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LA BOHÈME
(Giacomo Puccini)
Besuch am
7. Oktober 2017
(Premiere am 16. September 2017)
La Bohème in der Provinz gestaltet sich häufig zu einem deutlich intensiveren Erlebnis als an großen Häusern. Die Hochschulzeit der Sängerdarsteller und oft auch des Leitungsteams liegt noch einigermaßen nahe. Gleichzeitig wächst mit der Bühnenerfahrung auch die künstlerische Souveränität. In Koblenz macht man sich diese Vorzüge nur sehr bedingt zu eigen.
Erfahrene Sängerdarsteller, die sich längst im Engagement befinden, agieren bei Bettina Geyer ganz, als ob sie auf die Hochschulbühne zurückgekehrt wären, um dort die Studienzeit wiederaufleben zu lassen. Spielfreudig und zugleich ihrer Mittel noch nicht ganz sicher, eilen sie ebenso munter, aber ein wenig linkisch über die Bühne – grundsympathisch, doch in ihren Rollen noch unerfahren. Beflissen, dabei ohne zwingende Figurenkonstellationen heraus zu arbeiten, verschenkt die Spielleiterin auf diese Weise eine ganze Menge an szenischem Kapital. Mimì etwa wartet, als ob sie in der Gasse stünde, regelrecht auf das Stichwort zu ihrem Auftritt. Am Schluss des zweiten Bildes quetscht die als fernöstlicher Drache auftretende banda die eigentlich triumphierende Musetta nicht nur an den Bühnenrand, Geyer lässt sie vielmehr wie ein bloßes Requisit abräumen. Auch sonst ordnet Geyer die dramatische Konstellation dem hübschen Einfall unter. Die kameradschaftliche Balgerei der Freunde im Schlussbild kümmert sich wenig um die Musik aus dem Graben. Das Schlusstableau zeigt die Bohemiens in den traditionell erstarrten Posen. Mag die Kombination aus Unfertigem und Treuherzigkeit sich oft anrührend ausnehmen, sie trägt nicht durch den Abend. Der studentische Budenzauber verfliegt.
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Für seinen Kulissenbaumarkt stoppelt Fabian Lüdicke allerlei Versatzstücke zusammen, aus denen das Weichbild einer beliebigen Großstadt ersteht, deren scheußlich gepinselte Wolkenkratzer in der Ferne aufleuchten. Ganz an dieser Peripherie urbanen Lebens kampieren die Bohemiens im klapprigen, grünen Kleinwagen oder – wie Rodolfo – im Einpersonenzelt. Das nicht eben breite Koblenzer Bühnenportal noch mit einer parallel zur Rampe gestellten Wand einzuengen, muss einem erst einmal einfallen. Jedenfalls ist die Welt bunt und blinkt in billigem Flitterkram. Die Bohemiens legen im letzten Bild einen Tankstop ein. Mimi haucht ihr Leben an einer Zapfsäule aus.
Carla Friedrich staffiert Rodolfo als Rolando Villazón fürs Abonnement aus. Womit Mimì nach der Trennung von Rodolfo ihr Geld verdient, belegt die platinblonde Perücke. Marcello in wild gemustertem Hemd, enganliegendem Lederjackett und goldenem Halskettchen zählt modisch nicht zu den Bohemiens, sondern in die Halbwelt.
Murger prophezeit den Helden seiner Scènes de la vie de bohème, sie werden entweder in der Gosse oder der Akademie landen. Angesichts dessen, was in dieser Produktion szenisch vorgeht, kann zu einer Wette auf die Akademie nicht geraten werden.

Der Chor des Theaters Koblenz samt Extrachor unter Leitung von Ulrich Zippelius setzt sich stimmlich brachial in Szene. Manfred Faig und Wolfram Hartleif haben den vokal agilen Kinderchor einstudiert.
Dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie fordert Enrico Delamboye forsche Tempi ab. Auf Kosten der impressionistischen Tonmalerei und veristisch- affektiven Umschwünge, die überdies im Einheitsmezzoforte untergehen.
Marco Antonio Rivera ist Rodolfo. Riveras Mittellage klingt uneinheitlich, bald eng, bald trüb. Dann wieder schwingt er sich zu emphatischen Bögen auf. Sein hohes C beeindruckt. Die Mimì von Sara Rossi Daldoss wartet mit wunderbar gerundeten Ansätzen auf, verhärtet sich dann aber. Christoph Plessers enthält Marcello die baritonale Kernhaftigkeit vor. Hana Lee ist eine Musetta, die stimmlich jede Phrase ihrer Partie auskostet. Darstellerisch behält sie – wo immer es ihr die Regie ermöglicht – das Heft in der Hand. Nico Wouterse als Schaunard wartet mit virilem Bariton auf. Jongmin Lim ist ein echter basso profondo, dessen Phrasierung gleichwohl noch gewinnen kann.
Der Beifall ist herzlich. Auch, weil die älteren Theaterbesucher dank der deutschen Übertitel endlich die vielen Pointen und intellektuellen Volten des Librettos mitbekommen und diese entzückt flüsternd kommentieren.
Michael Kaminski