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Nicht für schwache Nerven

GLARE
(Sören Nils Eichberg)

Besuch am
11. März 2017
(Deutsche Erstaufführung)

 

Theater Koblenz

Nach der Premiere von Philip Glass‘ The Fall of the House of Usher am Vorabend lässt die deutsche Erstauf­führung von Sören Nils Eichbergs Kammeroper Glare das Koblenzer Publikum erneut in seelische Abgründe blicken.  Die am Premie­ren­abend zum Teil lichten Reihen in Parkett und Rängen verwundern angesichts des packenden Werks und seiner vollständig gelun­genen musika­li­schen Realisierung.

Glare ist Sören Nils Eichbergs zweite Oper. Das Libretto schrieb Hannah Dübgen. Die Urauf­führung des etwa 80-minütigen Stücks fand am 15. November 2014 im Linbury Theatre, der Studio­bühne des Londoner Royal Opera House, statt.

Die Handlung: Alexander und die an Schönheit und partner­schaft­licher Empathie vollkommene Lea sind ein Paar. Doch Alexanders abgefeimter Freund Michael enthüllt ihm, Lea sei androides Produkt aus dem Zukunfts­la­bo­ra­torium, in dem er arbeite. Die Situation kippt. Künftig sieht Alexander in Lea den bloßen, auf seine Bedürf­nisse program­mierten Automaten. Allein deshalb sei sie unfähig, ihm Leid zuzufügen. Um den steilen Verdacht zu beweisen, fordert er Lea auf, seine Hand zu verletzen. Sie weigert sich. Alexander gerät in Wut. Während einer Rangelei mit dem Messer tötet er sie versehentlich.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Damit die vierte Figur im Stück nicht unter­schlagen werde, sei erwähnt, dass sich die wohl als Gegenbild zu Lea angelegte Christine, Ex-Partnerin Alexanders, mit unerwi­derten lesbi­schen Avancen an die tatsäch­liche oder vermeint­liche Androidin ins Spiel mischt, ohne das Stück entscheidend voran­zu­bringen. Eine drama­tur­gische Schwäche der Oper.

Handlung und Sprache des sich sonst durch zahlreiche Finessen auszeich­nenden Librettos spielen mit dem scharf­sinnig und geradezu perfide arran­gierten Wechsel der Indizien sowohl für die künst­liche wie für die mensch­liche Lebensform Leas.  Das Publikum wird auf virtuose Weise verun­si­chert. Nie soll es sich darüber im Klaren sein, ob etwa stereotype Redewen­dungen auf Automa­ten­haf­tigkeit oder schlicht auf mensch­liche Konven­tionen hinweisen. Daher bleibt auch im Zwielicht, ob der Wissen­schaftler Michael tatsächlich der Konstrukteur eines Androiden ist oder sich gegenüber Alex einen alles andere als freund­schaft­lichen, ja, diabo­li­schen Scherz leistet.

Eichbergs Musik baut sich über massiver Bassgrundlage elektro­ni­scher Klänge, tiefer Holzbläser und Streicher auf. Die Funk- und Techno-Anklänge raunen, pulsieren und schrillen. Elektronik und Perkussion sind mit den klassi­schen Orches­ter­gruppen wie zu einem thril­lerhaft dichten Geflecht hochent­zünd­licher Nerven­bahnen verwoben. Raffi­niert verwendet Eichberg erledigt geglaubte Mittel wie Erinne­rungs­motive, um den Verdacht auf maschinell repro­du­zierte Roboter­phrasen in den Kanti­lenen Leas zu nähren. Dennoch sind die Erinne­rungs­motive auf eine solche Deutung nicht festgelegt. Wie die Hörer Leas Schön­gesang aufnehmen, hängt von den wohlmei­nenden oder bösgläu­bigen Vorur­teilen ab, die sie mit sich herumtragen.

