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COSÌ FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
22. April 2017
(Einmalige Aufführung)
Bei der Ankunft in Köln fühlt man sich als Besucher bei der bestbewachtesten Opernaufführung überhaupt. Die gesamte Innenstadt ist abgeriegelt, die Zufahrt zur Philharmonie gesperrt. Der Grund ist natürlich nicht die konzertante Aufführung von Così fan tutte sondern der Parteitag der AfD und die daraus resultierenden Gegendemonstrationen. Schade, dass so ein massiver Aufmarsch der Polizei notwendig ist. Vielleicht sind die zahlreichen freien Plätze im Saal eine Reaktion auf die doch angespannte Situation an diesem Tag in der Domstadt. Auch wenn es überwiegend friedlich zugeht. „Das Ensemble, das heute Abend Mozarts Così fan tutte aufführen wird, kommt aus den unterschiedlichsten Ecken dieser Welt. Die Freiheit der Künste ist unser aller Freiheit, die es in einem grenzenlosen Europa zu bewahren gilt“, bezieht Intendant Louwrens Langevoort Stellung.
Von einer Alternative für unser Land kann bei einer Politik der Ausgrenzung und Rückschritte also keine Rede sein. In der klassischen Musik gibt es dagegen viele Alternativen, was sie eben mit jeder neuen Aufführung so spannend macht. Gerade im Bereich der historischen Aufführungspraxis gibt es derzeit so schöne Vergleichsmöglichkeiten. Ob John Eliot Gardiner, Teodor Currentzis, Jérèmie Rhorer, um nur einige zu nennen – diese Dirigenten beleben mit neuen Impulsen die Musik. In Köln ist einer der großen Pioniere dieser Praxis zu Gast: René Jacobs. Schon vor zehn Jahren war er mit Mozarts Così in Köln zu Gast – eine Aufführung, die bis hin zur CD-Veröffentlichung Geschichte schrieb. So weit wird es diesmal nicht gehen, aber dennoch untermauert Jacobs seinen Ruf als Spezialist für Mozarts Musik. Gerade der Vergleich mit seinem Kollegen Teodor Currentzis bietet sich an, der in den letzten Monaten ebenfalls oft in Nordrhein-Westfalen zu erleben war: Wo Currentzis am Pult kaum zu bändigen ist, wo auch das Orchester fast überagiert, ist Jacobs mit seinen kleinen, kurzen Armbewegungen eine ruhende Konstante am Pult. Seine gesamte Interpretation der Oper ist im Laufe der Jahre eine Nuance ruhiger geworden, dafür aber auch in den Feinheiten noch deutlicher. Hier heben sich einzelne Achtel voneinander ab. Pausen werden noch deutlicher genutzt. Kommt dann der Herzschlag der Musik in Gang, läuft er ohne Rhythmusstörungen und Aussetzer. In diesem Körper lebt die Vielseitigkeit.
| Musik | ![]() |
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Der Körper – das ist in diesem Fall das Freiburger Barockorchester. Dieser geniale Klangkörper, der, egal unter welchem Dirigenten, zu einem neuen Spezialisten für diesen speziellen barocken Klang wird. Man sieht, wie die Musiker jeden Takt mitleben, ohne den körperlichen Ausdruck zu sehr zu übertreiben. Sie haben Spaß bei der Musik, das liest man in ihren Gesichtern. Sie spielen in dieser Interpretation auf Risiko. Denn das Klangbild ist so feinsinnig, dass man jeden kleinen Misston hört. Aber dafür hört man auch die vorantreibende Eleganz der Streicher und dazu auch noch in den unterschiedlichen Gruppen: Egal ob Geige, Bratsche, Cello oder Kontrabass – sie fügen sich zu einem verspielten Grundton der Opera buffa zusammen. Dazu der Atem der Holzbläser, der dem ganzen einen Hauch von Melancholie gibt. Die Blechbläser, die entschlossen, aber nie aggressiv sind. Die Pauke, die an wenigen Stellen den Rhythmus endgültig untermauert. Das Cembalo als kleines Rädchen der Untermalung und – ganz wichtig – zusammen mit dem Basso Continuo als Motor der Rezitative. Denn hier wird die Handlung vorangetrieben. Das alles zusammen spiegelt das wieder, was Mozart und der Librettist DaPonte in ihrer bis heute umstrittenen Oper über missverstandene Aufklärung und Gender-Klischees aussagen wollten.

