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DIDO AND AENEAS
(Henry Purcell)
Besuch am
21. September 2017
(Einmalige Aufführung)
Mit einem Haufen Strandmüll vor der Bühne erinnert Valerij Lisac beiläufig an die sichtbaren Überbleibsel vieler Fluchtversuche, bei denen Verfolgte seit fast 3000 Jahren aus vielen Gründen immer wieder das Mittelmeer als hoffnungsvoll-tragische Route für einen Ausweg genutzt haben – heute wie zur Zeit der Gründung Karthagos um 8oo v.Chr. Statt ein Gemälde des Grauens zu zeichnen, konzentriert sich Lisac auf das Verhältnis der Prinzessin Dido zum griechischen Fürsten Aeneas in der Überlieferung des Librettos von Nahum Tate nach Vergil. Dem Interesse und der Spielfreude der Schülerinnen und Schüler zweier örtlichen Gymnasien kommt das sehr entgegen. In schwarze Trikots gekleidet bewegen sie sich oft tanzend fast profihaft auf der Bühne und stellen auch das Team für Licht und Ton. Lediglich für die beiden Hauptrollen hat sich Regisseur Lisac Profis geholt, in zahlreichen weiteren Rollen unterstützen Studierende der Hochschule für Musik und Tanz Köln die Schüler.
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Sinnfällig beginnt das Stück mit der Anekdote um die zerteilte Kuhhaut, mit der Dido auf Geheiß des Königs die Grenzen der neu zu gründenden Stadt Khartago umreißen soll. Fraulich-listig lässt sie die Kuhhaut in lange, dünne Streifen schneiden und kann so König Iarbas Raum für eine neue Stadt abluchsen. Geschickt ersetzt Lisac die Tierhaut durch eine moderne gold-silbern glänzende Rettungsfolie, lässt sie zerteilen und stellt so die Anekdote knapp und aktuell dar. Diese Abstraktion lässt den Zuschauern viel Raum für eigene Assoziationen, die von einer Hintergrundprojektion langsam sich bewegender Meereswellen gestützt werden. Erst im Schlussteil wechselt die Farbe des Meeres in blutiges Rot.

Mit einer längeren Ouvertüre hat das Cölner Barockorchester unter Leitung von Peter Seymour die Zuhörer musikalisch eingefangen und mit tanzenden oder melancholischen Klängen in die Zeit höfischer Musik zurückversetzt. Dabei gelingen ihm gemeinsam mit dem Vokalquartett Acappelonia lebensfroh-leichtfüßige Passagen und Klänge ebenso wie einige schwermütige Melodien gegen Schluss der Aufführung. Mancher Zuhörer mag überrascht sein, wenn er sich vergewissert, das dem Vokalensemble vier Stimmen reichen für ihren vollen, facettenreichen Klang. Philipp Lamprecht sorgt mit einer Trommel und Perkussionsinstrumenten für einen lebendigen, zwingenden Rhythmus, in dem auch „Knalleffekte“ auf der Trommel nicht fehlen. So können sich die Besucher über ein durch und durch gelungenes Klangbild freuen, dem man seine 250 Jahre nicht anmerkt. Und die Schülerinnen und Schüler wuseln emsig und mit viel Spielfreude in der alten Remise des Klosters über die Bühne.
Als erzählende Elemente treiben die Gesangsdarbietungen die Handlung vorwärts. Bethany Seymour als Profi-Sopran und James Gilchrist, erfahrener Tenor auf vielen Bühnen, überraschen mit raumfüllender Stimme und Ausdrucksstärke. Theresa Klose und Anna Lautwein, beide Sopran, unterstützen ihre Gefährtin Dido spielerisch und gesanglich wirkungsvoll. Ein darstellerisch wie stimmlich besonders wirkungsvolles und ansehnliches Trio bilden Basak Ceber, Christiane Mayer und Anna Lautwein als herrlich verrückte Hexen. Einen flatterig-schwebenden Geist gibt Luca Segger, abschließend taucht noch Maximilian Fieth als gewichtiger Sailor auf.
Henry Purcell, ein bei uns wenig bekannter, in seinem Heimatland England dafür als „orpheus britannicus“ geehrter Barockkomponist des 17. Jahrhunderts, hinterlässt mit seiner Oper Dido und Aeneas eine für die Zeit der Fürstenfeste typische, hoch elegante Komposition höfischer Musik, die noch nichts von ihrer Lebendigkeit verloren hat. Dem a‑capella-Chor und dem kleinen Orchester gelingt es bestens, barocke Lebensfreude zu übermitteln. Neben einem unterhaltsamen zeitgemäßen Opernabend mit einer lebendigen, fröhlichen bis sentimentalen Barockmusik erleben die Zuschauer, dass es dem Festival Alte Musik in Knechtsteden ein weiteres Mal gelungen ist, Tradition und Zeitgeist miteinander zu verbinden und klassische Musik sehr lebendig an eine junge Generation zu vermitteln.
Horst Dichanz