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DIE VIERZIG TAGE DES MUSA DAGH
(Henrik Albrecht)
Besuch am
10. Mai 2017
(Uraufführung)
Köln-Ehrenfeld ist eines jener Stadtviertel, die jahrelang dem Verfall preisgegeben waren und heute ihren Kampf zwischen Wiederauferstehung und Gentrifizierung ausfechten. Paradox ist, dass hier ausgerechnet die Verkehrsinfrastruktur am ehesten die „Aufwertung“ verhindert. Enge Straßen mit schier irrsinnigen Einbahnstraßenregelungen und einer unüberschaubaren Vielzahl an Halte- und Parkverbotsschildern, die mit Autos vollgestopft sind, in denen Fußgänger und Fahrradfahrer fahrende Autos schlicht ignorieren, sind keine gute Grundlage für Ghettos, in denen sich überhöhte Mieten erzielen lassen. Aber wer in Köln anspruchsvolle kulturelle Unterhaltung sucht, wird immer häufiger in den Stadtteil verschlagen. Ein Beispiel dafür ist die Bühne der Kulturen von Feramuz Sancar. Ein kleines Theater, das sich zur Aufgabe gestellt hat, den Austausch der Kulturen auf theatralem Boden voranzutreiben. Um Sprachschwierigkeiten auszuhebeln, soll die Ausdruckskraft der dort gezeigten Inszenierungen in der Poesie von Musik und Bewegung liegen. Ein schöner Gedanke.
Und kein Grund, an „Weichspül-Theater“ zu denken. Das Stück über Ehrenmorde hat es hier schon gegeben. Jetzt ist der armenische Genozid während des Ersten Weltkriegs dran. Andreas Durban, Künstlerischer Leiter der Kölner Literaturoper und Liebhaber ausgefallener Spielorte, lässt Gesangsstudenten der Kölner Musikhochschule antreten, um eine Oper aufzuführen, für die er nach dem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh von Franz Werfel das Libretto angefertigt hat. Dass er außerdem Regie führt, die Organisation am Hals hat und nicht nur nebenbei den Nachwuchstalenten schauspielerische Kenntnisse beibringt, ist bei der Literaturoper eine klare Sache. Immerhin kann er auf ein bewährtes Team zurückgreifen. An seiner Seite als Komponist Henrik Albrecht und Georg Leisse als Musikalischer Leiter. Seit Jahren arbeiten sie erfolgreich zusammen. Aber diesmal haben sie sich selbst übertroffen.
Gewiss, es gibt Schwächen. Durban wäre möglicherweise in der Aussage schärfer, präziser geworden, wenn er sich weiter vom Roman gelöst hätte. Das verbietet aber die Aufgabenstellung der Literaturoper. Albrecht hätte möglicherweise mit mehr Mut zur Melodie da, wo er schwieg, mehr „Pep“ in die Oper bringen können. Aber wer will über den Konjunktiv urteilen? Im Indikativ gibt es eine dreistündige Oper zu sehen, die alles hat, um den Zuschauer über den langen Zeitraum zu tragen. Das Drama beginnt so langsam wie unaufhaltsam, um sich über zwischenzeitlich starke Bilder zu einem furiosen Finale zu steigern.
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| Regie | ![]() |
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Die Geschichte führt, wie es sich für eine Oper gehört, in die Abgründe menschlichen Daseins. Ein gebürtiger Armenier studiert erfolgreich in Paris, was nur möglich ist, weil ihn sein Onkel aus Armenien finanziell unterstützt. Inzwischen ist Gabriel Bagradian verheiratet, hat einen Sohn, als sein Onkel ihm schreibt, dass er Hilfe braucht. Bagradian, der sich längst als Franzose fühlt, zögert, bis es zu spät ist. Als er und die Familie in Istanbul eintreffen, ist der Onkel nach Musa Dagh weitergereist, um dort zu sterben. Aber anstatt sich um den Nachlass kümmern zu können, gerät die junge Familie in den Genozid. Und Bagradian muss sich bekennen. Aber eben nicht nur er, sondern auch seine Frau Juliette und sein Sohn Stephan, 13 Jahre alt. Sauber gezeichnete Charaktere gefallen hier. Die Frau, die sich aus der Ehe heraus zur Solidarität verpflichtet fühlt, ohne sich oder ihren Sohn wirklich in die armenische Dorfgemeinschaft einfügen zu lassen. Der Sohn, der sich allzu gern assimilieren möchte, um nicht ständig ausgelacht zu werden. Und der Vater, der zwischen Herkunft und neuer Heimat trudelt, um sich schließlich für seine humanitären Pflichten zu entscheiden. Für die Literaturoper wäre es viel zu oberflächlich, nur für oder gegen den Völkermord zu urteilen. Differenziert werden allgemeine Themen wie die Notwendigkeit von Krieg, die „höheren Interessen“ der Kriegsmächte sowie persönliche Konflikte verhandelt. Ob die hochdramatische Auflösung dem persönlichen Geschmack entspricht, muss jeder für sich selbst entscheiden, zumal sie einem früheren Zitat zu widersprechen scheint, wenn Bagradian sagt: „Wir gehören weniger dahin, wo wir herkommen, sondern dahin, wo wir hinwollen.“
