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LA TRAVIATA
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
27. September 2017
(Premiere am 14. September)
So wie später im Finale liegt sie schon zu Beginn sterbenskrank im Spitalsbett. Genauso wie auch das Vorspiel von Giuseppe Verdis La Traviata mit dem in den höchsten Violinen erklingenden Todesmotiv beginnt und sich dann in der Sterbeszene wiederholt.
Auch sonst hat Regisseur Richard Brunel, der am Stadttheater schon 2015 Francis Poulencs Dialogues des Carmélites sehr erfolgreich inszeniert hat, viele Einfälle. So lässt er Violetta oder ihr Bild den ganzen Abend präsent sein. Meist sind es riesige Fotoprojektionen, die in der ersten Szene, bei der Vernissage einer Fotoausstellung gezeigt werden. Denn sie ist ein begehrtes, viel fotografiertes Model, das seine körperlichen Vorzüge mit enormem Sexappeal zur Schau stellt. Sie stirbt nicht an Schwindsucht, sondern an Krebs. Er ist ein Mann, der in der Öffentlichkeit steht. Er könnte Politiker oder Unternehmer sein: Die Geschichte von Violetta und Alfredo wird vom Regisseur ins Heute gerückt, um die verschwimmenden Grenzen zwischen Kunst und Anrüchigkeit in dieser populären Oper auch in der Jetztzeit nachvollziehbar zu machen. Mit einigen wenigen, veränder- und drehbaren Elementen, die Bühne stammt von Anouk dell’Allera, und dem zu häufigen Einsatz der Drehbühne werden bei der heurigen Eröffnungspremiere am Stadttheater Klagenfurt praktikable Spielräume geschaffen. Abgesehen von einem entbehrlichen, erotischen Filmausschnitt – man sieht die nackte Brigitte Bardot und Michele Piccoli in Jean-Luc Godards Film Die Verachtung – und dem ausufernden Einsatz von Röntgenbildern und Geräuschen von medizinischen Geräten, offensichtlich um die Umbauphasen zwischen den Akten zu überbrücken, entstehen immer wieder faszinierende Situationen und Bilder. Denn die ausgefeilte Personenführung ist mit vielen Details und Symbolen sowie einer stark betonten Erotik gespickt.
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So werden viele Nebenfiguren, die alle adäquat besetzt und wie auch die Protagonisten in heutige Kostüme, die von Axel Aust kreiert wurden, gesteckt sind, in der Inszenierung von Brunel stark aufgewertet. Wie etwa Baron Duphol, der sehr gut von Nicholas Crawley gesungen wird, der nicht nur Violettas verflossener Liebhaber ist und immer wieder recht brutal seine sexuellen Wünsche einfordern will, sondern auch ihr Fotograf. Flora wird als rivalisierende Frau dargestellt. Auch die sonst nicht existente Schwester von Alfredo taucht auf und fleht Violetta völlig überzogen kniend an, von ihrem Bruder zu lassen.

Eine optische Augenweide ist Claudia Boyle als Titelheldin. Abgesehen von einigen etwas zu tief angesetzten Tönen, sind ihre Spitzentöne und Koloraturen sicher, ihre Piani und ihr Spiel beim Sterben ergreifend. Sie ist eine zarte, zerbrechliche, aber auch spielfreudige, teils laszive und meist emotional berührende Titelheldin, die ihr noch verbleibendes, kurzes Leben intensiv in allen Bereichen auskosten will. Als ihr Geliebter verfügt Alfredo Giordano Lucá, der bereits in Vincenzo Bellinis Montecchi e Capuleti letztes Jahr hier zu erleben war, über ein wunderbares Tenormaterial. Seinen unerbittlichen Vater Giorgio singt Domenico Balzani meist recht laut, mit reifem Timbre und etlichen Intonationsproblemen. Die vielen kleineren Rollen sind überwiegend adäquat besetzt. Den Chor des Hauses, die bewährte Einstudierung besorgte einmal mehr Günter Wallner, kann man ausgewogen und klangschön hören.
Unter der Stabführung der ersten Kapellmeisterin des Stadttheaters, der jungen Giedre Slekyte, spielt das Kärntner Symphonieorchester Verdis eingängige und populäre Melodik fast ohne Striche mit teils ungewohnt flotten Tempi und vielen dynamischen sowie emotionalen Nuancen.
Zum Finale gibt es stehende Ovationen eines restlos begeisterten Publikums.
Helmut Christian Mayer