Denn auch die sechs Charaktere sind im Prinzip Schablonen für das Zwischenmenschliche, das Tag für Tag abläuft. Die Così ist wie keine andere Oper Mozarts eine Ensemble-Leistung, und das wird hier in Köln eingefangen, wo sechs Solisten ideenreich miteinander singen. Das Timbre von Robin Johannsens Sopran zieht den Hörer vom ersten Ton an ihren Bann. Ihrer Fiordiligi mag es für die Momente wie das Come scoglio an der nötigen Resonanz fehlen. Dafür gelingt ihr die Magie ihrer zweiten Arie, das Per pietà umso besser. Wahrlich perfekt ist der Zusammenklang mit ihrer Bühnenschwester. Sophie Harmsens Mezzosopran ist die technisch beste Stimme des Abends. Präsent in allen Resonanzräumen und noch dazu schön theatralisch und temperamentvoll im Ausdruck, was besonders die Holzbläser zu spüren bekommen. Sunhae Im ist eine wunderbar freche Despina, die ihre vokalen Facetten schon in der Kleidung zum Ausdruck bringt. Sie mischt elegante High Heels und eine verspielte Bluse mit einer engen Jeans. Das Publikum geht bei ihren Arien mit. Gegenüber diesen präsenten Damen fallen Christian Senn und Mark Milhofer ein klein wenig zurück, weil ihre Stimmen nicht ganz so charakterstark sind. Bariton Senn trumpft mit markantem Material als komödiantischer Guglielmo auf. Milhofers angenehmer Tenor bleibt im ersten Akt im Ensemble etwas blass, singt sich dann im zweiten Akt mit seinen beiden schön gestalteten Arien etwas freier. Marcos Fink ist der Philosoph Alfonso, der mit viel Erfahrung seinen Bass-Bariton und Präsenz einbringt. Den Chorpart übernimmt die Vokalakademie Berlin in der Einstudierung von Frank Markowitsch. Das sind junge, unverbrauchte Stimmen, die in ihrer Leistung – und sei ihr Beitrag noch so kurz – an die der Solisten heranreichen.
Eine Regie gibt es an diesem Abend nicht, und dennoch wird die Oper aufgeführt. Die Sänger spielen einfach miteinander und geben damit den Text unverkrampft besser wieder als in vielen Inszenierungen dieser Oper. Die Bühne ist das Orchester, um das herum man sich bewegt und beim Spielen noch auf die Emotionen hört, die freigesetzt werden. Dazu noch Übertitel auf einer großen Tafel, damit Da Pontes genialer Text verständlich wird. Denn wie einige Damen überrascht und enttäuscht feststellen, wird ja italienisch gesungen. Und das übrigens besonders gut. Im Publikum sind alle Archetypen des Opernbesuchers vertreten. Die, die einschlafen; die, die ihr Handy anlassen; die, die reden; die, die den Saal vorzeitig verlassen. Aber auch die, die ihrem Hintermann schnell ein Hustenbonbon reichen, als diesen ein Hustenanfall heimsucht. Die, die im Rhythmus der Musik mitwippen; die, die alle Beteiligten mit Bravi-Salven und standing ovations verdientermaßen feiern.
Konsequenterweise gibt es kein einzelnes Verbeugen der Solisten. Man tritt als Einheit auf. Eine bessere Stellungnahme gegen die Politik der Ausgrenzung hätte die Kölner Philharmonie nicht geben können. Denn interessanterweise klingen an diesem Abend die Momente am besten, in denen sich alle Stimmen, alle Instrumente, mit all ihren unterschiedlichen Meriten und Eigenarten zu einem harmonischen, vielseitigen, zielgerichteten Ganzen fügen.
Christoph Broermann