Die Bühne ist so einfach gestrickt, dass sie den Verantwortlichen nicht einmal die Namensnennung des Bühnenbildners wert ist. Obwohl das ein wenig ungerecht erscheint. Im Hintergrund eine weiße Leinwand, auf die Birgit Pardun verschwommene Landschaftsbilder und Handmalereien projiziert. Links davor das Orchester. Und auf der Bühne – nichts. Permanent müssen die Akteure die Accessoires wie Stühle, Koffer, Bücher oder Teppiche hereintragen und deponieren. Das wirkt und schafft viel Bewegung auf der Bühne. Das Licht von Michael Vervoorts muss spielortbedingt einfach ausfallen. Trotzdem gelingen ihm eindrucksvolle Effekte. Angela Schütt besorgt die Kostüme. Die sind eigentlich stimmig und fantasievoll, aber der letzte Pfiff, der Hauch Erotik, der an mancher Stelle angebracht wäre, fehlt. Damit wirkt es schon mal ein wenig bieder. In Extremsituationen neigen Menschen zur verstärkten Sexualität. Das ist auch hier so.

Aber bei den Darstellern bleibt es behaglich. Vielleicht sind sie einfach zu beschäftigt, um sich um die Ausarbeitung dieser Szenen auch noch kümmern zu können. Gesanglich sind die Anforderungen eher bescheiden und so erfüllen die Nachwuchstalente sie allesamt mit Bravour. Interessanter sind hier die gesprochenen Dialogszenen, die nahezu durchgängig überzeugend absolviert, statt deklamiert werden. Aus einer fantastischen Gesamtleistung des Ensembles ragen naturgemäß die Hauptpersonen heraus. Marek Reichert als Bagradian meistert die Zerrissenheit vorzüglich und legt ein erstaunliches Volumen an den Tag. Mit ungewöhnlicher Spielfreude und Wandlungsfähigkeit sowie einem schön ausgebildeten Sopran prädestiniert sich Svenja Lehmann als Sohn Stephan für ungewöhnliche Rollen-Typen. Katharina Fuchs gefällt vor allem in ihrer Textverständlichkeit als Juliette. Gleich eine Vielzahl von Rollen verkörpert Julie van Cauteren mit Spielwitz und großem Selbstbewusstsein. Ohne jeden einzelnen der Solisten namentlich nennen zu wollen, darf man dem gesamten Ensemble hohes Engagement und eine für den Ausbildungsstand ungewöhnliche Professionalität bescheinigen. Denn vom Textvolumen her kennt Durban keine Schonung. Jeder einzelne hat ein immenses Pensum zu bewältigen. Und das gelingt ohne jede Kritik.
Georg Leisse hat wieder die musikalische Leitung des insgesamt sechsköpfigen Orchesters vom Klavier aus übernommen. Henrik Albrecht hat mit Klavier, Vibraphon, Schlagwerk, drei Trompetern und einem Streicher eine recht ungewöhnliche Besetzung gewählt. Der Streicher hat zusätzlich zur Geige eine Violintrompete zur Verfügung, die der Komposition exotische Klänge zu verleihen vermag. Albrecht vermeidet allzu folkloristisch-orientalische Klänge, sondern konzentriert sich auf den Spannungsbogen, der aus der Musik eine aufsteigende Kaskade macht. Hier langweilen keine zeitgenössischen Klangteppiche, stattdessen unterstreichen pointierte Einsätze die Gesamtwirkung. Es entsteht eine Musik, die auch über den Tag hinaus Bestand hat.
Der Komponist zeigt sich – zu Recht – beglückt, von der Wirkung, die sein Werk in der Interpretation entfaltet. So wie auch das Publikum, teils stehend, stürmisch applaudiert. In Köln-Ehrenfeld ist, abseits großer, mit Millionenbudgets bewehrten Bühnen, ein in jeder Hinsicht faszinierendes Werk entstanden, das keine griechische Mythologie zu bemühen braucht, um die existenziellen menschlichen Fragen der Gegenwart auf die Bühne zu heben. Und Mut macht es auch. Wie heißt es so schön? „Das Parfum der Zukunft riecht nach Freiheit und Toleranz, Madame“. Jeder der an der Entstehung Beteiligten darf stolz darauf sein, hier und heute ein Stück Operngeschichte mitgeschrieben zu haben.
Michael S. Zerban