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Foto © André Scollick

Genozid in Ehrenfeld

DIE VIERZIG TAGE DES MUSA DAGH
(Henrik Albrecht)

Besuch am
10. Mai 2017
(Urauf­führung)

 

Litera­turoper Köln,
Bühne der Kulturen

Köln-Ehrenfeld ist eines jener Stadt­viertel, die jahrelang dem Verfall preis­ge­geben waren und heute ihren Kampf zwischen Wieder­auf­er­stehung und Gentri­fi­zierung ausfechten. Paradox ist, dass hier ausge­rechnet die Verkehrs­in­fra­struktur am ehesten die „Aufwertung“ verhindert. Enge Straßen mit schier irrsin­nigen Einbahn­stra­ßen­re­ge­lungen und einer unüber­schau­baren Vielzahl an Halte- und Parkver­bots­schildern, die mit Autos vollge­stopft sind, in denen Fußgänger und Fahrrad­fahrer fahrende Autos schlicht ignorieren, sind keine gute Grundlage für Ghettos, in denen sich überhöhte Mieten erzielen lassen. Aber wer in Köln anspruchs­volle kultu­relle Unter­haltung sucht, wird immer häufiger in den Stadtteil verschlagen. Ein Beispiel dafür ist die Bühne der Kulturen von Feramuz Sancar. Ein kleines Theater, das sich zur Aufgabe gestellt hat, den Austausch der Kulturen auf theatralem Boden voran­zu­treiben. Um Sprach­schwie­rig­keiten auszu­hebeln, soll die Ausdrucks­kraft der dort gezeigten Insze­nie­rungen in der Poesie von Musik und Bewegung liegen. Ein schöner Gedanke.

Und kein Grund, an „Weichspül-Theater“ zu denken. Das Stück über Ehren­morde hat es hier schon gegeben. Jetzt ist der armenische Genozid während des Ersten Weltkriegs dran. Andreas Durban, Künst­le­ri­scher Leiter der Kölner Litera­turoper und Liebhaber ausge­fal­lener Spielorte, lässt Gesangs­stu­denten der Kölner Musik­hoch­schule antreten, um eine Oper aufzu­führen, für die er nach dem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh von Franz Werfel das Libretto angefertigt hat. Dass er außerdem Regie führt, die Organi­sation am Hals hat und nicht nur nebenbei den Nachwuchs­ta­lenten schau­spie­le­rische Kennt­nisse beibringt, ist bei der Litera­turoper eine klare Sache. Immerhin kann er auf ein bewährtes Team zurück­greifen. An seiner Seite als Komponist Henrik Albrecht und Georg Leisse als Musika­li­scher Leiter. Seit Jahren arbeiten sie erfolg­reich zusammen. Aber diesmal haben sie sich selbst übertroffen.

Gewiss, es gibt Schwächen. Durban wäre mögli­cher­weise in der Aussage schärfer, präziser geworden, wenn er sich weiter vom Roman gelöst hätte. Das verbietet aber die Aufga­ben­stellung der Litera­turoper. Albrecht hätte mögli­cher­weise mit mehr Mut zur Melodie da, wo er schwieg, mehr „Pep“ in die Oper bringen können. Aber wer will über den Konjunktiv urteilen? Im Indikativ gibt es eine dreistündige Oper zu sehen, die alles hat, um den Zuschauer über den langen Zeitraum zu tragen. Das Drama beginnt so langsam wie unauf­haltsam, um sich über zwischen­zeitlich starke Bilder zu einem furiosen Finale zu steigern.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Die Geschichte führt, wie es sich für eine Oper gehört, in die Abgründe mensch­lichen Daseins. Ein gebür­tiger Armenier studiert erfolg­reich in Paris, was nur möglich ist, weil ihn sein Onkel aus Armenien finan­ziell unter­stützt. Inzwi­schen ist Gabriel Bagradian verhei­ratet, hat einen Sohn, als sein Onkel ihm schreibt, dass er Hilfe braucht. Bagradian, der sich längst als Franzose fühlt, zögert, bis es zu spät ist. Als er und die Familie in Istanbul eintreffen, ist der Onkel nach Musa Dagh weiter­ge­reist, um dort zu sterben. Aber anstatt sich um den Nachlass kümmern zu können, gerät die junge Familie in den Genozid. Und Bagradian muss sich bekennen. Aber eben nicht nur er, sondern auch seine Frau Juliette und sein Sohn Stephan, 13 Jahre alt. Sauber gezeichnete Charaktere gefallen hier. Die Frau, die sich aus der Ehe heraus zur Solida­rität verpflichtet fühlt, ohne sich oder ihren Sohn wirklich in die armenische Dorfge­mein­schaft einfügen zu lassen. Der Sohn, der sich allzu gern assimi­lieren möchte, um nicht ständig ausge­lacht zu werden. Und der Vater, der zwischen Herkunft und neuer Heimat trudelt, um sich schließlich für seine humani­tären Pflichten zu entscheiden. Für die Litera­turoper wäre es viel zu oberflächlich, nur für oder gegen den Völkermord zu urteilen. Diffe­ren­ziert werden allge­meine Themen wie die Notwen­digkeit von Krieg, die „höheren Inter­essen“ der Kriegs­mächte sowie persön­liche Konflikte verhandelt. Ob die hochdra­ma­tische Auflösung dem persön­lichen Geschmack entspricht, muss jeder für sich selbst entscheiden, zumal sie einem früheren Zitat zu wider­sprechen scheint, wenn Bagradian sagt: „Wir gehören weniger dahin, wo wir herkommen, sondern dahin, wo wir hinwollen.“

