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Foto © Michael Rathmann

Schatzkästlein voller Überraschungen

„THEATRALISCHES“ KONZERT – LUTHER UND DIE CHORI MUSICI
(Diverse Komponisten)

Besuch am
23. September 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Festival Alte Musik Knecht­s­teden, Basilika

Vom hohen musika­li­schen Standard der Inter­pre­ta­tionen abgesehen, beein­druckt und überrascht Hermann Max immer wieder mit seiner offen­sichtlich unstill­baren und erstaunlich erfolg­reichen Neugier auf verborgene Nischen des Reper­toires. Dass der mittler­weile 76-jährige Chorleiter dabei überwiegend kleine Schätzchen und keine Museums­leichen entdeckt, davon kann man sich seit 25 Jahren auf seinem kleinen, aber hyper­feinen Festival Alte Musik Knecht­s­teden überzeugen.

Allein das Abschluss­konzert mit den von ihm auf Spitzen­niveau gehal­tenen Haupt­en­sembles, der Rheini­schen Kantorei und dem Kleinen Konzert, entpuppte sich als Schatz­kästlein voller Überra­schungen. Ein Abend mit dem Titel Luther und die Chori Musici kommt natürlich nicht an Johann Sebastian Bach vorbei. Und dass von diesem Giganten wenigstens eine Motette auf dem Programm steht, ist Ehren­sache. Bemer­kens­werter noch als die perfekt inter­pre­tierte Motette Der Geist hilft unser Schwachheit auf, mit dem der Abend und das Festival glanzvoll schließt, fällt der Blick auf Vertreter der Bach-Dynastie aus, die bisher kaum zur Kenntnis genommen wurden. Das Interesse an zumindest einigen Söhnen Bachs ist erfreu­li­cher­weise in den letzten Jahren gestiegen. Die zurück­lie­genden Genera­tionen mit den Großvätern, Vätern, Onkeln und Vettern, die das ostdeutsche Musik­leben lange vor der Geburt des Großmeisters belebten und bestimmten, blieben bisher nahezu unberücksichtigt.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Gewiss ist die Quellenlage nicht so reichlich bestückt wie bei Johann Sebastian und seinen Söhnen. Aber Max hat wieder einmal bewiesen, dass man fündig wird, wenn man nur danach sucht. Wobei nicht nur die kompo­si­to­rische Qualität der Vorfahren beein­druckt, sondern auch der Bezug zum Zeitge­schehen und zum alltäg­lichen Leben, der teilweise andere Aspekte beleuchtet als das Werk Johann Sebastian Bachs, der seine Kindheit in relativ fried­lichen Zeiten verbringen konnte. Ganz anders dessen Großonkel Johann Bach, der die Schrecken des Dreißig­jäh­rigen Krieges durch­leiden musste und in der ergrei­fenden achtstim­migen, zweichörig angelegten Motette Unser Leben ist ein Schatten zum Ausdruck bringt.

Ich habe dich ein klein Augen­blick verlassen ist das „Concert für acht Stimmen und Basso continuo“ aus der Feder von Johann Sebas­tians Vetter Johann Ludwig Bach überschrieben, eines der wenigen Zeugnisse, die den damals alltäg­lichen Kindstod thema­ti­sieren. Angelegt ist das Werk als Dialog zwischen der Trauer­klage der Eltern und den trost­spen­denden Botschaften des verstor­benen Kindes, das die Eltern mit der Gewissheit trösten möchte, dass es ihm in „Reich der Freuden“ gut gehe. Grandios kompo­niert, zeigt das Werk, dass der Tod eines Kindes den damaligen Eltern nicht weniger schmerzhaft ans Herz gegangen ist als uns heute und welche Kraft die Religion ausübte, um den trauernden Menschen eine Chance zu geben, die schreck­lichen Ereig­nisse zu ertragen.

Gala Winter – Foto © Michael Rathmann

Einen zweiten Schwer­punkt setzt Max mit der Gegen­über­stellung protes­tan­ti­scher und gegen­re­for­ma­to­ri­scher Musik, die allesamt von pädago­gi­schen Aspekten mitbe­stimmt wurden. Man sollte nicht vergessen, dass erst Luthers Impulse für eine hochwertige Schul­bildung für Jungen und Mädchen, bei der das Musizieren und vor allem das Singen eine wesentlich größere Rolle spielten als im heutigen Schul­wesen, die Jesuiten zur gegen­re­for­ma­to­ri­schen Maßnahme anregten, ein eigenes, bis heute zu Recht hoch geschätztes Schul­system zu etablieren.

Musika­lisch von Interesse ist dabei der Vergleich dreier Motetten von Johann Hermann Schein, als Thomas­kantor ein Vorgänger von Johann Sebastian Bach, mit Ausschnitten aus Giacomo Caris­simis geist­lichem Oratorium Jephtah aus dem Jahre 1650. Carissimi gehört zu den bedeu­tendsten Kompo­nisten der Gegen­re­for­mation, und der Dialog zwischen Jephtah und seiner Tochter, die der Vater aufgrund eines furcht­baren Gelübdes opfern muss, ist stark vom monodi­schen, affekt­be­tonten Stil der frühen Oper Monte­verdis geprägt. Scheins Motetten sind noch dem älteren Chorstil verhaftet, orien­tieren sich jedoch gleich­falls an italie­ni­schen Stilen. Ein schönes Beispiel, wie stilis­tisch flexibel und aufge­schlossen die frühen Luthe­raner musika­lisch agierten. Durchaus im Sinne Luthers, der sich vehement gegen alle kirchen­mu­si­ka­li­schen Einschrän­kungen, wie sie Pietisten und Calvi­nisten forderten, wehrte. Eine ästhe­tische Toleranz, von der letztlich auch Johann Sebastian Bach profitierte.

Am Niveau der Ausführung durch acht Sänge­rinnen und Sänger der Rheini­schen Kantorei sowie der mit Chitarrone, Harfe, Violone und Orgel besetzten Basso-continuo-Gruppe des Kleinen Konzerts unter der souve­ränen Leitung von Hermann Max gibt es nicht das Geringste auszu­setzen, auch wenn das Instru­men­tal­quartett bisweilen klanglich stark im Hinter­grund bleibt. Dabei belässt es Max freilich nicht. Er engagierte Gala Winter vom Schau­spielhaus Hamburg, um den Abend zu einem „Theatra­li­schen Konzert“ zu erweitern. Eine schwierige Aufgabe, die die junge Schau­spie­lerin fanta­sievoll löst, indem sie nach Caris­simis Jephtah mit Körper und Stimme den Schmerz Jephtahs über sein unseliges Gelübde intensiv und lautstark zum Ausdruck bringt. Nach der Pause stimmt sie das Publikum mit einer kurzen Pantomime ein, indem sie, still auf einem Stuhl sitzend, in krasse Unruhe verfällt und ihren ganzen Körper zum Schütteln bringt. Momente der inneren Erregung, die durchaus zu den gewählten Musik­stücken passten, auch wenn mancher Besucher etwas verwundert reagiert.

Insgesamt ein großar­tiger Abend. Entspre­chend begeistert fällt der Beifall des aufmerksam zuhörenden Publikums zum glanz­vollen Abschluss des Festivals aus.

Pedro Obiera

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