Nach The Fall of the House of Usher am Vorabend zeichnet auch für Glare das Regieteam um Waltraud Lehner szenisch verant­wortlich. Die Figuren bleiben weitgehend sich selbst überlassen. Punktuelle Exzesse täuschen darüber nicht hinweg. So eskaliert Lehner die Situation nicht allein zur vom Stück verlangten Verge­wal­tigung Leas durch ihren vorgeb­lichen Konstrukteur Michael. Die Regis­seurin sieht Lea überdies von der abgewie­senen Christina genot­züchtigt. Eigens für die doppelte Schändung lässt die Regis­seurin einen Billard­tisch auf die Bühne stellen, der als Tatort zweck­ent­fremdet wird.

Ulrich Frommhold wirtschaftet den spitz­bogen- und maßwerk­freu­digen Famili­ensitz der Usher unter Beibe­haltung der Gotizismen zu einer Behausung herunter, in der allen­falls illegale Migranten als Opfer von Miethaien oder Hausbe­setzer zu erwarten sind, nicht aber die zu den Gutver­dienern zählenden Figuren aus Eichbergs Oper. Katherina Kopp kleidet sie für das Milieu der oberen Mittel­schicht angemessen, Christine darf Eleganz zeigen. Die Videos von Georg Lendorff proji­zieren auf die gotischen Wände meist Muster aus dem nächst­ge­le­genen Tapetengeschäft.

Musika­lisch überzeugt der Abend restlos.

Foto © Matthias Baus

Stupend in Darstellung und Stimme tritt Hana Lee die Gratwan­derung zwischen künst­licher Lebensform und Mensch an. Lee singt und agiert so android wie nötig und so menschlich wie möglich. Und umgekehrt. Nichts ist von olympia­haften Automa­tismen zu vernehmen. Leichthin bewegt sich Lee durch die Strato­sphären-Tessitura ihrer Partie. Sie klingt dabei nie kalt und tot, noch die exaltier­testen Töne sind beseelt. Entweder ist die von Lee kreierte Lea der perfekte Mensch oder der perfekte Android.

Die nahezu helden­te­no­ralen Anfor­de­rungen steht Martin Shalita nicht nur durch, sondern legt in seine Stimme gleicher­maßen begeh­rende Emphase, Zweifel und glanz­volle Lamenti gekränkter Eigen­liebe über die als Androidin verdäch­tigte Lea, ein Narzissmus, der sich vokal prächtig zu der hirnlosen Forderung aufschwingt, die Geliebte möge ihn mit dem Messer verletzen. Shalita verdeut­licht stimmlich glaubhaft, dass Alex eben kein Hoffmann ist, der über dem zerstörten Automaten zusam­men­bricht, sondern Freund Michael viril auffordert, für Ersatz zu sorgen. Die vom Libretto vernach­läs­sigte Rolle der Christina beansprucht einzig durch das stimm­liche Engagement Haruna Yamazakis Aufmerk­samkeit. Ihr strahl­kräf­tiger Mezzo­sopran formt ebenso unerwartete wie elegante Spannungs­bögen. Der ausge­spro­chene Sarkasmus des den Androiden-Konstrukteur womöglich nur fingie­renden Michael handhabt Christoph Plessers mit schlankem Bariton, der in Schlüs­sel­szenen markante Akzente setzt.

Das aus Mitgliedern der Rheini­schen Staats­phil­har­monie zusam­men­ge­setzte Kammer­or­chester reali­siert unter Karsten Huschke am Pult den stilis­ti­schen Mix aus elektro­ni­schen und akusti­schen Klängen mit präzise und vehement entfes­selter Schubkraft.

Der Beifall für das Regieteam ist freundlich, der Komponist und die musika­li­schen Akteure werden gefeiert.

Leider sind nur vier weitere Vorstel­lungen angesetzt. Dabei bietet Glare gerade für ein jüngeres Publikum starke musik­dra­ma­tische Reize und thema­ti­schen Zündstoff. In der kommenden Spielzeit ist Eichberg rhein­auf­wärts gefragt. Das Staats­theater Wiesbaden kündigt die Urauf­führung seiner Oper Anderland an.

Michael Kaminski

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