öffnet, sieht man in den Zuschau­erraum im Bayreuther Festspielhaus. Hier treffen sich die Wagne­rianer, ehrfürchtig gegenüber ihrem Wagner-Gott, gierig auf den Klatsch, hungrig nach der pausen­üb­lichen Festspiel-Bratwurst. Später wechselt die Kulisse. Brennende Häuser, gefallene Soldaten markieren die Geschichte, die Hitler möglich machte. Auch ihm, dem Wagner­ver­ehrer und Wahnfried-Förderer bietet Warner zur Parsifal-Klang­präch­tigkeit eine Bühne. Hinter dem Bühnen­vorhang und damit dem Publikum gegenüber spielt sich die „Familien-Dämmerung“ ab.

Foto © Falk von Traubenberg

Requi­siten sowie Kostüme von Chor und Statisten erinnern in Ergänzung zur Musik auch optisch an die Wagner-Opern. In Sütter­lin­schrift sind die Requi­siten nach ihrer Werkzu­ge­hö­rigkeit gekenn­zeichnet. Grane steht auf Brünn­hildes Pferd, die im Wahnfried in goldglän­zender Walküren-Rüstung die Stören­friede aus dem Haus Wagner in das Irrenhaus geleitet. Majes­tä­tisch besteigt Cosima Wagner den Tristan-Schwan, während Houston, siegreich den Gralskelch schwenkend, mit Braut Eva einher­schreitet. Und sooft Wagners Schriften, die die Nachwelt nicht kennen soll, im Maul des Drachen Fafners landen, speit dieser Feuer und mit jedem Feuerstoß trium­phiert auf seinem Rücken der Wagner-Dämon. Diese meist panto­mi­misch agierende Figur verkörpert, was der Wagner-Clan als Wagner-Bildnis schafft, einen clownesken Psycho­pathen, der am Ende nach Untergang, Krieg und Feuers­brunst von allem Bestreben so unberührt und unbeschadet bleibt wie ein unschul­diges Kind.

Alle an der Aufführung Betei­ligten überzeugen an diesem Abend durch ihre Leistungen sänge­risch wie darstel­le­risch. Den musika­lisch auffäl­ligsten Arien­anteil hat Dorman dem Wagner-Sohn Siegfried gewidmet. Der britische Counter Andrew Watts brilliert in dieser Partie mit Kanti­lenen, die Watts über skurrile Klang­muster immer wieder in höchste Höhen treibt, um schmerzlich spürbar die Seelennöte aufgrund künst­le­ri­scher wie mensch­licher Wider­sprüche zur Erwartung der Wagner-Familie auszu­drücken. Matthias Wohlbrecht ist in allen Augen­blicken seiner diffe­ren­zierten Charak­ter­dar­stellung der Haupt­figur Houston Stewart Chamberlain stimmlich sicher und präsent.

Als Meister im Zusam­men­spiel und der Präzision erweist sich das Orchester des Badischen Staats­theaters. Dirigent Justin Brown dirigiert souverän und mit aller Übersicht, die diese komplexe Partitur erfordert, und so stringent, dass die Drama­turgie in keinem Moment an Wirkung verliert. Unzwei­felhaft steht hier ein Experte am Pult, wie einst der Karls­ruher Hofka­pell­meister Herman Levi, dem an diesem Abend mehrfach gedacht wird. In Wahnfried als Jude einmal mehr geschmäht, wurde vor der Premiere in Erinnerung an ihn der Vorplatz des Karls­ruher Staats­theaters nach ihm benannt.

Dieser Wahnfried-Abend hatte viele Funktionen, die sich überlappten, und verdient, noch einmal nur als „5.Ring“ erlebt zu werden. Dann bleibt vielleicht Raum für eine Antwort auf eine Frage, die sich erst in der Schluss­szene stellt, wenn der Wagner-Dämon Chamberlain auslacht, und doch nicht unerheblich ist: Wirkt Wahnfried nun für oder gegen Wagners Opern?

Chris­tiane Franke

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