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CORPS OUBLIÉS/FRÜHLINGSOPFER
(Mehdi Farajpour)
Besuch am
14. Mai 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Zum 16. Mal ist Köln Schauplatz des gut zweiwöchigen Sommerblut-Festivals. Unter dem Generalthema Rausch stellte das Sommerblut Kulturfestival unter Leitung von Rolf Emmerich ein Programm mit über 50 Veranstaltungen zusammen, die innerhalb von 17 Tagen bis zum 21. Mai an 24 Spielorten der Stadt gezeigt werden. Zum Zug kommen Produktionen alternativer und freier Künstler und Gruppierungen unterschiedlichster Ausrichtung aus der Stadt, aber auch vieler Gäste aus nah und fern. Die internationale Ausrichtung ist den Programmgestaltern ebenso wichtig wie das Zusammenwirken aller künstlerischen Sparten.
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Mit einem einmaligen Gastspiel füllte die in Paris ansässige, jedoch bereits vor 14 Jahren im Iran gegründete Tanzgruppe Oriantheatre Dance Compagney mit einer einstündigen Performance die Zuschauertribüne der Bühne der Kulturen in Köln-Ehrenfeld. Hinter dem geheimnisvollen Titel Corps Oubliés/Das Frühlingsopfer verbirgt sich Igor Strawinskys epochales Ballett Le Sacre du Printemps, einem vor Dynamik strotzenden klanglichen Kraftwerk, dem der Theaterleiter und Choreograf Mehdi Farajpour mit den Corps Oubliés, den „vergessenen Körpern“, eine Gegenwelt des Schweigens oder des stummen Aufstampfens gegenüberstellt. Denn bevor nach etwa zehn Minuten der erste Ton der genialen Strawinsky-Partitur anklingt, ist außer zaghaften Trittgeräuschen, die sich immer aggressiver zuspitzen, von den elf Tänzern nichts zu hören. Die treten, allesamt als Muslimas in schwarze Jilbabs gehüllt, zur Gruppe zusammengeschweißt, vorsichtig, unsicher und misstrauisch auf, bevor sie nach und nach durch festes Auftreten der harten Schuhabsätze auf sich aufmerksam machen.

Als sich eine Frau ihrer Verhüllung entledigt und sich selbstbewusst in purer Nacktheit präsentiert, setzt Strawinskys Musik ein. Musik zu einem Ballett, in dem ein Mädchen den skythischen Frühlingsgöttern geopfert werden soll. Zunächst scheint es, als bereite sich die nackte Frau auf ihren Opfertanz vor. Allerdings betritt ein ebenfalls unbekleideter Mann die Bühne und verdrängt die Dame. Ob es zur Opferung kommt, wird nicht ganz ersichtlich, ist aber auch sekundär. Immerhin trauen sich einige Frauen, wenigstens ihre Jilbabs zu raffen und sich in schwarzen Dessous zu zeigen. Allerdings nur kurzzeitig wie ein schnell ersticktes Flackern einer hoffnungsvoll leuchtenden Flamme.
Farajpour tut gut daran, keine eindeutigen Antworten zu geben. Die Botschaft, die eigenen Körper nicht zu „vergessen“, kommt an. Nacktheit als Chiffre für die Befreiung von körperlicher und seelischer Unterdrückung mag ein wenig plakativ anmuten. Allerdings gehen sowohl der Choreograf als auch die Tänzer trotz splitternackter Tatsachen so sensibel mit dem Thema um, dass das Stück durchaus als seriöser Denkanstoß dienen kann.
Eines aufwändigen Bühnenbilds bedarf es angesichts der Thematik nicht. Man spielt auf leerem Bühnenboden, der Hintergrund wird zeitweise durch Videoeinblendungen von Linda Markusic ergänzt, die meist jedoch nicht mehr zeigen als eine Art weißes Rauschen.
Schade, dass man weder Namen noch Biografien der elfköpfigen Truppe erfährt. Das erfreulich junge Publikum reagiert äußerst begeistert auf die denkwürdige Performance. Zu denken sollte dabei die Tatsache geben, dass überwiegend privat organisierte Theater und Festivals wie das Sommerblut offenbar mehr junge Menschen erreichen als die großen, hochsubventionierten Bühnen. Nichts gegen die Kölner Oper oder das Schauspiel, aber ein wenig mehr für die so genannten Freien wäre mindestens so sinnvoll investiertes Geld.
Pedro Obiera