Die Bühne ist so einfach gestrickt, dass sie den Verant­wort­lichen nicht einmal die Namens­nennung des Bühnen­bildners wert ist. Obwohl das ein wenig ungerecht erscheint. Im Hinter­grund eine weiße Leinwand, auf die Birgit Pardun verschwommene Landschafts­bilder und Handma­le­reien proji­ziert. Links davor das Orchester. Und auf der Bühne – nichts. Permanent müssen die Akteure die Acces­soires wie Stühle, Koffer, Bücher oder Teppiche herein­tragen und deponieren. Das wirkt und schafft viel Bewegung auf der Bühne. Das Licht von Michael Vervoorts muss spiel­ortbe­dingt einfach ausfallen. Trotzdem gelingen ihm eindrucks­volle Effekte. Angela Schütt besorgt die Kostüme. Die sind eigentlich stimmig und fanta­sievoll, aber der letzte Pfiff, der Hauch Erotik, der an mancher Stelle angebracht wäre, fehlt. Damit wirkt es schon mal ein wenig bieder. In Extrem­si­tua­tionen neigen Menschen zur verstärkten Sexua­lität. Das ist auch hier so.

Marek Reichert und Katharina Fuchs – Foto © André Scollick

Aber bei den Darstellern bleibt es behaglich. Vielleicht sind sie einfach zu beschäftigt, um sich um die Ausar­beitung dieser Szenen auch noch kümmern zu können. Gesanglich sind die Anfor­de­rungen eher bescheiden und so erfüllen die Nachwuchs­ta­lente sie allesamt mit Bravour. Inter­es­santer sind hier die gespro­chenen Dialog­szenen, die nahezu durch­gängig überzeugend absol­viert, statt dekla­miert werden. Aus einer fantas­ti­schen Gesamt­leistung des Ensembles ragen natur­gemäß die Haupt­per­sonen heraus. Marek Reichert als Bagradian meistert die Zerris­senheit vorzüglich und legt ein erstaun­liches Volumen an den Tag. Mit ungewöhn­licher Spiel­freude und Wandlungs­fä­higkeit sowie einem schön ausge­bil­deten Sopran präde­sti­niert sich Svenja Lehmann als Sohn Stephan für ungewöhn­liche Rollen-Typen. Katharina Fuchs gefällt vor allem in ihrer Textver­ständ­lichkeit als Juliette. Gleich eine Vielzahl von Rollen verkörpert Julie van Cauteren mit Spielwitz und großem Selbst­be­wusstsein. Ohne jeden einzelnen der Solisten namentlich nennen zu wollen, darf man dem gesamten Ensemble hohes Engagement und eine für den Ausbil­dungs­stand ungewöhn­liche Profes­sio­na­lität beschei­nigen. Denn vom Textvo­lumen her kennt Durban keine Schonung. Jeder einzelne hat ein immenses Pensum zu bewäl­tigen. Und das gelingt ohne jede Kritik.

Georg Leisse hat wieder die musika­lische Leitung des insgesamt sechs­köp­figen Orchesters vom Klavier aus übernommen. Henrik Albrecht hat mit Klavier, Vibraphon, Schlagwerk, drei Trompetern und einem Streicher eine recht ungewöhn­liche Besetzung gewählt. Der Streicher hat zusätzlich zur Geige eine Violin­trompete zur Verfügung, die der Kompo­sition exotische Klänge zu verleihen vermag. Albrecht vermeidet allzu folklo­ris­tisch-orien­ta­lische Klänge, sondern konzen­triert sich auf den Spannungs­bogen, der aus der Musik eine aufstei­gende Kaskade macht. Hier langweilen keine zeitge­nös­si­schen Klang­tep­piche, statt­dessen unter­streichen pointierte Einsätze die Gesamt­wirkung. Es entsteht eine Musik, die auch über den Tag hinaus Bestand hat.

Der Komponist zeigt sich – zu Recht – beglückt, von der Wirkung, die sein Werk in der Inter­pre­tation entfaltet. So wie auch das Publikum, teils stehend, stürmisch applau­diert. In Köln-Ehrenfeld ist, abseits großer, mit Millio­nen­budgets bewehrten Bühnen, ein in jeder Hinsicht faszi­nie­rendes Werk entstanden, das keine griechische Mytho­logie zu bemühen braucht, um die existen­zi­ellen mensch­lichen Fragen der Gegenwart auf die Bühne zu heben. Und Mut macht es auch. Wie heißt es so schön? „Das Parfum der Zukunft riecht nach Freiheit und Toleranz, Madame“. Jeder der an der Entstehung Betei­ligten darf stolz darauf sein, hier und heute ein Stück Opern­ge­schichte mitge­schrieben zu haben.

Michael S. Zerban

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